Futter für die Ohren mit PABST, Leoniden, Unknown Mortal Orchestra, Courtney Barnett, Warm Graves und Trümmer


Pabst-FX Headache Fuzz

PABST haben ihr eigenes Effektgerät gebastelt. Foto: Fleet Union

Ihre Skills in Elektrotechnik haben PABST bisher erfolgreich vor der Welt verborgen, doch nun zeigt das Trio aus Berlin, dass es nicht nur wunderbare Rockmusik machen kann, sondern auch voller Erfindergeist steckt. Gemeinsam mit der Firma PioneersFX aus Köln bringen sie Mitte des Monats ein eigenes Effektgerät auf den Markt. „Wir sind selbst totale Effektpedal-Junkies. Bei unseren Albumaufnahmen hatten wir über 50 Pedale für Gitarre und Bass mit im Studio. Mit dem Pabst-FX Headache Fuzz wollten wir ein Bread-And-Butter-Pedal für jede/n bauen und den typisch verzerrten Pabst-Sound konservieren“, teilt die Band mit. Natürlich haben sie dabei auch an Praxistauglichkeit gedacht. „Von unseren Shows wussten wir, was wir in Sachen Hand- beziehungsweise Fußhabung haben wollten. So sind die Regler unüblicherweise an der Stirnseite angebracht, so dass man sie nicht versehentlich verstellt, wenn man mit voller Wucht und auf einer dunklen Bühne auf das Pedal tritt.“ Wie das Ganze klingt, kann man aktuell in Freaks (*****) hören, der Zusammenarbeit mit den Jungs von Leoniden, auf deren anstehendem Album Complex Happenings Reduced To A Simple Design (erscheint am 20. August) das Stück auch vertreten sein wird. PABST-Sänger Erik Heise singt in dem Song eine Strophe, zudem sind natürlich seine Headache-Fuzz-befeuerten Gitarren im Einsatz. Sehenswert ist auch der Clip, der im Rahmen der neuen Reihe „Das ungefragte Musikvideo“ für das DIFFUS Magazin aufgenommen wurde. Das Konzept: Die Band weiß während des Drehs nicht, was passiert – und bekommt das Ergebnis erst ganz zum Schluss vor Augen. Darauf eine Arschbombe!

Einen besseren Namen hätten sich Jonas Wehner und seine beiden aus den USA und Italien stammenden Mitstreiter nicht geben können: Tatsächlich klingt fast jedes Stück der 2012 in Leipzig gegründeten Band wie Warm Graves, also ebenso unheilvoll wie einnehmend, zugleich wohlig und endgültig. Das zeigt ein Song wie Ravachol (****), mit etwas morbiden Chören, wie man sie von Arcade Fire kennt, und einer Atmosphäre wie aus dem Halbschlaf, die im reizvollen Kontrast zum kraftvollen Rhytmus im Speziellen und Spaß am Repetitiven im Allgemeinen steht. Der Track ist nicht neu, sondern eines der sieben Stücke vom bereits 2014 veröffentlichten Debütalbum Ships Will Come. Warm Graves hatten sich darin dystopischer Science-Fiction-Literatur gewidmet und so etwas wie ihren eigenen Soundtrack dazu entworfen. Seitdem waren sie keineswegs untätig, sondern beispielsweise mit Exploded View und dem Moon Duo auf Tour oder in Shows mit Crystal Stilts und Efterklang zu sehen. News gibt es derweil auch: Die Leipziger haben einen Vertrag beim Londoner Label Fuzz Club Records unterschrieben, das zunächst das Debüt (ursprünglich auf This Charming Man erschienen) neu auflegen und dann auch das für 2022 angekündigte neue Album herausbringen wird.

Nicht mehr ganz so lange muss man aufs dritte Album der stets umwerfenden Courtney Barnett warten: Thinks Take Time, Take Time soll am 12. November 2021 erscheinen. Die Australierin hat das neue Werk rund um den Jahreswechsel 2020/21 zwischen Sydney und Melbourne mit der Produzentin und Schlagzeugerin Stella Mozgawa (Warpaint, Cate le Bon, Kurt Vile) aufgenommen. In beiden Städten gibt es eine Rae Street (****), und so heißt auch die erste Single des Albums. Sie besingt darin sagenhaft souverän die Beziehungen, Routinen, Anekdoten und Tragödien innerhalb einer Nachbarschaft, zu einem so entschleunigten Sound, dass man eine weibliche Slacker-Version von Bob Dylan vor sich zu haben meint. Für das originelle Video unter Regie von W.A.M. Bleakley schlüpft sie gleich in mehrere Rollen, um das zu untermalen. Und schöner als mit den Zeilen „Time is money / and money is no man’s friend“ hat auch noch niemand die Erwartungshaltung an eine Platte nach einem bisher so unfehlbaren Oeuvre pulverisiert.

Auch Trümmer haben keinerlei Lust, sich als Band hetzen zu lassen. Das letzte Album Interzone kam 2016 heraus, seitdem sind Paul Pötsch (Gitarre, Gesang), Tammo Kasper (Bass), Maximilian Fenski (Drums) und Helge Hasselberg (Gitarre) vor allem in anderen Projekten sehr aktiv gewesen. Jetzt ist wieder Trümmer-Zeit, und wie viel Lust das Quartett weiterhin aufeinander hat, zeigt die Single Wann wenn nicht (***1/2) nicht nur mit ihrem Titel. Dringlichkeit steckt im Text („Ich schau mich um und sehe eine Welt / in der nichts stimmt und mir nichts gefällt / und ich denk: Es ist alles zu spät / die Fakten liegen auf dem Tisch / es ist fünf vor zwölf und es tut sich nix.“) und im Sound, etwa durch den sehr lebendigen Bass und die Freude an einem sehr trockenen Sound, der an The Strokes denken lässt. „Der Song fasst für mich das ganze Album zusammen. Wenn ich Nachrichten lese und mich irgendwie mit dem Zustand der Welt beschäftige, was man zuletzt ja noch intensiver getan hat, denk ich oft: ‚Mein Gott! Es wird immer alles schlimmer!‘ Aber wieso eigentlich? Wir sind doch diejenigen, die das in der Hand haben. Es ist ja kein Naturgesetz, dass alles irgendwie den Abgrund runtergeht. Sondern wir sind ja diejenigen, die darüber entscheiden, wie das Leben ist“, sagt Paul Pötsch. Dieses Gefühl von Ermächtigung („Die alte Welt ist abgebrannt / die neue liegt in unserer Hand“) hat die Band auch für ihr eigenes nächstes Kapitel entdeckt, auch dank der Erfahrungen mit anderen Projekten, wie Tammo Kasper sagt: „Ich glaube, wir hatten noch nie so viel Spaß als Band bei Aufnahmen wie jetzt. Was auch daran liegt, dass wir in den letzten Jahren alle unsere eigenen Dinge gemacht haben und uns eigene Strukturen neben der Band aufgebaut haben.“ Am 17. September folgt das Album Früher war gestern, danach eine Tour, die Trümmer am 26. November auch ins Ilses Erika nach Leipzig führen wird.

So leichtfüßig, gut gelaunt und funky wie in der neuen Single Weekend Run (***1/2) hat man Ruban Nielson alias Unknown Mortal Orchestra wohl noch nie gehört. Ganz überraschend kommt dieser Twist allerdings auch nicht. Schon auf dem letzten Album Sex & Food (2018) zeigte der Neuseeländer bereits im Titel, dass er die einfachen Dinge zu schätzen weiß. Mittlerweile ist er noch ein bisschen zufriedener mit seinem Metier und seiner Rolle in der Welt geworden: „Ich weiß, dass ich mich sehr glücklich schätzen kann, weil ich den perfekten Job habe. Ich arbeite, um Musik zu machen, die irgendjemandem den Tag verschönert – und dieser Gedanke zieht sich durch Weekend Run„, sagt er. Dass er aus Portland (im Schnitt vier Sonnenstunden pro Tag) unlängst nach Palm Springs (fast zehn Sonnenstunden) gezogen ist, hat vielleicht auch nicht geschadet.

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