Hingehört: Big Sean – „Dark Sky Paradise“


Künstler Big Sean

Seine introvertierte Seite entdeckt Big Sean auf "Dark Sky Paradise".

Seine introvertierte Seite entdeckt Big Sean auf „Dark Sky Paradise“.

Album Dark Sky Paradise
Label Def Jam
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

Eine ziemlich ungewöhnliche Methode wählt Big Sean auf seinem dritten Album, um sich von der “härter, reicher, geiler”-Mentalität im HipHop abzusetzen: Auf Dark Sky Paradise macht er die Heulsuse. Zumindest manchmal.

Natürlich ist der 26-Jährige, der bisher vor allem mit Tracks wie Dance (A$$) aufgefallen ist, nicht plötzlich introvertiert geworden. Aber zumindest etwas persönlicher wird er diesmal in seinen Texten. Tatsächlich gesteht er ein, manchmal verletzlich zu sein, Probleme zu haben und falsche Entscheidungen zu treffen. Er kommt nicht wie eine HipHop-Actionfigur rüber, der keiner was kann, sondern wie ein Mensch – und das ist natürlich ein Pluspunkt.

Vor allem in der zweiten Hälfte von Dark Sky Paradise macht sich das bemerkbar. Win Some, Lose Some (das einen von zwei Gastauftritten von Jhené Aiko auf diesem Album bietet) ist tatsächlich melancholisch. Stay Down ist zwar eine fette Umarmung an die Kumpels in Liedform, kommt aber ohne die dabei eigentlich naheliegende Party-Atmosphäre aus. In One Man Can Change The World (mit John Legend und Kanye West) berichtet Big Sean von seinem Aufstieg in der Musikwelt, zeigt aber auch, dass er erkannt hat: Eine der vielen Triebfedern für Arroganz kann auch die Angst sein, bald alles wieder zu verlieren. Wenn es im Refrain von Play No Games in Richtung der Frau an seiner Seite “I want you to take me serious” heißt, dann ist das (trotz der Beteiligung von Chris Brown in diesem Track) keine Drohung, sondern eine Bitte.

Solch pessimistische Töne hätte man kaum erwartet von dem Mann, der als Sean Michael Leonard Anderson in Detroit geboren wurde, seine beiden ersten Alben jeweils auf Platz 3 der US-Charts gebracht hat (Big Sky Paradise hat das noch getoppt und ist sofort auf Platz 1 eingestiegen) und es bisher in seinen Texten und seiner Außendarstellung vor allem hat krachen lassen. Auch die Vorboten für dieses Album deuteten keineswegs in eine neue, beschauliche, nachdenkliche Richtung.

Ganz uneingeschränkte gilt das für I Don’t Fuck With You (feat. E-40), die Vorab-Single, von der mittlerweile eine Million Exemplare verkauft wurden. Der Track ist kurzweilig, ebenso aggressiv wie verspielt. Big Sean richtet ihn unverkennbar gegen seine Ex (Naya Rivera aus dem Ensemble von Glee, ihr alten Tratschtanten) und stellt sich damit nicht nur hinsichtlich des Titels in die Tradition von Cee Lo Greens Fuck You. Die zweite Single Paradise ist ebenfalls kein Trauerkloß, sondern ein Kracher (und der beste Track des größtenteils von DJ Mustard produzierten Albums): Es gibt originelle Musik mit dramatischen Streichern und verfremdeten Bläsern, dazu Raps in halsbrecherischer Geschwindigkeit und mit viel Leidenschaft.

Auch an anderen Stellen von Dark Sky Paradise findet sich diese Mentalität. Im Opener Dark Sky (Skyscrapers) stellt Big Sean klar: “I don’t owe nobody in the world no favours / I started from the basement made it to the skyscrapers.” Die Single Blessings (mit einem Gastauftritt von Drake) bringt seine Dankbarkeit für das bisher Erreichte zum Ausdruck, mit unverhohlenem Stolz und dem Hinweis darauf, wie hart er dafür gearbeitet und wie sehr er es deshalb verdient hat.

Billboard hat diese Zwittergestalt von Big Seans drittem Album gut zusammengefasst: “Like a pendulum, he oscillates between basking in his luxuries and the fear of losing it all; between knowing he’s one of the greatest of his generation and worrying if one even notices; between toasting to his blessings and battling his demons; between bemoaning past loves and thanking God for his new girlfriend, Ariana Grande.”

Das Problem an diesem Album ist keineswegs dieses Schwanken zwischen Swagger und Sentimentalität, sondern die Tatsache, dass viele der Tracks – egal, ob zackig oder gebremst – bloß okay sind statt herausragend. Natürlich gibt es in den Texten (auch in den Quasi-Balladen) reichlich Pussies und Titties und Bitches, die oft reduzierten Backing Tracks lassen nicht nur Abwechslung, sondern auch eine eigene Handschrift vermissen.

I Know ist so ein Fall, der Track soll wohl sinnlich sein, ist aber nur langweilig. „Will I hit the ground or will I learn how to fly?“, fragte sich Big Sean in Deep – das ist typisch für sein Niveau an Reflexion, und natürlich ist das lyrisch und intellektuell arg dünn. Besonders deep ist auch die klischeehafte Instrumentierung (mit Kirchenglocken und verlorenen Piano-Tönen), nicht, das Beste an dem Song ist der Rap von Lil Wayne. Auch die drei Dreingaben auf der Deluxe-Edition sind allenfalls Durchschnittsware: Deserve It, Research (mit Ariana Grande) und Platinum And Wood gibt es als Bonus Tracks.

Wenn als dritter Song All Your Fault erklingt (mit Kanye West, auf dessen Label Big Sean einst sein Debütalbum Finally Famous veröffentlicht hatte), dann ist man dankbar, dass es mit Chören und Auto-Tune-Elementen musikalisch etwas elaborierter wird. Später sorgt im Outro ein Sample von Didn’t I des Soul-Sängers Darondo dafür, dass endlich ein bisschen höchst willkommene Musikalität und vor allem gute Laune Einzug hält.

In Summe ist Dark Sky Paradise konventionell und manchmal auch in punkto Qualität unterdurchschnittlich. Aber das Album hat immerhin ein paar Momente, in denen man ahnt, was Kanye West einst wohl in Big Sean erkannt haben mag, als er beschloss, sich zu seinem Mentor aufzuschwingen.

Big Sean bringt Blessings live in TheCruzShow.

Homepage von Big Sean.

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