Ezra Furman – „Perpetual Motion People“


Künstler Ezra Furman

Covers des Albums "Perpetual Motion People" von Ezra Furman

Sehr abwechslungsreich und zugleich in sich stimmig ist das dritte Soloalbum von Ezra Furman.

Album Perpetual Motion People
Label Bella Union
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

Nach rastlosen Menschen hat Ezra Furman seine morgen erscheinende neue Platte benannt. Das ist nicht allzu verwunderlich bei einem Künstler, der es seit 2007 auf mittlerweile sechs Alben gebracht hat, zunächst als Ezra Furman & The Harpoons, dann als Solist. Doch der Titel bezieht sich keineswegs nur auf seine eigene Umtriebigkeit. „Perpetual Motion People – that’s who it was made by and that’s who it’s for. People who feel they can never settle”, stellt der 28-Jährige klar.

Wie sehr ihn dieser Geisteszustand prägt, hat er längst erkannt: “I’m restless in most aspects. I don’t tend to live in one place for long. I am always changing the way I present my gender. My religious life is intensely up and down in terms of observance and personal convictions. I’ve always viewed the idea of truth itself as something wobbly, always slipping out of our grasp. That’s what the songs are about: a head that is haunted, a society I cannot join, a lover who is perpetually in the act of leaving. A central idea is the fugitive or runaway, in a hideout built in the midst of an unfriendly or alienated world.”

Dieses Gefühl, nirgends so richtig zuhause zu sein, verwandelt sich in den 13 Songs seines neuen Albums auf ganz wunderbare Weise in eine Musik, die oft humorvoll, sehr abwechslungsreich, ausnehmend intelligent und hoch sensibel ist. Aufgenommen hat er Perpetual Motion People mit seiner Begleitband The Boyfriends: Jorgen Jorgensen (Bass), Ben Joseph (Keyboards, Gitarre), Sam Durkes (Schlagzeug) und Tim Sandusky (Saxofon). Letztgenannter hat das Werk auch produziert, wie schon bei den beiden vorangegangenen Alben. „Tim completely understands what is, or could be, good about my songs, and how to make a record. Each album we make together, we’re really getting somewhere”, sagt Ezra Furman.

Das hat auch diesmal wieder geklappt, und Sandusky hat wohl einigen Anteil daran, aus Perpetual Motion People solch ein Panoptikum zu machen, das doch in sich stimmig bleibt. Gleich in die 146 Sekunden des ersten Songs Restless Year packt Ezra Furman mehr musikalische Spielarten, als manche Künstler in ihrem gesamten Leben überhaupt wahrnehmen. Consequence Of Sound hat das Lied als “a ball of energy, bouncing around genre borders with glee” gefeiert – in der Tat entsteht hier ein ziemlich unwiderstehlicher Mix aus viel Energie und etwas Wahnsinn, aus Kirmes-Trash und Punkrock-Furor.

Ähnlich feurig wird später Hark! To The Music. In Tip Of The Match klingt der Mann aus Chicago, als sei er gerade aus dem Krieg heimgekehrt, noch immer berauscht vom Adrenalin des Schlachtfelds, und noch immer ausgestattet mit der Waffe, die ihm an der Front den Triumph gebracht hat: einem Fuzz-Pedal. Dass man im Jahr 2015 einen Song wie Pot Holes zu hören bekommt, ist nicht zu glauben (und gleichzeitig fühlt es sich seltsam zwangsläufig und aktuell an), so viel Flair und Attitüde des ganz frühen Rock’N’Roll stecken darin.

Auch Lousy Connection schafft es wunderbar, uralte Sounds (hier: einen lupenreinen Beach-Boys-Beginn, dann ein wenig Jonathan Richman und eine gute Portion Ben Kweller) in großartigen Schräg-Pop zu verwandeln. “I love those low bassy voices and those nonsense cartoon lyrics, like ‘sham-a lama’, it just worms its way into my head”, sagt Ezra Furman über die faszinierenden Doo-Wop-Einlagen. Auch in Wobbly, das man früher womöglich einen Novelty-Song genannt hätte, scheint diese Vorliebe durch. Als dann Body Was Made auch noch auf ein gespenstisches Sex-Appeal entwickelt, merkt man: Das klingt wie Prince, wenn der keine Angst davor hätte, sich zum Deppen zu machen.

In drei Songs wird es auf Perpetual Motion People eher beschaulich (Hour Of The Deepest Need lässt an Neil Young in seiner Harvest-Zeit denken, Ordinary Life bleibt ebenso akustisch wie der Gospel-artige Schlusspunkt One Day I Will Sin No More), in Watch You Go By ist dann sogar die Schwermut erreicht. „It’s fine being drunk on the weekend / but it’s finer being drunk all week”, singt Ezra Furman zu Beginn, und später, noch ein bisschen bitterer: “I’ve got a bright future in music / as long as I don’t find true happiness”.

Auch in Haunted Head besingt er seinen eigenen Wahnsinn ausnahmsweise einmal so, als käme vielleicht auch eine Kapitulation vor den Dämonen infrage, die ihn umtreiben. Die Musik dazu klingt, auch auf dem Rest der Platte, wie sich sein Geisteszustand wahrscheinlich anfühlt: ein Chaos auf der Suche nach der ultimativen Schönheit.

Die größte Stärke seiner Songs ist allerdings der Hang zur Exzentrik, zum ganz großen Drama – und Ezra Furman weiß das. Er bekennt sich zu einem „feeling of expansiveness, the largeness of emotion, from joy to pain. Some people think life is small or confined, but to me it’s just big, and I’d say each song has something to say, to declare themselves large.” Der Song, der das am eindrucksvollsten unterstreicht, ist der vorletzt auf dieser Platte. Er beginnt als Ballade mit ein bisschen Theatralik, aber kein bisschen Schauspielerei. Er ist wieder so ein Beispiel dafür, dass Ezra Furman bei aller Vorliebe für DIY nicht bloß in Indie-Kategorien denkt, sondern in opulenten Dimensionen von Queen, The Who oder David Bowie. Can I Sleep In Your Brain?, heißt der Titel des Songs. Die Antwort sollte unbedingt lauten: Klar, komm rein. Fühl dich wie zuhause!

Nicht ganz rund läuft es für Ezra Furman auch im Video zu Restless Year.

Demnächst gibt es zwei Deutschland-Konzerte von Ezra Furman:

19.07. Bremen – Breminale

24.07. Stuttgart – Stuttgart Festival

Homepage von Ezra Furman.

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