Hingehört: Entrance – „Book Of Changes“


Künstler Entrance

Book Of Changes Entrance Kritik Rezension

In elf verschiedenen Studios ist „Book Of Changes“ entstanden.

Album Book Of Changes
Label Thrill Jockey
Erscheinungsjahr 2017
Bewertung

Hört man Winter Lady, das achte Lied auf dem übermorgen erscheinenden neuen Album von Entrance, so tritt man ihm bestimmt nicht zu nahe mit der Aussage: Vor 50 Jahren hätte er mit so einem Song ein Gott werden können.

Denn die Vergangenheit ist für Guy Blakeskee, dem Mann hinter diesem Moniker, ein durchaus angenehmer Ort. Als Referenzgrößen für Book Of Changes führt er etwa Townes Van Zandt oder Arthur Lee und Love an. Die Auswahl der Gäste, die am Album beteiligt waren, zeigt ebenfalls eine Vorliebe für das Bewahren von Bewährtem: Langzeitkollabarateur Paz Lenchantin (Pixies) ist an Bord, ebenso wie Percussionist Frank Lenz (Pedro The Lion), die Sängerinnen Jessica Tonder und Lael Neale sowie die Schlagzeuger Derek James und Will Scott.

Die Songs des 35-Jährigen klingen enorm ausgereift, auch wenn gelegentlich absichtlich ein Eindruck der Unvollkommenheit heraufbeschworen wird. Das wunderbare Summer’s Child hätte Leonard Cohen auch nicht langsamer, poetischer, selbstverliebter und mit stilechterem Background-Frauengesang hingekriegt. The Avenue verweist auf Bob Dylan, nicht nur wegen der beiden Hauptzutaten (Blues und Bitterkeit), sondern auch weil hier jemand zu hören ist, der an nichts so sehr glaubt wie an sein eigenes Ego. Molly erinnert mit seinem tollen Gitarrenintro und dem folgenden Mix aus Flamenco-Rhythmus und fast höfischen Klängen an Tim Buckley.

Dass „Traditionalist“ für Entrance keineswegs ein Schimpfwort ist, zeigt der Ansatz, den er für das Book Of Changes gewählt hat. “I desperately wanted to get back to the essential nature of ‘SONG’ – as opposed to a ‘track’“, erklärt er die Grundidee. „Most music that is released nowadays is really a track, not a song – it would be impossible for one person with an instrument to sit down in a room and perform it… So it was important that this album begin from actual songs that I could sing with a guitar or a piano… all of the textures and sounds I added along the way are the icing on the cake to expand the experience for the listener, but at the heart is a real song, a basic text of words and a melody. I want to do my part to see that tradition isn’t lost. I believe there’s still a lot of power in a song.”

Wie richtig er damit liegt und wie entscheidend das „icing on the cake“ auch in seinen Liedern sein kann, zeigt beispielsweise das vergleichsweise üppig arrangierte Always The Right Time. „It’s always the right time / for love / (…) / love is the answer / love is the cure“, singt Blakeskee, und er klingt dabei wie jemand, der schon immer an solche Sätze geglaubt, aber jetzt noch einmal eine zusätzliche Bedeutung darin erkannt hat. In I’d Be A Fool offenbart er zu einem Bolero-Beat seinen Hang zur Theatralik, der etwas kraftvollere Album-Schlusspunkt Revolution Eyes lässt ihn in die Nähe etwa von Ben Kweller rücken.

Dass Book Of Changes, produziert von Blakeslee selbst und Multiinstrumentalist David Vandervelde (Father John Misty, Jay Bennet) in elf verschiedenen Studios in Los Angeles und London aufgenommen wurde, merkt man der Platte in keinem Moment an. Stattdessen hat Entrance einen sehr stimmigen Kanon sehr eindringlicher Lieder geschaffen. Das beste davon ist Leaving California. Darin unterstreicht Guy Blakeslee, dass er bei aller Vorliebe für klassische Mittel nicht nur sehr aktuell klingen kann, sondern auch keine Angst vor großen Gesten und mächtigen Bildern hat. Die Zeile „I am leaving California / before it falls into the sea“ ist nur das schönste davon.

Das Video zu Always The Right Time zeigt: Hausarbeit ist bei Blakeslees Frauensache.

Website von Entrance.

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