Hingehört: Dawa – „Psithurisma“


Künstler Dawa

Akustisch und organisch ist das zweite Album von Dawa.

Akustisch und organisch ist das zweite Album von Dawa.

Album Psithurisma
Label Las Vegas Records
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

Scheibbs war im Jahr 1886 die erste Kommune in Österreich, in der es eine öffentliche Stromversorgung gab. Man darf – bei einer landesweiten Stromerzeugung von aktuell rund 70 Milliarden Kilowattstunden pro Jahr – getrost davon ausgehen, dass diese Errungenschaft mittlerweile auch das beschauliche Schrattenberg erreicht hat.

Der Ort liegt in der Steiermark und hat nicht einmal 1500 Einwohner. Zu den Sehenswürdigkeiten gehören ein VW-Käfer-Museum und ein Schloss aus dem 13. Jahrhundert. Berühmtester Sohn der Gemeinde ist der Radrennfahrer Rudolf Mitteregger, der in den 1970er Jahren dreimal die Österreich-Rundfahrt gewann. Hierhin haben sich Dawa für die Aufnahmen ihres zweiten Albums zurückgezogen. Gemeinsam mit den Produzenten Patrick Pulsinger und Oliver Brunbauer nahmen sie Psithurisma auf – und die Platte klingt, als ob es weit und breit keine Steckdosen gegeben habe.

Das Quartett aus Wien hat schon mit dem Debüt This Should Work (2013) auf entspannte, gerne auch ungewöhnliche Akustik-Klänge gesetzt, der Nachfolger bietet nun ebenfalls Folk-Pop, der von seiner ungewöhnlichen Instrumentierung (unter anderem sind auf Psithurisma  Shruti-Box, Waschbrett, Glockenspiel, Ukulele und Akkordeon zu hören; zudem wissen Dawa eine Cellistin in ihren Reihen) und seinem organischen Sound lebt.

In den besten Momenten ist das weitaus spektakulärer, als es auf dem Papier klingen mag. Psithurisma (griechisch für “Blätterrauschen“) braucht fast nur Gitarre und den an Tracy Chapman erinnernden Gesang. Das verletzliche Owe You ist noch ein bisschen reduzierter. A Journey strahlt große Wärme und bezaubernde Unschuld aus. Wenn man Saloon hört, muss man glauben, Österreich sei ein County irgendwo in den Südstaaten, und Dawa wären auf der Flucht vor dem Sheriff.

In Unexpectedly entwickelt das Zusammenspiel der beiden Stimmen (die von den Gründungsmitglieder Barbara und John stammen, Nachnamen gibt es bei Dawa nicht) seinen größten Reiz, und mehr als dieses entzückende Miteinander braucht das Lied auch gar nicht. Dying Star ist ebenfalls beeindruckend, niemals lärmend oder aggressiv, aber doch eine beachtliche Energie offenbarend.

Allerdings erreichen nicht alle der zehn Lieder auf Psithurisma dieses Niveau. If You Return, das an Roachford denken lässt, verspürt offensichtlich Lust auf großes Drama, zündet aber nicht so recht. Die Vorab-Single On The Run ist als Komposition etwas dünn, wird aber vom guten Arrangement gerettet. Pushed hört man seine Ambitionen an, der Track gehört aber ebenfalls zu den schwächeren Momenten: Natürlich darf ein Lied im Ungefähren bleiben, aber nicht unbedingt sechs Minuten lang.

Das Lied, das den Sound von Dawa vielleicht am besten auf den Punkt bringt, ist Slow Down. Es klingt, als sei man versehentlich in ein Wohnzimmer (oder besser: eine WG-Küche) geraten, in der eben zufällig gerade musiziert wird – ohne Hintergedanken an Plattenaufnahmen, Erwartungshaltungen oder Erfolgsaussichten, dafür aber mit viel Gefühl, Können und sehr kreativen Streichern.

Strom gibt es auch im Video zu On The Run nicht, aber dafür eine Fackel.

Homepage von Dawa.

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