Futter für die Ohren mit Kummer, Jenny Hval, No King No Crown, Skunk Anansie und Slaughter Beach, Dog


Felix Kummer 9010

Man kann davon ausgehen: Dieses Foto ist in Chemnitz entstanden. Foto: Check Your Head/Hotel Rocco

Bei Google ist „Woher kommen Kraftklub?“ eine der am meisten gesuchten Fragen zur besten deutschen Band. Sänger Felix Brummer will solche Frageb für sein erstes Solowerk offensichtlich gar nicht erst aufkommen lassen: Die erste Single heißt 9010 (****1/2), das war zu DDR-Zeiten die Postleitzahl von Karl-Marx-Stadt. Die Heimatverbundenheit und Betonung von Authentizität geht übrigens noch weiter: Sein am 11. Oktober erscheinendes Soloalbum wird den Titel KIOX tragen. So hieß einst der Plattenladen, den sein Vater in seiner Heimatstadt betrieb. Die Platte wird auch tatsächlich nur in Chemnitz zu kaufen sein, in einem eigens dafür eröffneten Plattenladen (zugegebenermaßen: samt Online-Shop für alle, die nicht die Reise nach Sachsen antreten wollen/können), der nur ein Wochenende lang seine Türen öffnen wird. Und all das veröffentlicht der Sänger nicht unter seinem Kraftklub-Künstlernamen, sondern mit seinem bürgerlichen Nachnamen Kummer. Da ist es fast natürlich, dass die Single auch einen Blick auf die eigene Herkunft wirft, die mit „Born to be Opfer“ beginnt und in einer Begegnung endet, die er als Triumph empfinden könnte, die aber bloß Gleichgültigkeit und sogar Mitleid in ihm auslöst. Die Musik dazu setzt anscheinend auf ein Sample eines Jungpionier-Chors und ist lupenreiner und erstklassiger Rap – auch wenn dieses Genre normalerweise kein so großes Herz für Verlierer hat.

Bleiben wir kurz in Sachsen. „Es fiel mir schon immer leichter, Songwriting als Therapie zu nutzen und somit Geschehen und Ereignisse besser zu verarbeiten. So auch in diesem Song, in dem ich versuche herauszufinden, ob das Herz überhaupt für das Auseinanderbrechen gemacht ist – und wenn ja, wie man es schnellstmöglich repariert.“ sagt René Ahlig, das Mastermind hinter den ursprünglich als Akustikprojekt gegründeten No King. No Crown aus Dresden, über die neue Single Tongue Tied (***), die dem Album Smoke Signals entnommen ist. Das Video greift diese Idee auf, lässt den Protagonisten neben dem Liebeskummer nach dem Ende einer Beziehung allerdings noch weitere Dinge begegnen, die für ein Herz nicht so leicht zu verkraften sind. Etwa Fahrradunfälle, Stürze beim Autoscooter oder den Beschuss mit Tennisbällen. Sehens- und hörenswert.

Erstaunliche Paralellen gibt es da zu Slaughter Beach, Dog. Auch aus denen ist mittlerweile eine richtige Band geworden. Jake Ewald von Modern Baseball, der damit eigentlich ein Soloprojekt im Sinn hatte, hat Ian Farmer (Bass, im Hauptberuf ebenfalls bei Modern Baseball), Nick Harris (Gitarre, sonst bei All Dogs) und Zack Robins (Schlagzeug, von Superheaven) dazugeholt, als Quartett legt die Band aus Philadelphia am 2. August ihr drittes Abum Safe And Also No Fear vor. Nach One Down und Good Ones gibt es jetzt mit Heart Attack (***1/2) einen weiteren Vorgeschmack, der ebenfalls einen Stresstest fürs Herz als Thema hat. Dass Ewald diesmal nicht nur persönlicher, sondern auch künstlerisch mutiger geworden ist, zeigt der Track umgehend: Prominente akustische Gitarren, softe Harmonies, etwas Jangle und sogar eine Slide-Gitarre ergänzen seinen gewohnten Indie-Rock-Klangkosmos. Dazu gibt es ein sehr charmantes Video über die schlimme Lage, mit viel Hoffen und Bangen auf den Rückruf einer Angebeteten zu warten. Sehr hübsch.

The Practice Of Love wird das neue Album von Jenny Hval heißen, das am 13. September herauskommt. Den ersten Einblick in das neue Werk gewährt die Norwegerin mit der Single Ashes To Ashes (***1/2). Zeilen wie „Put two fingers in the earth / I am digging my own grave / in the honeypot / ashes to ashes / dust to dust“ lassen keinen Zweifel daran, dass es hier um Sterblichkeit geht, morbide klingt der Track aber keineswegs. Stattdessen bekommt ihr Mix aus Pop und Avantgarde hier eine sphärische Komponente. Ein erstaunlich leichtfüßiger Beat trägt gemeinsam mit ihrer sagenhaft klaren Stimme dazu bei, dass der Sound kein bisschen fluffig oder düster ist. Wichtigste Inspirationsquelle für das Album war ein Film der österreichischen Medienkünstlerin Valie Export aus dem Jahr 1985. Liebe wird darin nicht in erster Linie körperlich oder emotional verstanden, sondern als poetischer und künstlerischer Prozess. Für diese Exegese hat sich Jenny Hval als Gäste unter anderem Vivian Wang, Felicia Atkinson und Laura Jean an Bord geholt. Man darf gespann sein.

Auch Skunk Anansie – allgemein eher als Agitatoren denn als Romantiker bekannt – haben sich in diesen Tagen der Liebe angenommen, sie legen mit der Single What You Do For Love ihren ersten neuen Song seit drei Jahren vor. „Die Menschen benutzen immer die Liebe als Grund, um sich gegenseitig die abscheulichsten Dinge anzutun“, hat Sängerin Skin erkannt. „I can’t understand / what you do for love“, heißt entsprechend der Refrain zu solider Rockmusik, die nach wie vor auf fast radikale Weise von ihrem Gesang dominiert. Das Video dokumentiert die Entstehung des Lieds im Studio in London und mixt das mit Live-Material, das während ihrer Europa-Tournee zum 25. Bandjubiläum entstanden ist. Wer das selbst erleben möchte: Nächste Woche gibt es Konzerte in Köln, Berlin, Dresden und München.

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