Hingehört: BC Camplight – „How To Die In The North“


Künstler BC Camplight

"How To Die In The North" ist eine Achterbahnfahrt, stilistisch und emotional.

„How To Die In The North“ ist eine Achterbahnfahrt, stilistisch und emotional.

Album How To Die In The North
Label Bella Union
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

“I’be dead or in jail if I stayed”, erkannte Brian Christinzio vor ein paar Jahren beim Gedanken an seine Wahlheimat Philadelphia. Lange hatte er sich, nachdem er seine Geburtsstadt New Jersey verlassen hatte, sehr wohl gefühlt in der City of brotherly love. Jetzt kam ihm Philadelphia wie eine Sackgasse vor. Der Ausweg lautete: Manchester. Dort hatte Christinzio, besser bekannt als BC Camplight, ein paar seiner besten Konzerte gespielt, zudem hatte er ein paar Freunde in der Stadt, bei denen er zunächst unterkommen konnte. Also packte er die Sachen – der Aufbruch wurde zum Ausgangspunkt für How To Die In The North.

“There was a real Leaving Las Vegas vibe to my move to Manchester. I intended to get the record out of my system the best I could, and then drink myself to death. I had so many regrets, like the shitty things I’d done to myself and to other people”, erklärt er den Albumtitel. Auf der mit Produzent Martin King entstandenen Platte, seinem dritten Longplayer nach Run, Hide Away (2005) und Blink Of A Nihilist (2007), spielt er fast alles selbst.

Im Vergleich zu den Vorgängern gibt es eine viel größerer Bandbreite an Instrumenten – und reichlich Verzweiflung. „It’s more or less a goodbye record“, sagt BC Camplight über How To Die In The North. “It covers the shit I did wrong, down to the literal stuff like, you should have gone to school, you pursued a relationship that was doomed from the start… a main theme is not being convinced there’s such a thing as love, at least in the long term. My first records were fairly hopeful and more playful, but this one’s desperate and damaged in many places.”

Good Morning Headache ist ein Paradebeispiel dafür. „I’m so goddamn mad I could kill the dog“, lautet die erste Zeile, danach klingt der Gesang wie ein Traum, aber das Thema ist womöglich ein Trauma – und die Musik würde vielleicht am besten in ein Musical für Liebeskranke passen. In Love Isn’t Anybody’s Fault kontrastiert die Putzigkeit von Air schön mit gelegentlichen, ganz kurzen Eruptionen. Auch Atom Bomb macht von Beginn an klar, dass es hier um existenzielle Krisen geht („I’m a canibal“, lauten die ersten Worte), dann beschränkt sich das Lied weitgehend auf Klavier, Gesang und ein paar höchst geschmackvolle Ergänzungen. Why Doesn’t Anybody Fall In Love wird als Schlusspunkt der Platte eine theatralische Ballade, in die selbst Barry Manilow nicht mehr Schmalz hätten reinpacken können – auch wenn der natürlich niemals eine so fiesen Text gesungen hätte.

Die emotionale Achterbahnfahrt und die Vielfalt der musikalischen Mittel auf How To Die In The North entsprechen einander, erklärt BC Camplight: „I wanted it to sound warm and inviting, but also partly like it was degenerating and even confusing. I wanted people to feel like I feel, so you can’t tell if things are scary or beautiful. The varying styles of songs mirror the extreme mental highs and lows I was going through.”

Nicht nur zwischen den einzelnen Tracks gibt es erstaunliche Unterschiede, auch die Songs selbst nehmen oft überraschende Entwicklungen. Nach akustischem Beginn wird aus Grim Cinema ein Boogie, keineswegs gebremst, aber weit von etwas entfernt, was man „mitreißend“ nennen könnte, weil er immer wieder unterbrochen wird von verstörtem Sprechgesang, irgendetwas Arabischem oder einem Space-Orgel-Solo. Auch zu Thieves In Antigua kann man nicht wirklich „straight“ sagen, aber das Lied ist eingängig und einschmeichelnd – in jedem Fall hochgradig originell, inklusive Mariachi-Trompeten, gregorianischem Gesang und einer tiefen Frauenstimme.

Der vielleicht passendste Bezugspunkt für BC Camplight ist diesmal Brian Wilson. Seine hohe Stimme erinnert an den Beach Boy, ebenso das Wesen als notorischer Einzelgänger, der sich in die Musik zu retten versucht. Er teilt mit ihm auch die Vorliebe für Schlagzeugwirbel und klimpernde Percussion, die Abneigung gegen das Erwartbare und den Wunsch, es könne für immer 1966 sein. Oft klingt How To Die In The North so, als hätten bei Brian Wilson die Medikamente versagt, die ihn die Welt durch eine rosarote Brille sehen lassen.

You Should Have Gone To School ist ein Lied wie ein sanftes Streicheln, Bass und Schlagzeug sind beinahe schüchtern, die kurz darauf einsetzende E-Gitarre erst recht. Lay Me On The Floor wirkt, als habe jemand im Jahr 1971 versucht, unbedingt wie das Jahr 2011 zu klingen und dabei die richtigen Mittel gefunden (Stimmeffekte, grelle Tasteninstrumente, unruhige Rhythmen, Gaga-Text, ein sich zwischendurch bedrohliches steigerndes Tempo), aber irgendwie trotzdem daneben gelegen (denn nichts ist so plakativ, wie man es 2011 gefälligst zu sein hatte). Und Just Because I Love You gerät vollends kryptisch: “Just because I love you / doesn’t mean I love you”, singt BC Camplight zu dezenten Motown-Anleihen, und er singt es so oft und in einer so verträumten, unscharfen Stimmung, dass es auf seltsame Weise einleuchtend wird.

Eine große Lust auf komplexe Komposition zeichnet dieses Album aus, großes Augenmerk für stimmige Atmosphäre und große Stilsicherheit beim Unterbringen spannender Details. BC Camplight ist immer kreativ, oft intelligent, manchmal wahnsinnig, How To Die In The North ist immer schön, sogar prachtvoll, gönnt sich aber auch seine Risse, Schattenseiten und Bosheiten.

BC Camplight spielt Thieves In Antigua in Manchester.

Homepage von BC Camplight.

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