Futter für die Ohren mit Deichkind, Arctic Monkeys, Biffy Clyro, Waeves und Power Plush


Deichkind In der Natur Review Kritik

So sehen Naturschützer aus, wenn sie Deichkind sind. Foto: Check Your Head / Benjakon

In der Natur (***1/2) sind Deichkind mit der erste Single ihres neuen Albums angekommen. Der Song mit Jodel-Refrain und erstaunlich wenig plakativem Saufparty-Flair wirkt zunächst etwas skurril und so, als seien Sebastian Dürre aka Porky, Henning Besser aka La Perla und Philipp Grütering aka Kryptik Joe nach 25 Jahren ihrer Karriere noch mehr in ihre eigene Welt voller Insider-Gags, Wahnsinn und schrägen Beats abgetaucht. Insbesondere in Kombination mit dem Video wird aber schnell klar, dass Deichkind hier nicht nur (wieder einmal) ihr sehr eigenes Ding machen, sondern (wieder einmal) auch den Finger am Puls der Zeit haben. Wenn beim Waldspaziergang ein Roboter-Hund dabei ist, man sich nur noch im Schutzanzug ins Freie wagen kann oder am Ende die Dystopie vom Planet der Affen zitiert wird, dann ist klar, was hier der Hintergrund ist. Zeilen wie „Ich hänge hier im Wald rum / ohne Hafermilch und Heizung“ zeigen, wie verwöhnt wir von Wohlstand, Sicherheit und Luxus sind, und wie wenig selbstverständlich (eben: natürlich) all diese Dinge bei genauerer Betrachtung sind. So wie Natur letztlich Erbarmungslosigkeit bedeutet, so erkennen wir durch die Folgen des russischen Angriffskriegs in der Ukraine, durch die spürbarer werdenden Effekte der globalen Erwärmung oder das Erodieren von gesellschaftlichem Zusammenhalt gerade, dass der vermeintliche Naturzustand unserer Gesellschaft mit Frieden, Wachstum und unendlichen Konsummöglichkeiten erstens im höchsten Maße fragil und zweitens keineswegs natürlich ist. In der Natur ist der erste Vorgeschmack auf das achte Album Neues vom Dauerzustand, das am 17. Februar 2023 erscheinen wird. Im Rahmen der dazugehörigen Tournee schauen Deichkind am 23. Juni auf der Festwiese in Leipzig vorbei.

Die erste große Tour als Headliner starten demnächst auch Power Plush, am 23. März 2023 werden sie dabei in Leipzig im Neuen Schauspiel zu sehen sein. Wie groß die Ambitionen der vier Chemnitzer*innen sind, haben die Singles Let’s Not Pretend, Homesick und Never, die im Herbst 2021 erschienene Debüt-EP Vomiting Emotions sowie Shows im Vorprogramm von Tocotronic, den Beatsteaks, Leoniden, Sportfreunden Stiller oder der Antilopen Gang angedeutet. Am 10. Februar 2023 gibt es Anja (Bass), Maria (Gitarre), Svenja (Gitarre) und Nino (Schlagzeug) erstmals auf Albumlänge, das Werk wird Coping Fantasies heißen und auf Beton Klunker Tonträger erscheinen, dem Label von Blond. Die neue Single Nothing Left To Lose (****) ist eine weitere Kostprobe. Auch Power Plush sind für den Videodreh ins Freie gezogen, wo sie neben Instrumenten aus Pilzen, Zuckerwatte oder Bauschaum offensichtlich viel Schwung, Ausgelassenheit und am Ende auch etwas Lust auf Randale gefunden haben. Das hätte schön zu den frühen Cardigans gepasst und macht mächtig Spaß.

Die Überleitung von Chemnitz zu Alex Turner, Jamie Cook, Matt Helders und Nick O’Malley erfolgt natürlich über die Kraftklub-Textzeile „Josh Homme hätte nie die Arctic Monkeys produziert“. Das war zum Glück diesmal nicht der Fall, stattdessen war die Band aus Sheffield für ihr siebtes Album wieder mit James Ford im Studio, der alle Platten seit Humbug (2009) betreut hat, so auch den 2018er Vorgänger Tranquility Base Hotel + Casino. Entstanden sind zehn neue Songs, die am 21. Oktober als The Car veröffentlicht werden. Die erste Single There´d Better Be A Mirrorball (***) zeigt, dass es eher wieder in Richtung Lounge und Eleganz geht als zurück zu Garage und Dreck. Im Video wird in körniger Optik analoge Technik vergangener Zeitalter zelebriert, was sehr schick ist, aber auch ziemlich ereignislos, trotz schönem Croonen von Alex Turner und famoser Streicher. Natürlich ist es schön, diese Band weiter beim Erwachsenwerden zu beobachten, die Frage, warum es nun eine zweite Besetzung der Last Shadow Puppets geben muss, beantwortet der Song indes nicht.

James Ford war auch der Produzent beim ersten Album von The Waeve. Hinter dem Duo stecken Graham Coxon (Gitarrist von Blur) und Rose Elinor Dougall (Gründerin der Pipettes). Diese reizvolle Paarung hat im Pandemie-Jahr 2020 zueinander gefunden und Anfang 2022 in London das gleichnamige Debütalbum aufgenommen, das ab 3. Februar 2023 erhältlich sein wird. Worin der Reiz für die beiden besteht, macht die erste Albumsingle Can I Call You (***1/2) schnell klar: Sie begeben sich hier auf ungewohntes Terrain mit einem schwermütigen, tiefgründigen, komplexen Song, der in der Nähe von Lana Del Rey beginnt, dann einen recht rasanten Beat und ein wildes Gitarrensolo bekommt, um Bläser angereichert wird (Graham Coxon spielt selbst das Saxofon) und schließlich einen unbehaglichen Harmoniegesang entfaltet, der Psychedelia oder P.I.L. heraufbeschwört. Das ist ziemlich abenteuerlich und unbedingt spannend.

Sie können wohl einfach nicht anders: Als Covid-19 den Plänen von Biffy Clyro einen Strich durch die Rechnung machte, die mit dem 2020er Album A Celebration Of Endings auf Tour gehen wollten, erfanden Simon Neil, James Johnston und Ben Johnston ein Setup, in dem sie diese Lieder trotzdem so gut wie möglich live zu ihren Fans bringen konnten. Die Livestream-Show war weit mehr als ein reguläres Konzert, das übers Internet verbreitet wurde, und wird jetzt in Form von A Celebration Of Endings – Live From The Barrowland Ballroom verewigt. Das Album erscheint am 14. Oktober als limitierte Edition auf Doppel-Vinyl sowie Blu-Ray samt Kunstdruck. Der Clip zu Tiny Indoor Fireworks (****) zeigt, mit wie viel Kreativität, Zusammenhalt und Energie sie damals diese Herausforderung angegangen sind. In diesen Tagen gibt es übrigens auch wieder das ursprüngliche Live-Erlebnis, wenn Biffy Clyro die sechs Deutschland-Konzerte der (mehrmals) verschobenen Europatournee nachholen.

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