Hingehört: Blondie – „Blondie 4(0) Ever“


Künstler Blondie

Ein Best Of und ein neues Album kombinieren Blondie zum 40. Jubiläum.

Ein Best Of und ein neues Album kombinieren Blondie zum 40. Jubiläum.

Album Blondie 4(0) Ever
Label Noble
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

“Such is the availability of Blondie Best Of compilations that there are several tribes in the rainforest of Brazil who still manage to get down to Heart Of Glass on a Friday night”, hat der NME schon 2005 über die New Yorker Powerpop-Könige geschrieben. Inzwischen sind noch einige dazu gekommen, und nun, zum vierzigsten Bandjubiläum von Blondie, wird die Reihe auch noch um Blondie 4(0) Ever erweitert.

Es ist allerdings ein besonderes Greatest-Hits-Album. Denn zum einen gibt es hier die größten Blondie-Hits in neu aufgenommenen Versionen. Zum anderen bietet die Doppel-CD mit Ghosts Of Download auch ein nagelneues Album (und für alle, die sich sogar die Special Edition Version gönnen, zusätzlich noch eine DVD mit einem historischen Konzertmitschnitt aus dem CBGBs).

Sollte es jemanden geben, der sich über so viel Aufhebens wundert, dann sei an den Stellenwert von Blondie erinnert. Die Band fand Mitte der 1970er Jahre in New York City zusammen, als Kunststudent Chris Stein und Sängerin Debbie Harry sich trafen (und später verliebten). 1976 erschien die erste Single X-Offender, zwei Jahre später brachte Denis den Durchbruch und machte Blondie zu einer der erfolgreichsten Bands der Welt. Vom dritten Album Parallel Lines wurden 20 Millionen Exemplare verkauft, nach einer ziemlich turbulenten Tournee trennte sich die mittlerweile völlig zerstrittene Band 1982. Chris Stein war danach für mehrere Jahre ein Pflegefall, Debbie Harry versorgte ihn, bis in die frühen 1990er Jahre blieben die beiden ein Paar. 1999 gab es ein veritabel erfolgreiches Comeback mit No Exit, danach zwei weitere neue Blondie-Alben. 2006 wurde die Band in die Rock And Roll Hall Of Fame aufgenommen.

Was Blondie ausmachte, war nicht nur der enorme kommerzielle Erfolg (insgesamt blicken sie auf 40 Millionen verkaufte Platten zurück), sondern vor allem der künstlerische Einfluss. “Without Debbie Harry and her perfect punk group Blondie, music as we know it, from Green Day to Goldfrapp, wouldn’t have happened”, hat der NME attestiert und an anderer Stelle festgestellt: “They made punk sexy, and sex punky.” Wolfgang Doebeling schwärmte im Rolling Stone: “Blondie waren Abba, aber mit Sex und Stil.”

Punk (in ihrer Anfangszeit haben Blondie sieben Monate in Folge jedes Wochenende im CBGB gespielt, das damals auch die Heimat der Ramones oder von Patti Smith war, später waren sie mit Iggy Pop auf Tour) und Girlgroup-Sound (Debbie Harry, beim Erscheinen der ersten Blondie-Platte immerhin schon jenseits der 30, schwärmte vor allem für die Shirelles und Ronettes) zusammen zu bringen, Garagen-Rock und Plastik-Pop zu verschmelzen, darauf musste man erst mal kommen. Später integrierten Blondie auch Reggae in ihren Sound, machten ein weißes Publikum mit dem neuen Ding namens „Rap“ bekannt und eroberten, wohlgemerkt aus der Indie-Szene kommend, spielend die Ära von Disco. Ebenso wie The Clash auf der anderen Seite des großen Teichs verstanden sie Punk nicht in einem musikalisch puristischen Sinne, sondern als freigeistige Attitüde. Dazu packten sie noch, ebenfalls höchst ungewöhnlich angesichts der Sozialisation der Band, eine ordentliche Dosis Ehrgeiz und Vermarktungsgeschick und verstanden es zudem, Punk auch mit Intelligenz, Humor, Ironie und natürlich Erotik zu garnieren.

Dieser Ära mittels der Neuaufnahmen auf Greatest Hits Deluxe Redux wieder zu begegnen, ist durchaus eine Freude, auch wenn sich etliche Blondie-Fans an das 2000er Livealbum Livid erinnert fühlen dürften, auf dem die Band ebenfalls ihren alten Hits frisches Blut injizierte. Neben Debbie Harry und Chris Stein ist diesmal auch Gründungsmitglied Clem Burke an Bord (der Schlagzeuger ist schon seit dem Blondie-Split in den 1980ern einer der weltweit gefragtesten Session-Musiker). Dazu kommen in der aktuellen Formation Bassist Leigh Fox, Gitarrist Tommy Kessler und Keyboarder Matt Katz-Bohen.

Das erstaunlichste Merkmal von Greatest Hits Deluxe Redux ist dabei zunächst die Originaltreue der Stücke. Die elf Songs umspannen die gesamte Blondie-Laufbahn vom Debütalbum 1976 bis zum 1999er Hit Maria, damals vom NME geadelt als “truly a Rolls Royce of comeback singles”. Die Neuaufnahmen klingen, als wollten Blondie sagen: Seht her, wir können es noch, genau wie früher. Kommt zu unserer Welttournee und überzeugt euch selbst davon (und macht uns nebenbei noch ein bisschen reicher)!

Entsprechend gering ist der Erkenntnisgewinn. Dreaming bekommt einen renovierten Synthie-Sound und einen Tick mehr Tempo und klingt dadurch etwas lebendiger. Auf Rapture kann Debbie Harry beweisen, dass sie den Rap, damals als First Take aufgenommen (“My rap was definitely a white-bread version – in fact, it was more of a homage than a real rap”, hat sie später dazu gesagt) inzwischen durchaus souverän beherrscht. Heart Of Glass, das am Beginn der CD steht, strotzt auch in der neuen Version vor Eleganz lässt sofort verstehen, was den NME zum Urteil “In its four-and-a-half minutes you can hear the genesis of everyone from Pulp to The Rapture to Yeah Yeah Yeahs” geführt hat.

Deutlich mehr Aggressivität als in der Originalversion bekommt One Way Or Another verpasst, sodass das darin besungene Stalking noch ein bisschen bedrohlicher erscheint. Und Call Me ist inzwischen offensichtlich völlig mit seinem Disco-Gewand im Reinen, auch wenn Chris Stein einmal über den Song gesagt hat, Blondie hätten niemals Disco machen wollen, sondern stattdessen versucht, „Kraftwerk mit den Mitteln einer traditionellen Band nachzuempfinden“.

Faszinierend ist, neben der Klangtreue, auch die Tatsache, wie sehr Debbie Harry nach wie vor diese Lieder dominiert. Ihr mitunter unbeteiligter Gesang war zu den Glanzzeiten von Blondie oft als mangelnde stimmliche Bandbreite ausgelegt worden. Auch deshalb reduzierte man die Sängerin (als adoptiertes Kind hatte sie eine bewegte Vergangenheit, unter anderem mit Drogenerfahrung, einem Job als Playboy-Bunny und guten Verbindungen zu Andy Warhols Factory hinter sich) gerne auf ihr Aussehen. Die New York Times hat ihre Anziehungskraft damals auf eine Mischung aus „Gammel, Glanz und ausgeflipptem Chic“ zurückgeführt. Der Spiegel erkannte „den derangierten Sex-Appeal einer Vorstadt-Monroe“. Selbst die Nachgeborenen beim NME sehen in Debbie Harry einen “one-woman glamour tsunami” und “one of the most eye-bulgingly beautiful pop pin-ups of all time”.

Natürlich stimmt all das, die großen Hits von Blondie aber mit gut 30 Jahren Abstand zu hören, von einer mittlerweile fast 70-jährigen Debbie Harry, offenbart noch etwas anderes: Sie war trotz ihres umwerfenden Aussehens eine der ersten Frauen in der Rockmusik, die sich nicht passiv als Objekt der Begierde inszenierte, sondern Täterin war. Sie war schicker Vamp, sie war zerbrechlich und konnte zuckersüß mit den Augen klimpern. Aber sie war auch durchtrieben, eine robuste Göre von der Straße.

Man wusste, dass sie gerne angehimmelt wird, aber man ahnte auch: Diese Frau kann saufen und fluchen und sich vielleicht sogar prügeln. Ihr Gesang, im Wesentlichen bestehend aus den beiden Ausprägungen „wild“ und „unschuldig“ ist die Entsprechung dieses Selbstverständnisses, nicht das Ergebnis von mangelndem Stimmumfang. „You have to have a sense of determination or personality. In a lot of ways, I had that determination in me to be myself no matter what anyone said“, hat Debbie Harry einmal umschrieben, was in ihren Augen eine Ikone ausmacht – genau im Sinne dieser Definition singt sie hier.

Das gilt auch für die 13 neuen Lieder auf Ghosts Of Download, dem zehnten Studioalbum von Blondie, das den zweiten Bestandteil von Blondie 4(0) Ever bildet. Allerdings liefern die Songs nur selten eine kongeniale Vorlage dafür. Jedes Lied hat mindestens seine Momente, aber bei weitem nicht alles ist großartig und nichts ist den Großtaten von Blondie ebenbürtig. Schade ist vor allem, wie zahm diese Platte klingt: Vieles kommt jetzt aus dem Kopf, fast nichts mehr aus der Hüfte.

Vielleicht liegt es an der neuen Arbeitsweise. “Ich habe rund zwei Jahre an dem neuen Material gearbeitet”, sagt Chris Stein. „Es basiert eher auf Computern als das letzte, eher Band-orientierte Album. Viele programmierte Parts sind diesmal erhalten geblieben. Ich hab viel Zeit damit zuhause verbracht und mich dabei immer wieder mit unserem Produzenten Jeff Saltzman ausgetauscht. Er und seine Assistentin Natalie Hawkins haben mir auch geholfen, Melodien zu entwickeln. Es gab viel mehr Zusammenarbeit als für frühere Platten.“

Sugar On The Side macht den Auftakt und steht geradezu programmatisch für die Schmelztiegel-Funktion, für die Blondie so berühmt sind. Die Ankündigung ist auf Spanisch, dann gibt es eine japanische Gitarrenmelodie, ein Akkordeon wie vom Balkan, zwischendurch Einlagen von Sängern aus dem kolumbianischen Cumbia/HipHop-Kollektiv Systema Solar in verschiedenen Sprachen. Aber das Ergebnis ist nicht so sehr ein Amalgam von Stilen, Sprachen und Kulturen, sondern eher von Posen.

Rave (mit Miss Guy) bietet okayen Pop mit Discobeat, einer Gitarre aus der Rumpelkammer von Republica und einem Refrain von Heaven 17 (dabei ist natürlich klar, dass die alle sich ihrerseits bei Blondie bedient haben). Die Single A Rose By Any Name, ein Duett von Debbie Harry mit Beth Ditto, könnte ebenso gut als Prototyp des Blondie-Sounds durchgehen. Es fehlt zwar etwas Punch, aber in jedem Fall ist das modern genug, um auch für Lily Allen oder Katy Perry funktionieren zu können. Einen weiteren Gastauftritt, nämlich von Rapper Los Rakas aus Panama, gibt es in I Screwed Up, zu Reggaebeat und Akkordeon.

Euphoria (erstaunlich gemütlich für solch einen Titel), Winter (erstaunlich sommerlich für so einen Titel) und der Album-Schlusspunkt Backroom setzen ebenfalls auf höchst entspannte Beats. „In the backroom / we’ve been drinking all night“, singt Debbie Harry im letzten Track des Albums – man muss glauben, dass es Mineralwasser war statt Tequila oder wenigstens ein guter Rotwein. Auch in anderen Momenten bleibt Ghosts Of Download leider arg leichtgewichtig und harmlos oder gar misslungen wie Make A Way: Genau die Elemente, die den Refrain energisch machen, klingen da in der Strophe unangenehm hektisch. Solche stilistischen Fehlgriffe ist man von Blondie sonst nicht gewohnt.

Natürlich bietet Ghosts Of Download auch Erfreuliches. Das gitarrenlastige I Want To Drag You Around ist äußerst souverän und zeigt unter anderem mit der Zeile „If honesty kills / you’ll have a long life“, dass Debbie Harry auch eine sehr spitze Zunge nicht daran hindert, eine große Romantikerin zu sein. Take It Back ist, mit viel Drive und Tempo und einem infantil-ansteckenden „Nanana“ das Lied auf dieser Platte, das am meisten Spaß macht. Mile High flirtet nicht nur mit Techno im Sinne von David Guetta, sondern wirft sich geradezu auf ihn, und das geht tatsächlich einigermaßen gut.

Eindeutig auf der Habenseite kann man auch Relax verbuchen, eine Coverversion des Frankie Goes To Hollywood-Klassikers. Bei Blondie wird der Song (zumindest zunächst) tatsächlich relaxed, verliert dadurch aber erstaunlicherweise nichts von seiner Spannung. „Ich hatte das Original rauf- und runtergehört und schlug vor, es live zu spielen, weil ich es so sehr mochte. Ich hatte auch nie ein Cover davon gehört. Jeff regte dann an, es doch als Ballade zu spielen. Was so schräg schien, dass es natürlich schon wieder cool war“, erläutert Chris Stein die Entstehungsgeschichte. Take Me In The Night schließlich ist intelligent, gekonnt und elegant im Sinne von Moloko. Dass man Blondie aber inzwischen mit den Nachfahren vergleicht (nicht umgekehrt), ist ein weiteres Indiz dafür, dass es diese Platte niemals über den Status „achtbar“ hinaus schafft.

Joachim Hentschel hat in einem Artikel im Rolling Stone vor ein paar Jahren den Wunsch geäußert, manche Bands „unter Denkmalschutz stellen zu können, ihnen alle baulichen Veränderungen am Gesamtwerk und vor allem das Aufnehmen neuer Platten unter strengsten Auflagen zu verbieten”. Anlass dazu war damals ein neues Album von Blondie – und leider macht sich dieser Wunsch auch angesichts von Ghosts Of Download breit.

Aus der Blütezeit: Heart Of Glass, live im TV.

Homepage von Blondie.

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