Futter für die Ohren mit Kele, Awolnation, Panda Bear, Poliça und Vivie Ann


Kele Okereke 2042 Review

Kele führt auf dem vierten Soloalbum seine gesamte Karriere zusammen. Foto: Beats International/AsiaWerbel

Nicht erst in 23 Jahren, sondern schon übermorgen erscheint 2042, das neue Soloalbum von Kele. Während er zuletzt noch mit Bloc Party das Meisterwerk Silent Alarm wieder live auf die Bühnen der Welt gebracht hat, arbeitete er an seiner vierten eigenen Platte, dem Nachfolger des 2017 erschienenen Fatherland. Herkunft und Heimat sind auch diesmal wieder wichtige Themen, einschließlich der Rassenthematik, ebenso geht es um persönliche und gesellschaftliche Beziehungen. In der Single Between Me And My Maker (***1/2), die gerade erschienen ist, wird es noch grundsätzlicher. „Es ist eine von Ayahuasca getriebene Meditation über die Natur von Leben, Liebe und Tod. Der Text wird zu einer halluzinierten Wanderung durch die Unterwelt, in der unser Held in Kontakt mit dem Göttlichen kommt. Nachdem ich den Kurzfilm These Hammers Don’t Hurt Us von Michael Robinson gesehen hatte, war ich besessen von den Themen Verhandlung, Urteil und Wiedergebut. Darauf basieren auch die drei Teile von Me And My Maker: Liebe, Tod und Wiedergeburt, wie die Metamorphose eines Schmetterlings.“ Zu diesen poetischen Ambitionen, die das Lyricvideo unterstreicht, passt der Sound, der wieder viel üppiger ist als die meisten Songs auf dem meist reduzierten Fatherland. Tatsächlich scheint es, als würden auf 2042 die elektronischen Elemente seiner ersten Soloplatten mit dem Indie-Rock-Einfluss von Bloc Party (hurra, eine E-Gitarre!), vielen perkussiven Elementen und der bei Kele stets enorm ausgeprägten Sensibilität und Intimität zusammentreffen. Man darf gespannt sein.

Ein bisschen geht es auch bei Poliça um Wiedergeburt. Sängerin Channy Leaneagh stürzte Anfang 2018 beim Eiskratzen vom Dach ihres Hauses. Die Folgen des Unfalls waren neben einem heftigen Schock auch ein zertrümmerter Lendenwirbel und weitere Verletzungen an der Wirbelsäule. Die Zeit, in der sie sich nur eingeschränkt bewegen konnte, nutzte sie für die Kompositionen von When We Stay Alive, das am 31. Januar 2020 veröffentlicht wird. Schon jetzt gibt es Driving (***1/2) als Kostprobe. „Ich war ans Bett gefesselt und kurierte einen Sturz aus 3 Metern Höhe aus, den mir die Sorglosigkeit im Umgang mit meinem Leben eingebracht hatte. Ich träumte davon, über grüne Wiesen zu rennen, und das trieb mir die Tränen in die Augen“, erzählt sie. „Running in the tall tear grass / imagine wanting life and the want remains“, heißt jetzt die entsprechende Zeile in Driving. Dass sie dem Herunterstürzen (Diving) ein R hinzugefügt hat, unterstreicht schon, dass es auf dem vierten Album von Poliça eher um den Blick nach vorne gehen wird als um die Verarbeitung des Schreckens und Schmerzes. Das untermauern auch der nach einem wabernden Beginn sehr bestimmt voranschreitende Beat und das Video, in dem verschiedene Arten von Bewegung und Verwandlung (vom Kreisen des Plattentellers über die Ausbreitung von Schallwellen bis zu Rauchschwaden, die aus brennendem Vinyl entstehen und der Asche, die manchmal als einziger Überrest eines einstigen Lebens bleibt) im Mittelpunkt stehen. „Es gibt ein Leben, das lebenswert ist, und dieses Gefühl reicht weit über meinen eigenen kleinen Unfall und meine unmittelbare Umgebung hinaus“, hat sie erkannt.

Schon die dritte Single aus dem im März veröffentlichten Album When The Harbour Becomes The Sea legt Vivie Ann mit Euphoria (**) vor. Die Nähe zum gleichnamigen ESC-Gewinnertrack von Loreen ist nicht nur im Titel erkennbar. Die starke Stimme dominiert, die Produktion von Tobias Siebert (Kettcar, Me And My Drummer, Enno Bunger) ist erstaunlich kraftvoll, der Refrain ist allerdings etwas zu sehr auf Pop-Hymne getrimmt. Typisch für die 27-Jährige, die in jungen Jahren eine lebensgefährliche Krankheit überstanden hat, ist auch der bewusst positive Blick auf die Welt sowie die Entschlossenheit, Pop mit ganz eigenem Charakter und nach eigenen Regeln zu machen. Das Video mit Michael Knöfler in der Hauptrolle illustriert das: Dort geht es um den Kampf gegen die eigenen Dämonen, bis das Ende (des Songs und des Clips) hoch dramatisch wird.

A Day With The Homies, die Anfang 2018 nur auf Vinyl veröfffentlichte EP von Panda Bear, gibt es jetzt auch digital. Rusty Santos hat die fünf Tracks dafür neu gemixt, zudem gibt es zu allen Songs jetzt auch Videos, die Danny Perez gestaltet hat, der auch schon beim Clip zu Buoys vom gleichnamigen aktuellen Album im Einsatz war. Noah Lennox (also der Panda Bear höchststelbst; sonst natürlich auch im Animal Collective im Einsatz) sagt über die entstandene Reihe: „Danny und ich wollten schon lange etwas gemeinsam machen, das den Ansatz unserer Live-Shows einfängt. Weil er Homies so sehr mag, haben wir das ausgesucht.“ Wer nur einen Auszug haben will, dem sei Part Of The Math (****) ans Herz gelegt. Neben dem oft fluffigen Flair, schönen Harmoniegesängen und assoziativen Texten, die auf der EP sehr präsent sind, gibt es darin auch Unmittelbarkeit und sogar Wucht – und auch hier einen Clip, der nach Space-Halloween aussieht.

Awolnation sind in ihrer amerikanischen Heimat längst eine große Nummer (Touren mit Incubus, Fall Out Boy, Weezer, Twenty One Pilots und MGMT), auch in Österreich sehr erfolgreich (was vielleicht an Red Bull Records als ihrer Plattenfirma liegt), hierzulande meist aber immer noch unter „ferner liefen“ einsortiert – erst recht, seit dem Hit Sail vom 2011er Debütalbum in Deutschland keiner mehr nachfolgen wollte. Mit dem vierten Album will die Band um Frontmann Aaron Bruno das sicher ändern, die erste Kostprobe ist programmatisch mit The Best (***) betitelt. Es ist keine Tina-Turner-Coverversion, wie Aaron Bruno erklärt: „Ich arbeite immer daran, mich zu verbessern. Trotzdem weiß ich natürlich, dass es unmöglich ist, in allem der Beste zu sein. Was bedeutet es also, der Beste zu sein? Und warum sollte es wichtig sein? Wahrscheinlich geht es doch eher darum, Akzeptanz und Zufriedenheit für die eigene Existenz finden zu können.“ Wer bei solchen Aussagen ein Konzeptalbum erwartet, liegt wohl nicht ganz falsch, auch das Video von Regisseurin Amalia Irons stärkt diesen Verdacht. „Ich wollte ein Video mit dem Gefühl der Abenteuerfilme aus meiner Kindheit, das die magische Stimmung des Herbst einfängt“, umschreibt Aaron Bruno die Zielsetzung. Das hat geklappt, und im dazugehörigen Song gefallen neben der Zeile „I’m heavy metal / and hollow wood“ (natürlich stimmt keines von beiden) der originelle Quasi-Sprechgesang und der Klischee-freie Einsatz von Streichern. Titel und Veröffentlichungsdatum sind noch nicht bekannt, Awolnation haben aber verraten, dass Rivers Cuomo von Weezer sowie Alex Ebert von Edward Sharpe & The Magnetic Zeros als Gastmusiker dabei sein werden.

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