Highfield-Festival, Großpösna, Tag 3


The Subways Highfield Festival 2015 Interview

Die Subways schwärmten im Interview von Festivals, deutschen Fans und den Wombats.

Jetzt war’s das schon wieder. Sehr schade. Und sehr schön war das Highfield 2015. Natürlich lieferte auch der Sonntag in Großpösna (mindestens) zehn lebenswichtige Erkenntnisse. Die gibt es, wie an den beiden Vortagen, praktischerweise von mir als Festivalbilanz. Und selbstverständlich werden auch heute weise Worte vorangestellt, diesmal kommen sie vom österreichischen Schriftsteller Stefan Zweig. Er schrieb über das Augusterlebnis 1914 (also den Moment, in dem die Staaten des Deutschen Reiches in einem verklärten Rausch ihren Eintritt in den Ersten Weltkrieg erklärten) ein paar Sätze, die sich auch auf den perfekten Moment während eines Festivals übertragen lassen. „Wie nie fühlten die Tausende und Hunderttausende Menschen (…): dass sie zusammengehörten, (…) dass sie einen nie wiederkehrenden Augenblick miterlebten und dass jeder aufgerufen war, sein winziges Ich in diese glühende Masse zu schleudern, um sich dort von aller Eigensucht zu läutern. Alle Unterschiede der Stände, der Sprachen, der Klassen, der Religionen waren überflutet für diesen einen Augenblick von dem strömenden Gefühl der Brüderlichkeit. (….) Jeder einzelne erlebte die Steigerung seines Ichs, er war nicht mehr die isolierte Mensch von früher, (…) er konnte Held werden.“ Am Sonntag beim Highfield gab es so einen Moment – welche Band dafür verantwortlich war, steht unten.

1. Wenn man mit einem kleinen Rest von Kopfschmerzen auf das Festivalgelände kommt, sind Obey The Brave nicht die richtige Begrüßungsmusik. Labrassbanda sind hingegen die perfekte Band, um zu feiern, dass der leichte Kopfschmerz mittlerweile weg ist. Das Highlight ihrer Show ist ein Medley mit dem Arbeitstitel „deutschsprachige Chartstürmer in den USA in Blechblasneuerfindung“, bestehend aus Rock Me Amadeus, Das Model und (auf besonderen Wunsch von Gitarrist Fabian Jungreithmayr, der beim Highfield seinen Geburtstag feiert) 99 Luftballons.

2. Markus Wiebusch kann Special Effects: Neben einem sehr schönen Konzert mit etlichen Kettcar-Songs hat er auch den ersten Regenschauer des Tages für die Besucher beim Highfield mitgebracht. „Hamburger Wetter, das kriegen wir hin“, lautet sein prompt eingelöstes Versprechen.

3. Obacht, wenn ihr euch auf dem Störmthaler See am Grinseln versuchen solltet: Aus dem Backstage-Bereich kann man euch sehr genau beobachten. Und da es dort neben einem Tischkicker, einer Tischtennisplatte, einer Massage-Kabine und gleich drei (!) Garderoben für Interpol nicht so viele andere Entertainment-Möglichkeiten für die Künstler gibt, ist es gar nicht so unwahrscheinlich, dass Bassistin Ines Maybaum von den Broilers zuschaut, während ihr heimlich in den See pinkelt. Hoffentlich lässt sie sich davon nicht zu einem neuen Song inspirieren…

4. Apropos Broilers: Die Sonntags-Headliner auf der Blue Stage sind ein gutes Beispiel für das Booking beim Highfield 2015. Offensichtlich wurde diesmal nach dem Amazon-Prinzip verfahren: Wer ein Ticket für ein Festival kaufen würde, bei dem die Dropkick Murphys spielen, wird erst recht eins kaufen, wenn auch Flogging Molly und die Broilers spielen. Diese Taktik kann man auch für ein paar andere Highfield-Bands (Prinz Pi-257ers-SDP, The Offspring-Millencollin-Danko Jones oder Wombats-Kooks-Subways) erkennen. Das ist ein bisschen durchschaubar, hat aber in jedem Fall für ein stimmiges Programm gesorgt und gut funktioniert: Am Samstag meldete das Highfield zum zweiten Mal in Folge: „ausverkauft“.

5. Die offizielle Übersetzung von „I’d like to say hello to you properly“ heißt: Ich möchte mich auf euch werfen, von euch minutenlang betatscht werden und danach fragen, „if I hurt someone with my fat ass“. Zumindest, wenn man Billy Lunn von den Subways ist. Er beendet auf diese Weise zu den letzten Takten von It’s A Party die extrem unterhaltsame Show des Trios (was auch bedeutet: die Subways trauen sich inzwischen, Rock’N’Roll Queen nicht als letztes Lied zu spielen). Eine Stunde später verraten mir Billy und Charlotte im Interview, was sie an Festivals besonders lieben: Sobald sie von der Bühne gehen, erkennt sie keiner mehr. Und so nutzen sie ausgiebig die Gelegenheit, auch mal ein paar andere Bands zu sehen.

6. Besonders freuen sie sich auf die Wombats, haben The Subways erzählt, und der Auftritt der Liverpooler beim Highfield ist die perfekte Erklärung dafür. Es wird die beste Show des gesamten Festivals. Selbst die Tatsache, dass die Gitarre den Geist aufgibt, als Murph gerade Moving To New York anstimmen will, stört kein bisschen. Mit neuem Instrument kommt er wieder ans Mikro und liefert die schönste Ansage des Tages. „Where was I? Ah yeah, being a legend.“ Es folgen ausschließlich Hits, ein Rekordwert für glückliche Menschen auf den Schultern vielleicht nicht ganz so glücklicher Menschen und spaßbeweisende Kommentare selbst weit hinten im Publikum wie „Gute Laune!“, „Das ist ein schönes Lied!“ oder „Ich hol noch mal drei Bier, oder?“ Als es (vor einer Metal-Zugabe) Let’s Dance To Joy Division als letztes Lied gibt, spielen sich unglaubliche Szenen ab: Menschen, die gar nicht wissen wohin mit ihrem Glück. Vorschlag an Joko und Klaas: Es dürfte eine spannende Challenge für die nächste Ausgabe von Mein bester Feind sein, sich in ein Wombats-Konzert zu stellen, ohne am Ende ein fettes Grinsen im Gesicht zu haben.

7. Sänger Dave King von Flogging Molly wundert sich, „being a catholic boy, you know“, wie man an einem Sonntag so viel Spaß haben kann. Er scheint sich, ebenso wie die Fans beim Highfield, dann aber doch sehr schnell an diese womöglich mit Fegefeuer bestrafte Situation zu gewöhnen.

8. Dafür, dass die Donots in ihrer Show so oft das Wort „Punkrock“ in den Mund nehmen, hat ihre Musik eine ziemlich erstaunliche Ähnlichkeit mit Tokio Hotel, inklusive reichlich Synthies und schief gesungener Balladen. Als Entschädigung gibt es zum Schluss eine Coverversion von We’re Not Gonna Take It. Lustig.

9. Irie Révoltés dürften von allen Bands am Sonntag auf den höchsten kumulierten Kalorienverbrauch kommen (um gut gestärkt für die Show zu sein, haben sie übrigens im Leipziger Café Puschkin gefrühstückt). Nicht nur, weil sie so viele sind, sondern auch, weil sie die Blue Stage in eine Turnhalle verwandeln, mit reichlich Sprüngen, Sprints und ein bisschen Akrobatik. Kombiniert mit viel Reggae und Dancehall und etwas Skapunk und Rap funktioniert das blendend. Dass sie mit ihrer politischen Botschaft in einem Spaß-Umfeld wie dem Highfield-Festival nicht durchdringen können, glauben Irie Révoltés übrigens nicht. „Gerade, weil es oft um Party geht, ist es ein guter Ort, um Inhalte reinzubringen. Das ist ein Überraschungseffekt“, erzählte mir Carlos im Interview. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass viele, die nur zum Feiern kommen oder politisch überhaupt nicht interessiert sind, auch aufmerksam werden und sich fragen: ‚Hä, was sagen die? Damit will ich mich mal näher beschäftigen.‘ Gerade deshalb ist es so wichtig für uns, auch auf solchen Festivals präsent zu sein. Um nicht nur die Leute zu erreichen, die schon anders denken, sondern auch neue Leute zu bewegen.“

10. An die Tatsache, dass im VIP-Klo in einer Endlosschleife Vogelzwitschern eingespielt wird, hat man sich auch nach drei Tagen Highfield noch nicht gewöhnt. Womöglich soll der idyllische Sound selbst im WC-Container daran erinnern, wie unfassbar schön das Gelände ist. Dort ein Festival zu feiern, wo andere Leute Urlaub machen, ist eine wunderbare Gelegenheit. Zumal auch in diesem Jahr wieder eine sehr entspannte Atmosphäre herrschte, die sicherlich mit dem großzügigen Gelände und der Abwesenheit von Nerv-Faktoren wie ständigem Gedränge, ewig weiten Wegen zwischen den Bühnen und unnötig strenger Security zu tun hat. Hat Spaß gemacht.

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