Hingehört: Eivør – „Bridges“


Künstler Eivør

Auf Tour ist der größte Teil von "Bridges" entstanden.

Auf Tour ist der größte Teil von „Bridges“ entstanden.

Album Bridges
Label Tutl
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

Der eine oder andere Gast wird in dänischen Hotels in den vergangenen zwei Jahren sehr seltsame Erfahrungen gemacht haben. Zumindest, wenn er das Zimmer neben Eivør Pálsdóttir erwischt haben sollte. Denn die färöische Sängerin, die mittlerweile in Kopenhagen lebt, war dort enorm umtriebig.

„I used to dedicate time specifically for composing music and writing lyrics, but many of the new songs just came to me whilst touring with my previous album”, umschreibt sie die Entstehungsweise ihrer neuen Platte Bridges. “Typically, I got an idea for a theme during the day, and then I continued working on it in the evening in my hotel room, where I always have a guitar and a small keyboard within reach.”

Die Zimmernachbarn dürften also beinahe gespenstische Klänge wie den filigranen und verwunschenen Morning Song gehört haben. Einen ersten Eindruck des sehr sanften und sehr schönen Stories, das an ein Aufeinandertreffen von Joan Baez und Portishead denken lässt. Oder eine frühe Version von Faithful Friend mit seiner Atmosphäre von Sehnsucht und Bedauern. Eivør besingt darin wehmütige Erinnerung an ihre Jugend und ihr Staunen darüber, wie die Leute einfach verschwinden können, die uns damals wichtig waren. Das alles verpackt in eine Musik, die zwar einige elektronische Elemente enthält, aber trotzdem klingt, als sei sie schon 300 Jahre alt.

Neben solcher Intensität ist es vor allem diese durchdringende Stimme, die den Sound der 31-Jährigen, die vor Bridges bereits zehn Alben in unterschiedlichen Sprachen veröffentlicht hat, prägt (und die so manchen Hotelgast womöglich an Fabelwesen, Burgfräuleins oder Poltergeister hat glauben lassen). Dem bedächtigen Tides verleiht dieser Sopran eine große Ernsthaftigkeit. In On My Way To Somwhere klingt Eivør wie eine sehr ungeduldige Kate Bush. The Swing wird ein (nicht unbedingt gelungenes) Experiment mit angedeutetem Sprechgesang und asiatischen Einflüssen.

Die Single Remember Me zeigt vielleicht am besten, wie diese nordische Version von Folktronica funktioniert. „Please remember me“, lautet der Appell. Eivør klingt dabei nicht wie eine Geliebte, die ihren Freund verabschiedet, nicht wie eine Mutter, die ihr Kind in die Welt entlässt, oder ein Orakel, das noch einmal auf seinen Ratschlag hinweisen will. Sondern wie eine Kombination aus all dem, und ihre Stimme hat dabei eine fast mystische Kraft. Der Beat in Purple Flowers, in dem Eivør ihr schlechtes Gewissen bei der Entscheidung gesteht, das Zuhause in Tórshavn mitsamt einer kranken Mutter zu verlassen, wirkt für sich betrachtet unbeholfen, in diesem Kontext verleiht er dem Lied aber etwas, das man beinahe „Glorie” nennen möchte.

Zu den Höhepunkten zählt auch der Titelsong des Albums. Die hier besungenen Bridges müssen Brücken sein über die Sorte Wasser, die still und tief sind. Brücken, die ein bisschen einsturzgefährdet wirken und doch der einzige Weg sind hin zu einem Land, in dem die Hoffnung lockt, die Freiheit oder wenigstens die Gnade des Vergessens.

Ein bisschen gespenstisch sind auch die Überblendungen im Video zu Remember Me.

Homepage von Eivør.

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