Futter für die Ohren mit Deichkind, Kate Tempest, Skull Defekts, The Fog Joggers, The Provincial Archive und Lee Bains III & The Glory Fires


Deichkind machen einen irren WM-Song und starten damit ihr eigenes Label. Foto: Belle Music/Henning Besser

Deichkind machen einen irren WM-Song und starten damit ihr eigenes Label. Foto: Belle Music/Henning Besser

Gute WM-Songs erwartet man schon lange nicht mehr. Umso schöner, wenn dann doch einer kommt, auch noch aus denkbar überraschender Quelle: Deichkind hauen pünktlich zum Turnier in Brasilien Ich habe eine Fahne (****) raus, das man im Tausch gegen eine E-Mail-Adresse auf ihrer Homepage kostenlos runterladen kann. Natürlich ist das genau so anarchisch und kurzweilig wie man das von den Hamburgern kennt. Der Sound schwankt irgendwo zwischen den akustischen Äquivalenten einer Blutgrätsche und eines Maradona-Dribblings, der Text nimmt Fußball-Rituale wie Grillen, Patriotismuszwang und Gruppenbesäufnis mit Schwarz-Rot-Gold-Schminke aufs Korn. „Ein Monat Tunnelblick“ – das lässt sich mit diesem Track hervorragend ertragen. Ich habe eine Fahne ist übrigens auch der, ähem, Kick-Off für das eigene Label von Deichkind mit dem schönen Namen „Sultan Günther Music“, auf dem künftig alle Produkte des Kollektivs erscheinen werden.

Ob Lee Bains III etwas mit Fußball am Hut hat, ist nicht überliefert. Was aber gewiss ist: Gemeinsam mit seiner Band The Glory Fires steht er für im höchsten Maße feurigen Südstaatenrock. Gerade hat das Quartett aus Alabama sein zweites Album Dereconstructed veröffentlicht, den Opener The Company Man (***1/2) gibt es kostenlos als MP3 bei Soundcloud. Der Song bietet ein gewaltiges Riff, ein knochentrockenes Schlagzeug und eine Gitarre, die so tierisch verzerrt ist, dass man einen kaputten Verstärker vermuten muss. Das ist wie die gesamte Platte sehr kernig, explizit anti-modern und ein ziemlicher Arschtritt.

Wer das Cover des neuen Albums von The Fog Joggers auf deren Facebookseite teilt, wird mit einem Gratis-Download des Titelsongs From Heart To Toe (***) belohnt. Die Songs des neuen Albums seien „wie aus einem Guss“, meint Frontmann Jan Büttner, denn die Band hat diesmal gemeinsam im Proberaum komponiert. „Wir haben keine Altlasten mitgeschleppt. Entsprechend klingt auch das Album: frisch, frei und nach Aufbruch“, verspricht er. Der Titelsong belegt das: Nichts erinnert hier an Krefeld, die Heimat des Quartetts, stattdessen klingen Tom Petty oder die Counting Crows an, mit viel Kompetenz und, deutlich wichtiger, Leidenschaft.

Schweden hat sich bekanntlich (und leider) nicht für die WM in Brasilien qualifiziert, bietet musikalisch aber noch immer reichlich Weltklasse. Eines der abenteuerlichsten Beispiele dafür sind sicher Skull Defekts. Das Quintett hat gerade das Album Dances In Dreams Of The Known Unknown vorgelegt. Als einen Mix aus „Gehirnwäsche, Clockwork Orange mit Gitarren, und ein Meisterwerk der radikalen Reduktion“, hat Tonspion das Werk treffend charakterisiert. Den Quasi-Titelsong und das Album-Herzstück The Known Unknown gibt es derzeit bei Soundcloud als Free Track. Die bedrohliche Zeile “This is in short / the end of a man / the man that was me“ ist durchaus eine gute Zusammenfassung für dieses Inferno.

Die Kanadier von The Provincial Archive habe ich schon im letzten „Futter für die Ohren“ empfohlen, das aktuelle Album It’s All Shaken Wonder ist ihr erster Release in Deutschland. Sie zeigen sich weiterhin großzügig: Bei Soundcloud kann man Son Of Sam kostenlos bekommen, ihre Coverversion des Elliott-Smith-Stücks. Die Band um Frontmann Craig Schram verehrt den 2003 verstorbenen Singer-Songwriter schon lange, ihre Version des Lieds von dessen 2000er Album Figure 8 wird etwas langsamer und brüchiger als das Original – und sehr würdevoll.

Über Gedichte, Spoken-Word-Performances und einen eigenen Roman hat Kate Tempest den Weg zur Musik gefunden. Den Track Lonely Daze (****) aus ihrem Debütalbum Everybody Down bekommt man im Tausch gegen eine Mailadresse auf der Website ihrer Plattenfirma Big Dada derzeit umsonst. Das Album wurde produziert von Dan Carey (Bat For Lashes, Hot Chip) und innerhalb von nur zwei Wochen aufgenommen. Von einem Schnellschuss kann allerdings keine Rede sein: Die 26-Jährige hat fast ein Jahr lang an der Story und ihren Charakteren getüftelt. Das Ergebnis ist verblüffend: Die Musik ist spannend, die Texte sind eine Offenbarung, voller famoser Metaphern und gekonnter Wortspiele, zudem mit einem überzeugenden roten Faden. “As Tempest’s gorgeous steams of words flow out, they conjure a story so vivid it’s as if you had a state-of-the-art Blu-Ray player stuffed in your brain, projecting image after image that sears itself into your consciousness”, hat die New York Times diesen Effekt geschildert. Ich schließe mich lieber dem Urteil von Chuck D. (Public Enemy) an. Der sagt über dieses Album einfach: “Wow”.

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