Hingehört: Helge Schneider: „Sommer, Sonne, Kaktus“


"Sommer Sonne Kaktus" setzt auf Coverversionen, mediterranes Flair und wenig Text.

„Sommer Sonne Kaktus“ setzt auf Coverversionen, mediterranes Flair und wenig Text.

Künstler Helge Schneider
Album Somme, Sonne, Kaktus
Label We Love Music
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Bei kaum einem deutschen Künstler, und dieses Urteil ist bei weitem nicht bloß auf die Welt der Musik beschränkt, liegen Genie und Wahnsinn so eng beieinander wie bei Helge Schneider. Seine Verschrobenheit ist gefürchtet, sein Talent zur Improvisation legendär.

Er selbst klebte sich früher das Etikett „Die singende Herrentorte“ an, für die Süddeutsche Zeitung ist er „einer der größten deutschen Künstler der Gegenwart“. Spiegel Online hat in Helge Schneider „die Parodie aller Parodien“ ausgemacht, und laut taz kommen „sich Punk und Jazz wohl in keinem anderen Künstler so nahe wie bei Schneider“. Sein langjähriger Wegbegleiter Alexander Kluge stellt Schneider in eine Reihe mit Karl Valentin und Till Eulenspiegel. Sein Verleger Helge Machow, noch einer, der Schneider seit mehr als 20 Jahren kennt, sah den Künstler unlängst in einer Laudatio „in einem Club mit Chaplin, mit Grog, mit Keaton, von mir aus mit Erich Kästner, mit Loriot, mit Heinz Erhard, mit Roberto Begnini oder Monty Python.“ Achso: Außerdem ist Helge Schneider noch ganz offiziell der „Klavierspieler des Jahres 2008“. Helge Schneider ist die personifizierte Unberechenbarkeit.

Was also kann man erwarten, wenn der bald 58-Jährige erstmals nach sechs Jahren wieder ein Album vorlegt? Eine Platte mit schrägen Coverversionen von Jazzstandards? Einen Sommerhit? Musik für seinen neuen Film 00 Schneider – Im Wendekreis der Eidechse (läuft im Oktober an)? Virtuose Ein-Mann-Instrumentalmusik? Gar Bekenntnisse rund um Burn-Out-Gerüchte (die sich dann als kurzzeitige Kreislaufschwäche herausstellten) und die Trennung von seiner Lebensgefährtin Maria (Mutter seiner zwei jüngsten Kinder)?

Sommer, Sonne, Kaktus ist all das. Mindestens. Helge Schneider hat das Album von April bis Juni in seiner spanischen Hütte und seinem Heimstudio in Mülheim aufgenommen. Selbstverständlich hat er alle Instrumente eigenhändig eingespielt und das Ergebnis auch selbst produziert.

Am Beginn steht der Titelsong, von Helge Schneider in einem Sommer ohne Welt- und Europameisterschaft großzügig zur Verfügung gestellt als „die offizielle Fußballhymne für unser deutsches Team“. Das Lied klingt ein wenig wie Fitze, Fitze, Fatze in Bastrock und Flip Flops, mit Strandflair und amüsantem Sprachgewirr à la „Paella in the Bauch“ oder „no more komm nach Haus“.

Noch ein bisschen durchgeknallter ist dann Nachtigall, huh (Es zittert unser Haus, was ist nur drauSSen los?). Mit einem kaputten Rhythmus und einer Wahnsinns-Gitarre könnte man darin Helge Schneiders Antwort auf den Gangnam Style erkennen, manch einer wird diese 260 Sekunden aber auch einfach bloß als akustische Qual betrachten. Mit Offenes Hemd beweist Helge Schneider danach einmal mehr, dass er die unromantischsten und unerotischsten Liebeslieder der Welt schreiben kann. Zu einem mediterranen Sound haucht er tatsächlich: „Offenes Hemd / und der Wind streift meine Pickel.“ Mit Mr. Bojangles folgt die erste von vier Coverversionen. Die Nummer von Jerry Jeff Walker singt Schneider am Ende irritierenderweise, als würde er sich am eigenen Speichel verschlucken.

In To Be A Man (das es auf dem Album auch noch einmal als Extended Version gibt) könnte man Anzeichen einer persönlichen Krise erkennen, wenn Schneider nicht ein Künstler wäre, der so sehr Kunst ist, dass biografische Authentizität hier nicht nur unwahrscheinlich, sondern schier unmöglich erscheint. Zu Bongos, Trompete und spanischer Gitarre gibt es jedenfalls ein Lamento darüber, wie schwer es ist, ein Mann zu sein. Auch der finstere Drinking Blues deutet in diese Richtung. Schneider singt mit Tom-Waits-Stimme unter anderem die Zeile „My baby left me“ und dankt dem Whiskey als bester Medizin gegen den Kummer.

With Love In My Fingers (Say It With Love) ist eine Liebeserklärung an das, was Schneider schon vor knapp 20 Jahren in Musik, Musik, Musik gepriesen hat. Scrubble Di Bubble wird eine herrlich dadaistische Scat-Einlage. Dazu kommen die instrumentale Catwalk Melodie und kurz vor Schluss das verstörende Bekenntnis I’m Coming From The USA. Wer dann noch nicht genug hat, kann bei Amazon übrigens neben der regulären Version von Sommer, Sonne, Kaktus auch die „Schneider Deluxe Edition“ inklusive CD und DVD erwerben, die zusätzlich zu diversen Videos die exklusive Session „Unplugged aus Mülheim“ enthält.

Damit ist Sommer, Sonne, Kaktus noch etwas: zugleich eine Offenbarung und eine Enttäuschung. Wenn Schneider Judy Garlands Somewhere Over The Rainbow interpretiert, dann kann man nur staunen (nicht nur über das famose Saxofon). Welcher deutsche Künstler könnte diesen tausendmal gehörten Welthit aufnehmen, dabei alle Instrumente selbst beisteuern und im Ergebnis vollkommen unverwechselbar klingen? Dass es aber nach Offenes Hemd, dem dritten Lied des Albums, praktisch keinen Text aus der Feder von Helge Schneider mehr gibt, könnte mancher als Indiz für nachlassende Kreativität oder gar Lustlosigkeit werten. Solche Befürchtungen wird Helge Schneider aber spätestens auf seiner bereits laufenden Konzertreise zerstreuen, die noch bis 6. September geht. Auf der Bühne ist am besten zu verstehen, was dieser Mann letztlich ist: Jazz, in jeder Hinsicht.

Helge Schneider spielt Sommer, Sonne, Kaktus live für den NDR:

Homepage von Helge Schneider.

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