Hingehört: Andreas Kümmert – „Recovery Case“


Künstler Andreas Kümmert

Recovery Case Andreas Kümmert Kritik Rezension

Wie er seine Angst überwunden hat, besingt Andreas Kümmert auf „Recovery Case“.

Album Recovery Case
Label Polydor
Erscheinungsjahr 2016
Bewertung

Normalerweise funktioniert das Rezept einer Castingshow ja so: Man nimmt einen mehr oder weniger jungen Menschen mit mehr oder weniger Talent, lässt ihn singen und versucht zwischendurch, ihn als maximal spannende Person zu porträtieren. Wenn dieser Mensch die Show dann gewinnt, darf er eine Platte machen, die maximal unspannend ist. Die vielleicht größte Überraschung beim heute erscheinenden Recovery Case ist deshalb: Die zweite Major-Label-Platte von Andreas Kümmert, der The Voice Of Germany gewonnen hat und dann den deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest (und dann, jaja, dort nicht antreten wollte), ist tatsächlich interessant.

Es liegt vielleicht daran, dass er sich nicht mit fertigen Pseudo-Hits beliefern lässt, sondern alle Lieder selbst geschrieben hat, wobei bei der Musik stets Christian Neander (Gitarrist von Selig) mitgewirkt hat. Nichts klingt wie Retorte. Auf Recovery Case sind unzweifelhaft echte Menschen am Werk, mit echten Erfahrungen aus dem echten Leben. Denn Andreas Kümmert fällt auch in einer anderen Kategorie aus dem Schema des typischen Castingshow-Absolventen: Er ist kein pubertärer Träumer, der direkt von der Schulbank im Fernsehstudio gelandet ist, sondern hat in diesem Jahr seinen 30. Geburtstag gefeiert. Er hat etwas zu erzählen.

Das bedeutet nicht unbedingt, dass die Platte vor tiefgründigen Texten strotz. Im Gegenteil: Bei Liedern wie Reflection wünschte man sich, er würde lieber auf Deutsch singen als in einem nicht ganz unfallfreien Englisch, das sehr oft mit Reimen arbeitet, die man schon tausendmal gehört hat. Auch der Auftakt Train To Nowhere überzeugt nicht: Dieser Zug fährt leider von sehr organisch (in der Strophe) zu etwas anbiedernd (im Refrain) und wird angetrieben von einer viel zu sehr gepressten Stimme. Trotzdem merkt man, wie sehr das Album das Ergebnis eines sehr persönlichen Leidenswegs ist – und dass hier jemand meint, was er singt, und weiß, wovon er singt, tut selbst Liedern wie der prätentiösen Klavierballade Lonesome But Free gut.

Noch besser funktioniert es natürlich, wenn nicht nur das Gefühl stimmt, sondern auch der Song: Falling hat viel Leichtigkeit, Selbstverständlichkeit und Wärme, auch Silver And Gold wird sehr schön, rund und stimmungsvoll. So gewöhnlich wie der Titel von I Love You ist, so offenkundig ist der Wille, in diesem Track möglichst ausgefallene Rhythmen und einen möglichst spektakulären Gesang zu bieten. In Notorious Alien, dem vierten Stück der Platte, lässt sich dann zum ersten Mal etwas Selbstvertrauen erkennen, sogar Swag.

Das ist keineswegs selbstverständlich. „Ich hatte Angst. Panik. Ich litt damals unter Panikattacken, unter Depressionen“, hat der Sänger gerade in einem Interview mit dem Stern erklärt, was ihn zum Rückzug vom ESC 2015 bewegte. „Mir war klar, es würde mich überrollen, und ich werde es nicht verkraften. Ich musste diese Bühne verlassen, ich musste nach Hause, meine Wohnung von innen zuschließen.“ Dieses Gefühl ist sehr präsent auf Recovery Case, etwa im sehr stimmungsvollen und erfreulich dezenten Beside You oder im etwas überkandidelten Rausschmeißer Desperate Moves, in dem es zuerst nur Gesang und Klavier gibt und dann gegen Ende eine verstörte E-Gitarre wohl das Leid des Sängers vertonen soll. Im Ego Song besingt Andreas Kümmert, was ihm hinweghilft über den ganz persönlichen Blues: nicht nur der Beistand seiner Mitmenschen, sondern auch die Musik.

Diese Liebe zur Musik ist (natürlich neben der Stimme, die mal Seal heraufbeschwört, mal Darius Rucker oder Eddie Vedder, natürlich auch Joe Cocker, den Kümmert als seinen wichtigsten Einfluss benennt) die wichtigste Stärke von Recovery Case. Einem Lied wie One Day merkt man das auf sehr angenehme Weise an: Der Dreck unter den Fingernägeln ist unverkennbar echt. Man hört aus diesem Stück geradezu ein Leben heraus, in dem schmuddelige Proberäume, selbst geschleppte Gitarrenverstärker und halbleere Dorfkneipen mit undankbarstem Publikum wichtige Stationen waren. Auch The Beginning Is The End, der vielleicht beste Song der Platte, macht deutlich: Andreas Kümmert will kein Popstar sein, sondern Musiker, notfalls eben auch beides. Er ist in diesem Lied im Reinen mit sich, das bedeutet aber nicht, dass er zur Ruhe gekommen ist. Vielmehr hat er gelernt, die Turbulenzen des eigenen Seelenlebens zu akzeptieren.

Im Video zu Notorious Alien scheint Andreas Kümmert sich selbst zu entführen.

Website von Andreas Kümmert.

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