Hingehört: Gabi Delgado – „2“


Künstler Gabi Delgado

Cover des Albums 2 von Gabi Delgado bei Oblivion

Gabi Delgado haut Musik raus, als ob es kein morgen gibt.

Album 2
Label Oblivion
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

Es ist ein wunderbarer Moment. Kurz vor Schluss dieses Doppelalbums erklingt Monotones elektronisches Hausklavier. Es ist großartig durchgeknallt, auf faszinierende Weise wuchtig und hoch effektiv. Und es vereint vieles von dem, was die Musik von Gabi Delgado auch auf seinem zweiten Album auszeichnet: Den Willen, ständig mit neuen Sounds zu experimentieren (für 2 hat er etwa die Klänge von Glitch-Apps und Spielekonsolen wie X-Box und Playstation benutzt). Die Fähigkeit, mit ganz wenigen Worten einen sehr hohen Wiedererkennungswert zu schaffen („Durch meine Immigrantengeschichte habe ich ein anderes Verständnis der deutschen Sprache“, sagt der gebürtige Spanier). Und nicht zuletzt die Freude daran, dass er gut 30 Jahre nach den Erfolgen mit DAF (für alle Nachgeborenen: youtubet mal Tanz den Mussolini) noch immer dran ist an dieser Sache mit der elektronischen Tanzmusik.

Allerdings muss man auch einräumen: Monotones elektronisches Hausklavier, der 29. von 32 Tracks auf diesem Doppelalbum, wirkt auch ein wenig wie eine Belohnung, dass man bis hierher durchgehalten hat. Denn 2 hat ein ziemliches Qualitätsgefälle. Es gibt starke Songs wie Ndkm (das steht für Neue Deutsche Klubmusik, und so klingt es auch), Zerstör die Disco (das mit seinem anarchischen Potenzial an Deichkind denken lässt) oder Casioparty (Motto: „Wir feiern jetzt ’ne Party wie 1982“). Aber es gibt auch Rohrkrepierer wie das anstrengende Elektro Kung Fu Meister, das chaotische Untergrund oder das nervtötend aggressive Kriegstanz.

Ein bisschen Qualitätskontrolle wäre hier nötig gewesen, doch davon will Gabi Delgado-López nichts wissen. Er hat Musik raus, als ob es kein morgen gibt. Erst im vergangenen Jahr ist sein Solodebüt 1 erschienen, danach gab es das Gratis-Album X, jetzt schon das zweite Solowerk. „Auf der einen Seite geht es mir einfach um Value For Money“, erklärt der 56-Jährige diesen üppigen Output. „Es geht aber auch und vor allem um die Ökonomie der Verschwendung als Prinzip in Leben und Kunst. Verschwendung als positiver Wert ist das Lebensprinzip schlechthin. Wie in der Natur: Blumen blühen, um zu verwelken. Sterne werden geboren, um zu verglühen. Es gibt keinen Grund, etwas für später aufzusparen. Nur die Angst vor der Zukunft bringt die Menschen dazu, sich Energien und Ressourcen aufzuteilen. Sprich: Geiz ist nicht geil, sondern Ausdruck der Angst des Kleinbürgertums vor dem WasWirdMorgenSein.“

Es sind solche Zitate, die den Reiz seines Werks stützen. Es gibt kaum einen anderen Künstler, der Wesen und Wirken von Techno so gut reflektiert hat wie Gabi Delgado, der in Córdoba (Andalusien) geboren wurde, 1966 als Achtjähriger nach Deutschland kam und zuletzt 19 Jahre lang in Berlin lebte, bevor er unlängst in die spanische Heimat zurückkehrte. Seine Biographie und seine Intelligenz stärken diese Songs, mehr noch: Sie sind manchmal notwendig, um sie zu Kunst zu machen. 2 enthält fast ausschließlich Musik, die vom Gestus lebt. Das bedeutet auch: Es gibt hier krude Songs wie Dschungel, in denen man sich fragt: Wie würde man das finden, wenn es nicht von diesem Künstler, mit diesem Namen, dieser Historie, diesem Image käme? Die Antwort lautet: vielleicht peinlich und lächerlich.

Delgado federt diesen Effekt freilich geschickt ab. Erstens mit dem nötigen Maß an Abwechslung, musikalisch und textlich: Temporeichen Tracks wie Astronaut stehen Stücke mit karibischen Einflüssen (Liebeslieder), Tribal-Elemente (Tiere) und beinahe Ambient-Sounds wie Nachtflug gegenüber.

Die Texte sind mal explizit politisch engagiert wie in Geschichte oder Begrüßungsgeld, manchmal durchgeknallt wie in Ich bin so froh. Ganz oft geht es wie in Die Liebe um die vollkommene Freiheit der Gefühle – auch, aber nicht nur im sexuellen Sinne. „Alles was du liebst ist schön“ – in der Absolutheit dieses Slogans steckt ein subversives Potenzial, weiß Gabi Delgado: „Alles ist politisch, insbesondere das Aufgehen im Körperlichen. Die Mächtigen sind in alten Zeiten – ich spreche von der Kirche – so vehement gegen die Körperlichkeit vorgegangen, da sie Angst vor Machtverlust hatten. In rauschartigen Zuständen passieren Revolutionen. Es ist die Vorbedingung, damit man die Angst vor Repressionen überwindet.“

Auch Hausarrest hat dieses Thema, es handelt von einem Pärchen, das einen Monat lang das Haus nicht verlassen wird und innerhalb seiner vier Wände nur einer einzigen Beschäftigung nachgeht: 30 Tage lang gibt’s ausschließlich Sex. „Die Leute fragen mich immer, warum ich so viele Sex-Tracks produziere. Für mich ist Sexualität die Sprache der Liebe, einer der schönsten Triebe des Menschen. Es gibt ja nicht so viele Bereiche, wo man eine Entäußerung erfahren kann, ganz und gar aus sich heraus zu gehen vermag“, sagt Delgado.

Zweitens schafft es der 56-Jährige, ähnlich wie man das von Rammstein oder meinetwegen auch Scooter kennt, in den Texten maximal zu vereinfachen und dabei mit der Affinität des Deutschen und der Deutschen zum brachialen Slogan zu spielen. Viele Songs auf 2 bekommen so den Charakter eines Rätsels hinsichtlich der Frage, was davon als Philosophie und was bloß als Provokation oder gar Primitivität gemeint ist. Gabi Delgado bietet somit eine Eigenschaft, die höchst im Techno genauso selten ist wie seine Fähigkeit, politisch zu sein, ohne uncool zu werden: Humor.

Als Teaser für das neue Album fungiert das Video zu Monotones Elektronisches Hausklavier.

Homepage von Gabi Delgado.

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