Futter für die Ohren mit Robyn, Peter Licht, Dorit Jakobs, No King No Crown und Through Love


Nicht nur die Hauptfigur in Nick Hornbys About A Boy weiß: Ein erfolgreicher Weihnachtssong ist eine gute Altersvorsorge. Jedes Jahr werden die Lieder aufs Neue rauf und runter im Radio gespielt, es finden sich auch stetig ein paar neue Plattenkäufer. Knapp 420.000 Euro verdient Mariah Carey jahrein, jahraus allein mit den aus Großbritannien fließenden Tantiemen für All I Want For Christmas, hat die Daily Mail einmal ausgerechnet. Für Slades Merry XMas Everybody soll der Wert bei über einer Million Euro liegen, natürlich gibt es auch Daten zu Last Christmas: Mehr als 500.000 Euro fließen in die Kassen von Wham! – und dabei stammen diese Daten noch aus der Zeit, bevor George Michael starb. Ein paar Cent dürften jetzt dazu kommen, denn die wundervolle Robyn hat eine Coverversion des Songs (***1/2) für die Live Lounge der BBC aufgenommen. Ihre Interpretation ist reduziert, innig und so eigenständig, wie man es von der Schwedin erwarten durfte. Sogar die damalige Frisur des von ihr sehr verehrten George Michael trägt sie zu diesem feierlichen Anlass. Hübsch.

Einen eigenen Weihnachtssong hat Dorit Jakobs mit Wir schmücken den Baum (***) gemacht. Die Sängerin aus Bremerhaven hofft wohl kaum darauf, damit dank fleißig Airplay künftig ausgesorgt zu haben, denn dafür ist ihr Blick auf das Fest der Liebe viel zu kritisch und speziell. Sie erzählt von einer zerrissenen Familie, die zum Heiligabend noch einmal so tut, als sei alles in Ordnung. „Wir bewahren den Traum davon, dass alles gut ist / wir bemerken kaum, dass nicht alles gut ist.“ Dass sie das mit einer Stimme nahe an Judith Holofernes, einem Sound, der von Achtzoger-Shoegaze geprägt zu sein scheint, und vor allem aus der Perspektive eines der Kinder der Familie tut, das sich nichts so sehr wünscht wie ein harmonisches Zuhause, wenigstens zu Weihnachten, geht dann doch unter die Haut, auch wenn es textlich gegen Ende ein paar Ausrutscher gibt. Originell.

Peter Licht Umentscheidungslied

Vier Versionen hat Peter Licht von seinem „Umentscheidungslied“ gemacht. Foto: Tapete Records/Christian Knieps

Bald kommt ja die große Zeit des Geschenke-Umtauschs, und dazu passt die neue Single von Peter Licht geradezu perfekt. Das Umentscheidungslied (***) ist dem im Oktober erschienen Album Wenn wir alle anders sind entnommen und zugleich Vorbote für eine Tour im Frühjahr, die am 23. März in Köln beginnt und am 6. Juli auch nach Leipzig führt. Das Lied thematisiert unsere immer weiter schwindende Fähigkeit, Entscheidungen als endgültig zu begreifen, auch wenn sie sich vielleicht als falsch erweisen. Die neue Jacke sieht doof aus? Den netten Typen aus der Bar will man doch nicht näher kennen lernen? Die Netflix-Serie, die von der WG-Mitbewohnerin empfohlen wurde, ist doch nicht so spannend? All das sind Fälle für den Refrain „Ich glaube, wir haben etwas falsch gemacht / wir müssen uns wieder umentscheiden.“ Natürlich steckt darin auch die Frage, von wem wir uns „richtig“ und „falsch“ eigentlich vorschreiben lassen und die Aufforderung, Fehler vielleicht auch einmal zu ertragen, weil es spannend (oder gar lehrreich) sein kann, zu erleben, was dann als nächstes passiert. Passenderweise hat Peter Licht gleich vier Versionen davon gemacht, neben der regulären Variante gibt es das Lied auch in den Ausprägungen „Pitchmouse“, „Live in L.A.“ und „Disko“. Das dazugehörige Video sieht aus, als sei es auf einem Commodore 64 umgesetzt worden (auf dem es übrigens noch keinen STRG+Z-Befehl gab). Sehr clever.

Als „ein Geheimtipp für Fans von Bon Iver, Ben Howard, RY X und Dermot Kennedy“ werden No King No Crown gerade angepriesen. Die Band ist demnächst auf ausgiebiger Tour (mit einem Zwischenstopp am 28. Februar im Noch Besser Leben in Leipzig), zudem kommt Anfang Februar auch das dritte Album Smoke Singnals heraus. Die Band um Frontmann René Ahlig aus Dresden beweist auch im gleichnamigen Song (***1/2) mit akustischem Kern, dezenter Elektronik und schönem Harmoniegesang eine Vorliebe für Besinnlichkeit, die gut in die Winterzeit und durchaus auch zum Jahreswechsel passt, denn es geht darum, unseren Lebensstil zu hinterfragen. „Entstanden ist der Song auf meiner Reise durch Island. Beeindruckt von den Gegebenheiten des Landes habe ich mir immer wieder die Frage gestellt, warum wir die Natur nach unserem Ermessen verändern und überall Spuren hinterlassen“, sagt René Ahlig, der hier unter anderem Plastikmüll und Lichtverschmutzung thematisiert. Ehrenwert.

Zum Schluss gibt es Geschenke: Das wunderbare Label Through Love Records feiert sein zehnjähriges Bestehen und haut zur Feier des Tages einen ganzen Sampler (***1/2) zum kostenlosen Stream oder Download raus. Die Compilation zeigt einige der spannendsten Through-Love-Acts aus der jüngeren Vergangenheit, einige davon wie Wayste, Agent Blå oder Wild Cat Strike hat auch Shitesite schon angepriesen, unten findet sich der Beitrag von Earth Moves für die Werkschau. Die Bandbreite deckt fast alles ab, was man mit einer Gitarre (und notfalls auch ohne) anstellen kann, von Shoegaze bis Krawall, geografisch ist sechsmal Schweden, viermal Großbritannien, dreimal Deutschland und einmal Italien vertreten. Paul Schuldt, der Kopf das Labels, erzählt in einem Begleittext zum Sampler: „Der Reiz, Perlen zu entdecken und diese anderen Menschen zu zeigen, hat sich bis jetzt durch mein Leben gezogen. Mit Through Love Records wollte ich genau das schaffen: Menschen gute Musik zu zeigen, bevor es alle anderen kennen. Musik, die mich begeistert, auf ein Medium zu bringen und es an so viele Menschen wie möglich zu transportieren. Natürlich will ich auch zeigen, was man selbst für einen guten Musikgeschmack hat…“ Bewunderswert.

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