Futter für die Ohren mit Yeah Yeah Yeahs, Ben Harper, Wilderado, Make Boys Cry und Salamanda


Yeah Yeah Yeahs Cool It Down

Die Yeah Yeah Yeahs haben den Klimaschutz entdeckt. Foto: Katja Behrens PR / Jason Al Taan

Drei, drei, vier, neun. Das ist der Abstand in Jahren zwischen den einzelnen Studioalben der Yeah Yeah Yeahs. Dass es für den fünften Longplayer Cool It Down, der am 30. September erscheinen wird, so lange gedauert hat, kann das Trio aus New York allerdings gut begründen. „Unser Fever To Tell ist zurückgekehrt“, sagt Sängerin Karen O in Anspielung auf den Titel des vor fast zwanzig Jahren veröffentlichten Debüts. „Das Schreiben dieser Songs war mit einer gehörigen Portion Schüttelfrost und Tränen verbunden, auch mit der Euphorie des Moments, in dem der Schmerz nachlässt und die Wahrheit ans Licht kommt. Ich muss euch nicht sagen, wie viel wir in den vergangenen neun Jahren seit unserer letzten Platte durchgemacht haben, denn ihr habt es auch durchgemacht, und wir lieben euch und sehen euch, und wir hoffen, dass ihr die Gefühle der Musik, die wir gemacht haben, fühlt“, lautet ihre Botschaft an die Fans. Dass die Yeah Yeah Yeahs bei all diesem Brüten und Kämpfen sowohl noch viel Rock’N’Roll-Spaß machen als auch sehr aktuell klingen können, beweist die erste Single Spitting Off The Edge Of The World feat. Perfume Genius (****). Der Song zeigt, wie intelligent diese Band ihre Lust auf Chaos auslebt, wie sie Drone, Mut und Dystopie (samt Mad Max-Anspielungen im Video) verbinden kann, um etwas ganz und gar Einzigartiges zu erzeugen. Das Stück ist angelegt als Gespräch von Karen O mit ihrem Sohn, rund um die Frage, in welchem Zustand seine Generation den Planeten einmal übernehmen wird. „Wir alle erleben diese Klimakrise durch ein System, das kaputt ist und sich nicht wirklich darum kümmert“, sagt sie. „Ich sehe, wie die jüngeren Generationen dieser Bedrohung ins Auge sehen. Sie steht am Rande eines Abgrunds und begegnet dem, was kommt, mit Wut und Trotz. Das macht Mut, und es gibt Hoffnung.“

Nicht minder aktuell ist das Thema, dessen sich Ben Harper in seinem neuen Track annimmt. Wenn der dreimalige Grammy-Preisträger sagt We Need To Talk About It (***1/2), dann meint er damit den Rassismus in Amerika, insbesondere die noch immer nicht aufgearbeiteten Folgen der Sklaverei. Black Lives Matter finden in seinem Text ebenso statt wie die Verlogenheit der religiösen Rechten. Passend dazu setzt er gemeinsam mit seiner langjährigen Begleitband The Innocent Criminals unter anderem auf afrikanische Talking Drums und verwandelt den Song in eine Melange vieler schwarzer Musikstile von Gospel und Soul bis Funk und Rap. Auch jenseits dieses Vorgeschmacks wird sein 17. Studioalbum von ernsten Themen dominiert, darunter dem Verlust eines langjährigen Freundes und dem Tod seines Vaters. „Es war, als würde ich mich vorwärts bewegen und mich an Orte wagen, an denen ich noch nie zuvor gewesen war“, sagt Ben Harper über das von Sheldon Gomberg produzierte Album. „Ich nahm alles mit, was ich von jeder anderen Platte gelernt hatte, zündete alles an und fing von vorne an. Und ich wusste, dass die Klänge, die ich in meinem Kopf hörte, so unorthodox waren, dass ich das meiste davon selbst machen musste.“ Bloodline Maintenance wird am 22. Juli veröffentlicht, danach ist eine Welttournee geplant.

Schon im vergangenen Jahr ist das Debütalbum von Wilderado erschienen, das genauso heißt wie die Band aus Tulsa, Oklahoma. Neben Lob für energische, glaubwürdige Musik hat ihnen die Platte unter anderem einen Platz im Vorprogramm von alt-J eingebracht. Jetzt legen sie mit der Single Head Right (***1/2) nach. Der Track hat viel Punch und zeigt die Lust auf Optimismus und Euphorie, den man bei dieser Band oft finden kann, zugleich hat er für Wilderado eine ganz besondere Bedeutung. „Gegen Ende des Jahres 2018 und das ganze Jahr 2019 waren wir ständig unterwegs. Zwischen den Touren flog ich an verschiedene Orte, traf Produzenten, arbeitete an Songs und versuchte herauszufinden, was wir als Nächstes tun würden“, erzählt Sänger Max Rainer. „Irgendwann im Frühjahr 2019 hingen wir alle in Nashville mit einem Typen namens Angelo ab und sprachen darüber, dass es manchmal der beste Weg ist, einen Song, das Leben oder irgendetwas anderes zu ruinieren, indem man es zu ernst nimmt. An diesem Nachmittag schrieben wir Head Right. Es war das erste Mal seit einer Ewigkeit, dass wir einen Song gemeinsam geschrieben haben, mit Text und allem drum und dran, alle zusammen. Er stellt einen Wendepunkt für uns als Band dar, eine Rückkehr zu den Grundlagen und dem Gefühl, Musik zu schreiben, ohne sich um viel zu kümmern.“

In Leipzig und Berlin ist die Produzentin und Pianistin Make Boys Cry tätig. Gab es 2020 auf dem Debüt (neben von Lob von Kritiker*innen) noch eine moderne Interpretation von Klassik irgendwo zwischen Nils Frahm und Yann Tiersen, nähern sich die 12 Songs auf dem neuen Album Fuck You By Penelope (erscheint am 19. Juli) offensichtlich eher der Elektronik an. In der ersten Singleauskopplung Dance Floor Eyes Closed (****) deutet das nicht nur der Titel an, sondern auch die Tatsache, dass sie hier erstmals auch ihre Stimme einsetzt. Das Ergebnis klingt so geheimnisvoll flirrend wie der Dampf im Badezimmer oder der Bühnennebel auf der Tanzfläche, den man im Clip beobachten kann – in diesem Stück scheint eine versteckte Kraft zu stecken, die umso größer wirkt, je seltener sie eingesetzt wird.

Wer heute noch nichts vor und Lust auf einen spontanen Trip nach Hamburg hat, kann dort in einer ziemlich originellen Aktion dem besten aller Beatles huldigen und Paul McCartney zum 80. Geburtstag gratulieren. Angestoßen wurde #SongForPaul von der Band Salamanda, die mit diesem Hashtag ein großes Dankeschön an Sir Paul senden will aus der Stadt, in der die frühen Beatles ihre Pilzkopf-Frisuren bekamen. Salamanda haben mit dem Song For Paul (***) auch ein passendes eigenes Stück geschrieben und stilecht in den Abbey Road Studios in London aufgenommen. Wie liebevoll die Idee umgesetzt ist, zeigt nicht nur das Lied mit schickem Macca-Bass, großem Hey Jude-Finale und seiner wohligen Atmosphäre, sondern auch das Video, in dem diverse Orte in Hamburg zu sehen sind, an denen die Beatles einst aktiv waren. Als Höhepunkt der Aktion wird es heute ein kostenloses Open-Air Konzert der Band (also von Salamanda, nicht von den Beatles) auf der Reeperbahn geben.

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