Futter für die Ohren mit Flo Mega, American Football, Royal Trux, Stephen Malkmus und Odd Beholder


Royal Trux White Stuff Review Kritik

Royal Trux legen das erste neue Album nach 19 Jahren vor. Foto: Fleet Union

Duisburg, Bielefeld, Ulm, Rostock, Unterhaching, Kaiserslautern und 1860 München spielten noch in der Fußball-Bundesliga, als Royal Trux im Jahr 2000 nach zehn Alben ihre Band beerdigten. So lange ist das schon her. Jennifer Herrema und Neil Hagerty hatten sich erst als Liebespaar, dann als Musiker verkracht, jüngst gab es allerdings wieder eine Annäherung, die seit 2015 wieder gemeinsame Konzerte möglich macht, 2017 das karriereumspannende Livealbum Platinum Tips + Ice Cream zur Folge hatte und nun tatsächlich in neuen Songs resultiert. „Dieses neue Kapitel von Royal Trux ist unser Schicksal. Wir haben nie forciert, wieder gemeinsam Musik zu machen. Es ist einfach passiert, und wir haben etwas geschaffen, das nur im Hier und Jetzt gilt“, sagt Jennifer Herrema. „Wir schauen nicht in die Vergangenheit. Es ist egal, ob wir ein Paar sind oder nicht. Dass wir Royal Trux sind, ist in unsere Existenz eingebrannt.“ Am 1. März wird White Stuff erscheinen, das erste Studioalbum seit 19 Jahren. Der Titelsong (***1/2) ist eines von drei Liedern, die das Duo gerade als Kostprobe veröffentlicht hat.  Der Track deutet kurz Seventies-Seligkeit an, wird dann aber so kaputt und einzigartig, wie man das von Royal Trux erwarten durfte. Willkommen zurück!

Von den rund 7,63 Milliarden Menschen, die gerade auf der Welt leben, ist Stephen Malkmus einer derjenigen, von denen man am wenigsten ein Album mit elektronischer Musik erwartet hätte. Schließlich zählt er, durch seine einstigen Großtaten mit Pavement ebenso wie durch die späteren Solo-Aktivitäten, zu den größten Helden des Alternative Rock mit einem Hang zu Lo-Fi. Dass er aber auch mit Synthesizern und programmierten Beats hantieren kann, soll das Album Groove Denied beweisen, dessen Tracks zum größten Teil in Berlin entstanden sind und das am 15. März bei Domino erscheinen wird. „Es macht Spaß, mit den Dingen zu spielen, mit denen man nicht spielen sollte“, erklärt Malkmus seine Motivation.  Nimmt man die gerade erschienene Vorab-Single Victor Borgia (**1/2) zum Maßstab, sind die verwirrenden Texte geblieben, auch die Stimme erkennt man natürlich wieder. Das Video ist trotz des Songtitels nicht im Vatikan in Rom gedreht, sondern im Gewölbe in Köln. Auch das kann Stephen Malkmus allerdings leicht herleiten: „Ich dachte (…) daran, dass in den New Wave 80er Jahren diese suburbanen Ab-18-Dance Clubs der Ort waren, wo sich alle Freaks trafen – ein Zufluchtsort.“ Irritierend ist das trotzdem, ebenso wie der neue Sound – aber so soll es wohl auch sein.

Mit einem Stargast machen American Football Lust auf ihr erneut selbstbetiteltes drittes Album, das für 22. März angekündigt ist. Uncomfortably Numb (***1/2) heißt der zweite Vorab-Track und wird vom Gesang von Hayley Williams (Paramore) verdedelt. Die Atmosphäre ist ruhig, aber  nicht frei von Spannung, die Melodie ist superb, fast noch mehr als die prominente Gaststimme erweist sich die dezente Trompete von Steve Lamos als Geniestreich für den sehr reizvollen Gesamteindruck des Lieds. Für LP3 hat die Band aus Illinois übrigens noch weitere Gäste angekündigt. Unter anderem sollen Elizabeth Powell (Land Of Talk) und Rachel Goswell (Slowdive) dabei sein. Spannender als American Football (die Sportart) ist das auf jeden Fall.

„Ich habe den Eindruck, wir haben ein seltsames Pop-Album aufgenommen, das bunt ist und nachdrücklich. Und das sich mit den eigenartigen Versuchungen unserer Zeit befasst – von Tinder zu KI, von Offline-Einsamkeit zu obsessiver Selbstvermarktung“, sagt die in Zürich lebende Musikerin Daniela Weinmann über das Debütalbum ihres Projekts Odd Beholder, das im Oktober herauskam. All Reality Is Virtual heißt das Werk. Wer findet, dass das viel versprechend, intelligent, sensibel und modern klingt, liegt nicht falsch, wie die aktuelle Single Isometry (****) zeigt, die von einem Aufenthalt in China inspiriert ist, wo auch das dazugehörige Video entstand. Melantronica darf man das womöglich nennen, und dass die Schweizer unlängst im Vorprogramm von Hundreds zu sehen waren, passt ebenfalls perfekt. Odd Beholder sind übrigens demnächst auf Tour, am 13. Februar machen sie im Noch Besser Leben in Leipzig Station.

Auch Flo Mega gibt es demnächst live in Leipzig zu sehen, nämlich am 29. April im Täubchenthal. Mit Ferddich (**1/2) hat er gerade einen neuen Vorboten  für sein Album BÄMS am Start, das am 5. April rauskommt. „Da sind Bilder drin, die jeder kennt. Momente, die jeder während einer Trennung durchlebt und die einen über sich selbst oder die Situation lachen lassen“, erzählt Flo Mega zur Ausgangssituation. Der Track (aus der Feder von Patrick Wieland und produziert vom Jugglerz-Team) erzählt vom Ende einer Beziehung und der Entschlossenheit, ihr nicht nachzutrauern, sondern das Aus als Startschuss für einen Neuanfang zu begreifen. Das ist solide, allerdings ist das Bild mit dem „Helikopter im Bauch“ noch seltsamer als einst die Flugzeuge an gleicher Stelle bei Herbert Grönemeyer. Und der Verweis auf die Schamhaare der Ex hätte auch nicht sein müssen.

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