Hingehört: Juli – „Insel“


Künstler Juli

Juli sind auf ihrer "Insel" leichtfüßig und erwachsen.

Juli sind auf ihrer „Insel“ leichtfüßig und erwachsen.

Album Insel
Label Polydor
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Ein Schiff ist auf dem Cover des vierten Albums von Juli zu sehen. Das Deck ist vollgepackt bis obenhin, die Segel wirken viel zu klein für so ein schwer beladenes Gefährt, auch die zusätzlichen Ruder machen nicht den Eindruck, als könnten sie bei schwerem Seegang viel ausrichten. Eva Briegel, Simon Triebel, Jonas Pfetzing, Andreas Herde und Marcel Römer stehen auf notdürftig befestigten Bergen von Ladung und wirken etwas verloren. Man muss befürchten, dass sie beim kleinsten falschen Schritt über Bord gehen könnten – und man fragt sich zudem, wie man so ein Fahrzeug sicher in irgendeinen Hafen steuern soll.

Das ist sicher eine gute Metapher für die Schwierigkeit, eine Band auf Kurs zu halten, und es ist vielleicht ein treffendes Bild für den Zustand von Juli vor den Aufnahmen zu dieser Platte. Vier Jahre haben sie sich nach dem Vorgänger In Love Zeit gelassen, jeder aus dem Quintett ist dabei seiner eigenen Wege gegangen. Auch der Hinweis, die neue Platte sei „demokratischer“ entstanden als die Werke zuvor, deutet darauf hin, dass es ein bisschen geknirscht hat bei Juli.

Offiziell deutete nichts auf ein Ende von Juli hin, doch einigen Mitgliedern dürfte klar geworden sein, dass es auch ein Leben jenseits dieser Band gibt. Simon Triebel schrieb unter anderem Lieder für Udo Lindenberg, Jonas Pfetzing arbeitete mit den Jungs von Madsen zusammen, Eva Briegel brachte 2010 eine Tochter zur Welt. Auch die Erfolgskurve ging, nach beachtlichen 1,5 Millionen verkauften Tonträgern seit dem Debütalbum vor zehn Jahren, nicht gerade nach oben. Jetzt ist, so beteuern die Gießener, aber wieder alles in Butter.

Insel klingt in der Tat wie die Platte einer Gruppe, die (wieder) weiß, was sie will – und vor allem, was sie aneinander hat. 2004 – das Jahr der ersten Juli-Platte – macht das am besten deutlich. Das Lied ist eine Zwischenbilanz und zugleich eine Hommage an die Heimatstadt Gießen. Der Rückblick fällt erstaunlich melancholisch aus. „Auf das, was wir dachten / und was wir mal waren“, wollen Juli nun anstoßen und haben offensichtlich erkannt, wie wertvoll das ist, was sie gemeinsam erlebt und erreicht haben.

Neben den wieder deutlich prominenteren Gitarren überzeugt Insel, das erneut von ihrem Haus- und Hofproduzenten Olaf Opal betreut wurde, vor allem dank Julis geschicktem Händchen für smarten Pop. Nichts brauchen ist das Lied, auf das viele Fans von Wir Sind Helden jahrelang vergeblich gewartet hatten: mitreißend, optimistisch, schlau. Der Song ist euphorisch, aber nicht gedankenlos, poetisch, aber nicht verklausuliert. Ähnlich originell und leichtfüßig gelingt Wenn das alles ist. Selbst ein Lied wie Eines Tages, gedacht als utopische Fantasie darüber, wie gut die Welt im Prinzip sein könnte, funktioniert, weil es von Herzen kommt, sich aber auch das nötige Maß an Augenzwinkern erlaubt, um nicht bierernst und oberlehrerhaft zu wirken. Auch musikalisch verbietet es sich die Nähe zum Hymnischen, bleibt stattdessen beinahe stoisch und klingt dadurch umso nachdrücklicher.

Noch mehr fallen aber die Texte auf Insel positiv auf. Das wichtigste Thema ist dabei die Erkenntnis, dass Ordnung, Kontrolle und Planung nicht zwangsläufig ans Ziel führen, jedenfalls nicht, wenn dieses Ziel „Glück“ heißt. Schon der Titelsong macht deutlich, dass Unabhängigkeit manchmal nur um den Preis der gelegentlichen Einsamkeit zu haben ist. „Ich liege nackt unter Palmen / leg meine Hände in den heißen Sand“, singt Eva Briegel in der zweiten Strophe, doch daraus wird keine schwülstige Erotik, sondern die Befürchtung, dass die große Liebe irgendwo am Horizont vorbeisegelt, unbeachtet. „Mein Herz ist eine Insel“, lautet schließlich das Bekenntnis, untermalt von einem Sound, der mit Anleihen an softe Elektronik und Yacht-Rock für einen Opener erstaunlich wenig feurig ist, aber auch nicht kraftlos.

Wasserfall erzählt von einer Beziehung, die keine Beschaulichkeit kennt und kein Planen, sondern nur Symbiose und Abenteuer. „Ich will nicht wissen, wie es ausgeht“, lautet passend dazu das Fazit von Hallo Hallo, einem Duett von Eva mit Daniel Schaub (Jack Beauregard), begleitet von einem dezenten, sehr schicken Drive im Stile von Phoenix. Jetzt ist ebenfalls traumhaft gesungen und hat eine wunderbare Atmosphäre. „Alles, was wir haben ist jetzt“, heißt es im Refrain, und die Begründung wird wenig später nachgeliefert: „Die besten Pläne machen keinen Sinn / weil ich heute noch nicht weiß, wer ich morgen bin.“

Wenn sich alles bewegt ist ein Bekenntnis zu den Widersprüchen, die das Leben nun einmal bereit hält, eine Absage an die Idee vom Ankommen im Eigenheim, mit Vorgarten und Bilderbuchfamilie. „Ich wohne im Zug und ich schlafe im Laufen / und wo ich herkomme, ein Scherbenhaufen / ich will nicht weg und ich will nicht bleiben / wenn ich dich sehe, fehlst du mir am meisten“, lauten die Zeilen im Refrain, immer endend auf die Quintessenz „Wenn sich alles bewegt, komm ich zur Ruh.“ Von Anfang an hat der Song eine gut dazu passende Nervosität, am Ende macht er einen schönen Ausflug in die Blur-Disco.

Es ist nicht viel belegt, dass Juli wissen, dass Eskapismus immer nur eine Lösung für den Moment sein kann. Sie wissen aber auch, dass das Leben letztlich aus nichts anderem besteht als vielen aufeinander folgenden Momenten. Auch der Album-Schlusspunkt So fest ich kann handelt von der Illusion, alles im Griff zu haben.

Es muss einige Niederlagen und Verluste gegeben haben, um zu dieser Erkenntnis zu kommen. Aber Juli singen nicht über die konkreten Erfahrungen dieser Niederlagen und Verluste, sondern über die Lehren, die sie daraus gezogen haben. Die wichtigste davon heißt, dass man sich Möglichkeiten offen halten muss – auch das kann erwachsen sein.

Juli plaudern über die Entstehung von Insel.

Homepage von Juli.

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