Futter für die Ohren mit Donots, Courtney Barnett, Bleached, J Mascis und Giant Rook


Courtney Barnett Everybody Here Hates You Review Kritik

Zum Record Store Day hat Courtney Barnett „Everybody Here Hates You“ veröffentlicht.

Jedes neue Lied der fantastischen Courtney Barnett wäre ein guter Anlass für einen Nationalfeiertag. Obwohl das selbst in ihrer australischen Heimat noch keine gängige Praxis ist, freuen wir uns natürlich enorm über die neue Single Everybody Here Hates You (****). Der Song ist nicht dem vor einem knappen Jahr veröffentlichten Album Tell Me How You Really Feel entnommen, sondern während der dazugehörigen Tour entstanden. Das hört man dem Track an, der eine Unmittelbarkeit und Härte hat, die an den Charakter ihrer Live-Auftritt erinnert. „I feel stupid, I feel useless, I feel insane“, heißt der erste Vers, danach macht sich – trotz der Erkenntnis, dass bei so einer Ausgangslage weder eine neue Frisur noch ein leckeres Essen die richtigen Heilmittel sind – aber mehr und mehr die Entschlossenheit breit, dieses Gefühl nicht die Oberhand gewinnen zu lassen. Angefeuert von Tamburin, Orgel und einer herrlich schroffen Gitarre wird dann zumindest ein Ausmaß an Optimismus (oder Selbstbetrug) erreicht, das für die Zeile „We’re gonna tell everyone it’s okay“ ausreicht. Dennoch erkennt man gut, warum Courtney Barnett diesen Text ursprünglich für zu persönlich hielt, um ihn auf dem Album zu berücksichtigen. Zum Record Store Day am 13. April hat er nun doch als exklusive 12″ das Licht der Welt erblickt – und im Video dürfen wir unter der Regie von Danny Cohen sogar in ihr Gehirn klettern.

Mindestens ebenso erfreulich ist die Rückkehr von Bleached, die nach dem umwerfenden Album Welcome To The Worms (2016) und der EP Can You Deal (2017) mit der Single Shitty Ballet (****) erstmals wieder ein musikalisches Lebenszeichen von sich geben. Das Thema ist durchaus ähnlich wie im Song von Courtney Barnett: „Don’t wanna pretend it’s okay when it’s not“ heißt eine der zentralen Zeilen. Auch die Entstehung war vergleichbar spontan: Das Lied dokumentiert einen Moment von maximalem Herzschmerz und war innerhalb von ein paar Stunden fertig, haben Jessica und Jennifer Clavin verraten. Dieses alles dominierende Gefühl merkt man dem Song auf denkbar gelungene Weise an. Auffällig dabei ist, dass erstmals bei diesem Geschwister-Duo weitgehend auf akustische Gitarren gesetzt wird. „Bleached waren immer eine ziemlich laute Rockband, deshalb hielten wir es für angebracht, auch mal einen etwas reduzierteren Sound zu wählen. Die ruhigere Instrumentierung entspricht der Verletzlichkeit im Text. Veränderungen im Sound sind uns gerade sehr wichtig, wir wollen bald mehr davon zeigen“, erklären sie diesen Ansatz. Ebenso besonders ist das Video: Ohne Schnitt performen sie darin den Song, umgeben von einem Ballett, dessen Choreographie kein bisschen shitty aussieht.

Ebenfalls eine EP war die letzte Veröffentlichnung von Giant Rooks. Die 2015 gegründete Band aus Hamm in Nordrhein-Westfalen hat allerdings noch kein Album vorzuweisen. Stattdessen gibt es am 19. April mit Wild Stare zunächst eine weitere EP und mit dem gleichnamigen Song (***1/2) jetzt einen ersten Vorgeschmack darauf. Das Quintett kann beträchtliche Anfangserfolge vorweisen: Sie haben den Pop-NRW-Preis gewonnen, waren auf Tour mit Kraftklub, AnnenMayKantereit und Von Wegen Lisbeth und haben die für das Frühjahr geplanten Konzerte bereits weitgehend ausverkauft (das gilt auch für den Zwischenstopp am 14. Mai im Täubchenthal in Leipzig). Wer trotzdem noch keine Idee von ihrem Sound hat, bekommt vielleicht mit der Formel „Leoniden + George Ezra“ eine ganz passende Vorstellung. Der Sound ist musikalisch und emotional vielschichtig, es darf heiter, tanzbar und sogar hymnisch werden, zugleich bleibt Melancholie als Fundament erkennbar. Besonders wird all das durch die kernige Stimme von Sänger Frederik Rabe, die für Wiedererkennbarkeit und Eigenständigkeit sorgt. „We grow / and be the grown-ups / we deny“, singt er in der ersten Strophe. Man darf Giant Rooks (und uns) wünschen, dass sich das noch eine Weile nicht bewahrheiten wird.

Längst erwachsen, nicht nur als Personen, sondern auch als Band, sind die Donots. Sie haben gerade das 25. Jubiläum ihres ersten Konzerts gefeiert. Die Band aus Ibbenbüren nimmt das zum Anlass für einen umfangreichen Rückblick auf die eigene Karriere: Am 5. Juli wird die Best-Of-Sammlung Silverhochzeit als Doppel-LP und Doppel-CD mit 25 handverlesenen Liedern erscheinen, inklusive des gerade veröffentlichten neuen Songs Scheißegal (***). Das Lied wurde zunächst frei improvisiert, als die Donots bei einer Show in Bremen die Pause aufgrund eines kaputten Verstärkers überbrücken mussten – dieser Entstehungsmoment ist in den ersten Sekunden des Videos dokumentiert. Darin zeigt das Quintett ebenfalls noch einmal reichlich Szenen aus seiner eindrucksvollen Laufbahn (mehr als 1000 Konzerte, elf Studioalben).

Wenn Helden auf Helden treffen, ist das ja leider nicht immer eine fruchtbare Konstellation. Die Idee von J Mascis, sich des Tom-Petty-Hits Don’t Do Me Like That (***1/2) anzunehmen, ist trotzdem reizvoll. Zum einen feiert das Lied in diesem Jahr seinen 40. Geburtstag, zum anderen ist es sicher als Verneigung vor dem 2017 verstorbenen Künstler zu sehen. Sicher darf man diese Aufnahme auch als Ausdruck der weiterhin sehr ausgeprägten Experimentierfreude von J Mascis im Nachgang seines im November veröffentlichten Soloalbums Elastic Days verstehen. Nicht zuletzt offenbart diese Coverversion, wie gut die brüchige Stimme von J Mascis geeignet ist, um dieses Lied zu singen. An der Gitarre kann man sich dabei natürlich auch gebührend austoben, auch wenn er bis auf ein paar kürzere Happen seines eigenen Stils weitgehend dem Original folgt. Mit viel Glück wird diese Interpretation vielleicht auch zu hören sein, wenn der Ex-Dinosaur-Jr-Mann im Sommer für zwei Konzerte nach Deutschland kommt. Am 1. Juli ist er in Hamburg (Knust) zu Gast, am 3. Juli spielt er in Berlin (Festsaal Kreuzberg).

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