Hingehört: Adel Tawil – „Lieder“


Nach 17 Jahren als Musiker hat Adel Tawil sein Soloalbum gemacht.

Nach 17 Jahren als Musiker hat Adel Tawil sein Soloalbum gemacht.

Künstler Adel Tawil
Album Lieder
Label Universal
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Ich habe gerade noch einmal nachgezählt: 180 Mal ist das Wort „ich“ auf dieser Platte zu hören (auch wenn Adel Tawil es natürlich stets als „isch“ ausspricht). Das macht also, über den Daumen gepeilt: 90 Mal Ich + Ich.

So viel zu den Kalauern. Die Verbindung zu dem Duo, das Adel Tawil mit Annette Humpe bildete und das im Januar 2012 sein letztes Konzert gespielt hat, ist auf dieser Platte allerdings sehr präsent. Zum einen ist da die Stimme des 35-Jährigen, die man sofort erkennt. Zum anderen verkörpert Lieder einen Sound, den man sich auch bei Ich + Ich hätte vorstellen können: Popmusik, meist harmlos, meist solide, meist schick.

Ein paar Unterschiede sieht Adel Tawil, der 1996 seinen ersten Plattenvertrag unterschrieben hat und nun – 17 Jahre später – erstaunlicherweise erstmals vor der Situation steht, ein Album unter seinem eigenen Namen zu machen, aber doch. „Es muss persönlicher sein, mir aus der Seele sprechen“, umschreibt er die Zielsetzung für seine neuen Stücke.

Am deutlichsten wird das im Titelsong. Adel Tawil besingt in Lieder seine Sozialisation durch Popmusik, mit lauter Referenzen an Songtitel und Interpreten und mit viel Leidenschaft. „Und ich singe diese Lieder…“, beginnt der Refrain – bei der letzten Wiederholung am Ende des Tracks wird daraus aber „Und wir singen diese Lieder…“, das ist ein cleverer Verweis auf den Zusammenhalt, der durch Pop entstehen kann.

Besonders viel Tiefgang und Introspektive bietet das Album ansonsten nicht. Kartenhaus handelt von der Vergänglichkeit, Auf Sand gebaut warnt vor einer Sintflut und lässt offen, ob das wörtlich mit Blick auf den Klimawandel gemeint ist, oder doch metaphorisch als eine Warnung vor dem moralischen Verfall. Der Rest sind Liebeslieder, mit viel Pathos wie der Opener Immer da oder plakativ, wirkungsvoll und NDW-geprägt wie Graffiti Love (auf dem die Humpe-Schwestern mitsingen).

Apropos Mitstreiter: Produziert wurde Lieder von Tobias Kuhn (Sportfreunde Stiller, Thees Uhlmann, Die Toten Hosen), und er leistet hier Großes. Oft gibt es langsame, aber beinahe monströse Beats, das Album profitiert enorm von originellen Ideen wie den elektronischen Anleihen in Wenn du liebst oder den arabischen Einflüssen im eingängigen Herzschrittmacher. Auch die Gastauftritte überzeugen: Sido und Prinz Pi zanken sich im (angesichts dieser Besetzung erstaunlich guten) Aschenflug darüber, ob der Rock’N’Roll-Lifestyle nun erstrebenswert oder bedenklich ist. Matisyahu veredelt das kraftvolle und sehr positive Zuhause, das man sich auch gut von K’Naan vorstellen könnte.

Auch sonst spielt Adel Tawil hier durchaus in einer Liga, die international konkurrenzfähig ist. Der Groove von Weinen würde auch gut zu Gnarls Barkley passen, ebenso wie die geschickt platzierten Streicher und die Tarantino-Gitarre. Der Bonustrack Neujahr ist ein gelungener Popsong, und dass man dabei zuerst an Echt oder Virginia Jetzt! denkt (statt meinetwegen an Robbie Williams oder Roxette) liegt nur daran, dass hier eben auf Deutsch gesungen wird.

Zwei Ausrutscher hat Lieder freilich auch: Unter Wasser klingt, als habe jemand die Münchner Freiheit mit U96 zwangsverheiratet, auch Schnee (aus der Feder von Annette Humpe, übrigens) ist ein schlimmer Schlager. Insgesamt ist das aber vorzeigbar und Adel Tawil ist in jedem Fall stolz auf diese Platte, schließlich ist sie für ihn „das erste eigene Ding, nach Jahren. Das, was ich immer erreichen wollte.“

Aus Ascheflug hat Adel Tawil gleich mal einen Kurzfilm gemacht:

Homepage von Adel Tawil.

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