Hingehört: Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi – „Das Nullte Kapitel“


Künstler Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi

Käptn Peng Das nullte Kapitel Kritik Rezension

Vier Jahre nach dem Debüt legt Käptn Peng „Das nullte Kapitel“ nach.

Album Das Nullte Kapitel
Label Kreismusik
Erscheinungsjahr 2017
Bewertung

„Der neugierigste Affe aller Zeiten / ist die bescheidenste Art, mein Genie zu beschreiben“, stellt Käptn Peng in MC HomoSapiensSapiens fest. Er zählt in diesem Song vom heute erscheinenden Album Das Nullte Kapitel etliche fragwürdige Errungenschaften der Zivilisation auf, trotzdem sieht er erkennbar eher die Chancen als die Risiken in den Dingen, die wir und unsere Artgenossen auf diesem Planeten so treiben. „Entdecke die Möglichkeiten“ passt hier als Motto viel besser als Hurra, die Welt geht unter.

Das verweist auf nur eine von vielen Stärken, die Robert Gwisdek alias Käptn Peng mit seinen Mitstreitern auch hier beweist: Seine Variante von Rap ist nicht nur hoch originell (Beats und Melodien werden von der Tentakel von Delphi etwa mit Bürsten, Töpfen und Fahradklingeln erzeugt, diesmal sind auch ein paar konventionellere Instrumente wie Gitarre und Synthesizer deutlicher zu erkennen), sondern auch hochgradig konstruktiv.

Die wichtigste Maxime scheint auch auf Das Nullte Kapitel zu sein, die eigenen Möglichkeiten wenn schon nicht auszuschöpfen, dann wenigstens auszuloten. Angeblich geht es auf dem zweiten Album der Band nach der 2013er Expedition ins O zwar „wieder um bestimmte Dinge (und auch Gefühle)“, wie Käptn Peng lapidar anmerkt. Doch die Themenbreite ist natürlich, wie schon auf dem Vorgänger, nichts weniger als spektakulär: Im Kern dieser Texte steht fast immer die Suche nach Sinn und Wahrheit, nach dem Ewigen und Universellen, die sowohl in der Kunst als auch in der Wissenschaft die treibenden Kräfte sind.

„Das Peng gebar sich selbst im Dichterdarm des Wörterwals“, heißen die ersten Verse der Platte im Titelsong. Wenn die folgenden 14 Tracks nicht so viel Spaß machten, wäre diese Spoken-Word-Einführung ziemlich blasiert. Doch es geht danach nicht nur funky (Spiegelkabinett) oder mit Latin-Ausflügen (Todesbossa) weiter, sondern vor allem mit enorm viel Horizont und Fantasie.

Meister und Idiot behandelt den Widerstreit zwischen Potenzial und Wirklichkeit, Idee und Empirie. Neue Freunde zeigt vor allem, was dieser Band zuwider ist: Engstirnigkeit, Kaltherzigkeit, Ignoranz, Bequemlichkeit. In ABCDEFGHIJKLMNOPQRSTUVWXYZ spricht aus der Musik genauso viel Einfallsreichtum wie aus dem Text. Backpfeifenernte auf dem Alphabeet beweist, dass es beim Käptn auch mal dada sein darf, WobWobWob zeigt, dass er auch den richtig fetten Sound beherrscht, der große Lust auf die anstehenden Konzerte macht.

Wie schon auf Expedition ins O gibt es auch auf diesem Album so viel Text, dass die These, die jungen Leute heutzutage hätten nur noch eine Aufmerksamkeitsspanne von der Länge einer WhatsApp-Nachricht, gleich mehrfach ad absurdum geführt wird. Die Reime profitieren dabei von einem humoresken, fast kindlichen Umgang mit der Sprache. Besonders gerne wird diese Poesie paradox, surreal oder absurd, nicht selten geht es auch philosophisch oder psychedelisch zu.

Das Streben des Menschen nach Autonomie und die Tatsache, dass unser Wesen als soziale Geschöpfe diese Autonomie doch einschränkt, spielt eine wichtige Rolle, ebenso wie die Grenzen der Ratio und unserer Erkenntnis. „Ich kann alles begreifen, doch mein Ich nicht verstehen“, rappt Käptn Peng beispielsweise in Im Labyrinth, das Elemente aus Asien und Dancehall integriert und im letzten Drittel zeigt, wie viel Leidenschaft bei aller Tüftelei auch in dieser Musik (und dieser Stimme) liegen kann.

Das letzte Drittel von Pi könnte aus einem Karton mit alten Nu-Metal-Platten gefallen sein. Gelernt richtet sich gegen den Figurterror, dem Frauen ausgesetzt sind. In diesem Lied zeigt sich ein Engagement, das voll und ganz ernst gemeint ist, ausnahmsweise ohne eine Spur von Ironie oder Augenzwinkern. Auch da wird der eingangs erwähnte Wille zu Aufklärung und Weltverbesserung deutlich: Käptn Peng ist ein Fan des Konzepts „Mensch“, aber er sieht offensichtlich erheblichen Verbesserungsbedarf bei der Umsetzung dieses Konzepts.

Ein Höhepunkt von Das Nullte Kapitel wird Tango im Treibsand. „Herzzerreißend“ ist eigentlich kein erwünschtes Attribut für einen Rap-Song, aber hierin steckt so viel emotionale Kraft, dass es auch ein Lied von Rio Reiser sein könnte. „Wir zwei sind der allerschönste Unfall der Welt“, stellt Käptn Peng fest und bemerkt zugleich, dass zum Durchhalten in einer Beziehung nicht nur der selige Taumel der Anfangszeit gehört, sondern auch Streit, Ernüchterung und Momente der Abneigung. Am Ende steht die Erkenntnis, an etwas Einzigartigem teilhaben zu dürfen, und dass man eben auch in der Liebe fehlbar sein darf.

Auch dieses Eingeständnis eigener Unvollkommenheit ist höchst ungewöhnlich (und höchst willkommen) im HipHop. Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi zeigen sich kritisch und reflektiert, sind aber kein Miesepeter und Besserwisser. Nirgends ist der Käptn der Macker oder das Großmaul. Die Bewunderung, die man ihm auch nach diesem grandiosen Album entgegen bringen wird, entsteht nicht durch Pose und Attitüde, sondern durch sein Können und seine Intelligenz.

Im Spiegelkabinett findet Käptn Peng unter anderem lustige Kostüme.

Bis Ende des Monats gibt es tentakeligen Konzertspaß.

19.05. Hamburg – Mehr! Theater

20.05. Leipzig – Haus Auensee

21.05. Berlin – Columbiahalle

23.05. Köln – Palladium

24.05. Wiesbaden – Schlachthof

25.05. München – Muffathalle (ausverkauft)

26.05. Zürich (CH) – Dynamo

27.05. Wien (AT) – WUK (ausverkauft)

Käptn Peng bei Facebook.

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