George Ezra – „Wanted On Voyage“


Künstler George Ezra

Spektakuläre Stimme, passable Songs: das bietet "Wanted On Voyage".

Spektakuläre Stimme, passable Songs: das bietet „Wanted On Voyage“.

Album Wanted On Voyage
Label Sony
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Das britische Gesundheitssystem ist ja berüchtigt für sein geringes Versorgungsniveau. NHS – das ist unter Ärzten außerhalb Großbritanniens eine Drohung und für die Mediziner auf der Insel so etwas wie ein Schimpfwort. Ein schlimmer britischer Medizinskandal scheint aber nach wie vor unentdeckt zu sein: Irgendjemand packt da etwas ins Trinkwasser, das die Stimmen von jungen Männern wie die von Greisen klingen lässt. Vor allem Laryngologen, Phoniatriker und Pädaudiologen sollten alarmiert sein.

Der erste bekannte Fall, in Fachkreisen als Patient Null bekannt, war Marcus Mumford. Auch Jake Bugg ist definitiv betroffen und jetzt zeigt George Ezra, dass es sich vielleicht sogar um eine Epidemie handeln könnte. Der 20-Jährige, in Hertford geboren und dann vor drei Jahren nach Bristol gezogen, um Songwriting zu studieren, hat in seinem Rachen so viel Kratzen, Rauch und Rohheit wie es die meisten Menschen selbst in 80 Jahren nicht hinbekommen. Noch schockierender wirkt diese Tatsache, wenn man ihn dabei sieht: Mit diesem Milchgesicht darf George Ezra bestimmt nicht mal Bier einkaufen, ohne seinen Ausweis vorzeigen zu müssen – zumindest, bis er den Mund aufmacht.

Wohl nicht erst in seinen Songwriting-Seminaren hat George Ezra gelernt, dass es so eine Stimme sein kann, die den Unterschied machen, einem Künstler das gewisse Etwas verleihen kann. Bei ihm hat das prompt geklappt: Plattenvertrag mit einem Major-Label, reichlich Vorschusslorbeeren (unter anderem stand sein Name auf etlichen „Diese Acts kommen 2014 groß raus“-Listen), mit Budapest eine höchst erfolgreiche Single (mittlerweile Gold-Status in Deutschland), und nun das morgen erscheinende Debütalbum Wanted On Voyage.

Dazwischen lag allerdings eine kleine Krise. Als Ezra erkannte, dass sein großer Traum vom Leben als Musiker wahr werden könnte, bekam er Muffensausen. Er war sich nicht mehr sicher, ob er überhaupt etwas Relevantes zu erzählen habe. Seine Reaktion war eine Rundreise durch Europa, bei der er sich in einigen Städten auch als Straßenmusiker versuchte. Es „war meine Art mit dem Druck umzugehen, einen Plattenvertrag unterschrieben zu haben“, sagt er: „Ich bekam ein wenig Panik. Das Problem war, dass ich in Bristol lebte, nach London fuhr oder als Support mit anderen Bands auf Tour war und nichts Neues sah. Das wäre wunderbar gewesen, wenn jemand Songs über die Züge der First-Great-Western-Bahnlinie von mir gewollt hätte, oder darüber, wie teuer deren Sandwiches sind. Das war aber nicht der Fall, also musste etwas passieren.“

Seine ganz private Europa-Tournee erwies sich als die richtige Idee im richtigen Moment. „Ich besuchte Paris, Amsterdam, Kopenhagen, Malmö, Wien, Mailand und Barcelona“, erinnert sich George Ezra. „Es war das erste Mal, dass ich jemals etwas über einen längeren Zeitraum ganz alleine gemacht habe. Und es war toll. Ich habe festgestellt, dass ich mich selbst ganz gut leiden kann.“ Neben diesem neuen Selbstvertrauen brachte er von seiner Reise auch reichlich Erfahrungen und Notizen mit, aus denen nun Wanted On Voyage geworden ist. Es ist ein sehr gefälliges Debüt, mit viel Singer-Songwriter-DNA, gekonnter Produktion von Cam Blackwood (unter anderem Florence And The Machine, Paolo Nutini) und sehr ordentlichen Texten. Meist weist die akustische Gitarre den Weg, eine dezente Orgel sorgt im Hintergrund etlicher Tracks für zusätzliche Tiefe, darüber thront stets diese außergewöhnliche Stimme.

Allerdings ist es manchmal auch nur diese Stimme, die aus den Liedern etwas halbwegs Interessantes macht. Listen To The Man ist so ein Fall, auch das ansonsten belanglose Over The Creek, das einzige Lied auf Wanted On Voyage, das George Ezra ganz alleine geschrieben hat. In It’s Just My Skin, dem drittletzten von 16 Liedern, nervt sein Gesang dann sogar, weil er Verzweiflung rüberbringen will, die aber bloß wie affektiertes Selbstmitleid klingt. Auch das „Ohoho“ im Refrain des stampfenden Cassy O’ ist auf Dauer etwas arg penetrant.

Der Grat zwischen tendenziell zu leichtgewichtig (das tanzbare Stand By Your Gun wäre da zu nennen) und gekonnt leichtfüßig (wie das wunderbar warme Budapest, in dem selbst ein beinahe gejodelter Ton im Refrain noch zurückhaltend und schlüssig wirkt) ist schmal auf diesem Album. Etlichen Liedern merkt man an, wie gerne sie im Radio gespielt werden wollen, beispielsweise dem gekonnt kalkulierten Da Vinci Riot Police, das ein wenig an Tom Odell denken lässt. Song 6 beginnt sogar mit einer Passage, die anscheinend vor 70 Jahren irgendwo im Äther in Tennessee hängengeblieben ist, bevor dann das eigentliche Lied ertönt, das nicht harmloser und defensiver sein könnte (inklusive der seichtestmöglichen Zeilen „We are only dreaming / and I’m dreaming of you“), wenn es zuvor durch sämtlichen Hörfunk-Gremien der ARD hätte abgesegnet werden müssen.

Dass die Songs von George Ezra noch längst nicht immer so charakteristisch sind wie seine Stimme, zeigt auch Breakaway: Fast drei Minuten lang baut er nur mit Gesang, Bass und E-Gitarre geschickt Spannung auf und leitet zu einem Finale hin, das dann allerdings ein bisschen größer sein will als es tatsächlich ist. In Spectacular Rival wird die Stimme noch einmal tiefer gelegt, dazu gibt es dramatische Streicher und einen maschinellen Beat. Wahrscheinlich soll das Ernst und Bedrohlichkeit à la Nick Cave verströmen, aber es bleibt eine Pose.

Dem stehen allerdings einige überzeugende, echte Songs gegenüber. In Blame It On Me, dem ersten Lied von Wanted On Voyage, setzt der 20-Jährige den Kontrast zwischen der lauten, rohen Stimme und der fast niedlichen Musik schön in Szene. Did You Hear The Rain? beginnt acappella, dann macht sich eine Italo-Western-Atmosphäre breit, mit E-Gitarre und einem seltsamen Rhythmus, der sich aus gleich drei Loops zusammensetzt. „Ein Beatboxer, ein Didgeridoo-Spieler und noch etwas anderes, an das ich mich nicht mehr erinnere“, erklärt George Ezra dessen Zutaten. „Wir schickten Loops durch Verzerrer und machten dann Beats daraus. Auf dem Album gibt es jede Menge davon und es macht wahnsinnig viel Spaß, sowas im Studio zu machen“, schwärmt er. Drawing Board könnte ein Track aus der countryfizierten Phase von Mando Diao sein (also Never Seen The Light Of Day) und bietet dazu einen amüsanten Text voller Eifersucht und Rachegelüste.

Am besten ist George Ezra, wenn er möglichst wenig rund um seinen Gesang (der beste Vergleich für diese Stimme ist wahrscheinlich Darius Rucker, einst bei Hootie & The Blowfish) packt. Der Schlusspunkt Blind Man in Amsterdam ist so ein sehr hübscher Moment. Auch das sanfte Barcelona und das einschmeichelnde Leaving It Up To You mit einem wunderbaren Chor gehören dazu.

Gute Stimme, nicht immer ganz so gute Lieder – das ist die Quintessenz dieser Platte. George Ezra widersteht leider nicht einer ärgerlichen Mainstream-Anbiederung inklusive pflichtschuldiger Bescheidenheit in Statements wie: „Ich hebe doch jetzt nicht ab, nur weil ich Musiker bin. Ich bin nur ein Typ mit einer Gitarre, nicht mehr.“ Was Wanted On Voyage dennoch passabel und sogar sympathisch macht, ist das Talent, das aus einigen seiner Songs spricht. Und nicht zuletzt die Tatsache, dass man das Schreiben noch besserer Songs in gewissem Rahmen erlernen kann – eine solche Stimme aber nicht.

Budapest live – mit einem Gesicht, das eindeutig nicht zu dieser Stimme passt.

Homepage von George Ezra.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.