Hingehört: Bryan Ferry – „Avonmore“


Künstler Bryan Ferry

Er klingt wie immer, nur ist es jetzt modern: Bryan Ferry.

Er klingt wie immer, nur ist es jetzt modern: Bryan Ferry.

Album Avonmore
Label BMG
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Gott sei Dank. Man hatte schon befürchten müssen, dass Bryan Ferry sich von seinem knapp 40 Jahre lang gepflegten Sound entfernt – ausgerechnet jetzt, wo hoch eleganter, sanfter, mondäner Softpop gerade wieder schwer angesagt ist.

Zuletzt hatte er seine eigenen Hits ins Jazz Age katapultiert und einige stilistisch ähnliche Beiträge zum Soundtrack von The Great Gatsby abgeliefert. Doch jetzt ist er mit Avonmore wieder bei seinem Markenkern angekommen. Für sein 15. Studioalbum hat er einige langjährige Wegbegleiter wie Nile Rodgers oder hochkarätige Gäste wie Maceo Parker und Flea (er spielt einen von gleich drei Bässen im Titeltrack) an Bord geholt und sich offensichtlich vorgenommen, sich voll und ganz dem Genuss des eigenen Status’ hinzugeben. Und das klingt verdammt gut.

Der Opener Loop De Li ist im genau richtigen Maße funky und schick, zudem einer von etlichen Songs auf Avonmore, die ein stilsicheres Saxofon und eine kein bisschen altertümliche Discogitarre integrieren. Mit dem folgenden Midnight Train qualifiziert sich Bryan Ferry als ein ziemlich heißer Kandidat für den demnächst sicher zu vergebenden Titel als „Godfather of Yacht Rock“. In Soldier Of Fortune, das er gemeinsam mit Johnny Marr geschrieben hat, klingt seine Stimme, als hätte sie ein Leben lang darauf gewartet, nun im Alter von 69 Jahren den Grandseigneur zu machen.

John Paul von Pop Matters hat dieses Album sehr treffend umschrieben als “a well-deserved victory lap for both Ferry and those he’s assembled, triumphantly returning to relevance and reminding listeners he’s been doing this since the ‘70s. It’s just taken this long for the mainstream to catch up with where he’s been all along.” In der Tat ist Bryan Ferry hier derart mit seinem bisherigen Oeuvre im Reinen, wie man das sonst vielleicht nur von David Bowie kennt, und beweist auf Avonmore zugleich mehrfach erstaunliche Aktualität: Driving Me Wild ist unruhig, tanzbar und geheimnisvoll. Der Bass in One Night Stand ist überraschend muskulös, die Percussions sind flirty, auch das Zusammenspiel mit den Frauenstimmen (unter anderem von Ronnie Spector) treibt den Hormonpegel, passend zum Thema, nach oben.

Auf der anderen Seite stehen Songs wie Lost, das ein Zwilling des Roxy-Music-Hits Oh Yeah sein könnte, mit Ferry als souveränem Verführer und Mark Knopfler an der Gitarre. In A Special Kind Of Guy beweist er, dass er einer der wenigen Leute ist, für die das Attribut „slick“ keine Beleidigung darstellt. Im Refrain von Avonmore dürfen sich die E-Gitarren in Richtung Rock bewegen, der Beat ist Disco, der Sound ist Dire Straits, die Stimme lotet hier ihre tiefsten Tiefen (wie der späte Johnny Cash, was wunderbar zur Zeile „I want a love that’s never ending“ passt) und höchsten Höhen (wie ein entspannter Morten Harket) aus.

Und dann sind da noch zwei Coverversionen. Die Musical-Nummer Send In The Clowns, einst ein Hit für Judy Collins, bekommt bei Bryan Ferry eine nervöse Grundstimmung, die Stimme ist dabei so präsent, dass man durchaus überhören kann, dass da ein ganzes Streicher-Ensemble im Hintergrund im Einsatz ist. Noch ein bisschen besser, vielleicht sogar der herausragende Song überhaupt auf Avonmore, ist das von Todd Terje produzierte Johnny And Mary. Ferry erzählt diese Geschichte nicht als Gegenwart (wie es im Original von Robert Palmer der Fall ist), sondern als Retrospektive, mit Erfahrung und Weisheit, als Stimme, die um Reiz und Gefahr einer so turbulenten Beziehung weiß und eher das Ermüdende daran betont als das Aufregende. Das hat Klasse – wie das Album, wie der Künstler.

Gewalt, Geschmack und Geheimnis: das Video zu Loop De Li.

Homepage von Bryan Ferry.

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