Hingehört: Lana Del Rey – „Ultraviolence“


Künstler Lana Del Rey

Amerika ist auch auf "Ultraviolence" das Lieblingsthema von Lana Del Rey.

Amerika ist auch auf „Ultraviolence“ das Lieblingsthema von Lana Del Rey.

Album Ultraviolence
Label Universal
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

„Akteure der Pop-Musik sind weder reine Darsteller noch reine Sprech-Akteure, die in eigener Sache als reale Personen sprechen“, hat Diedrich Diederichsen in Über Pop-Musik geschrieben. „Es ist konstitutiv für alle Pop-Musik, dass in keinem performativen Moment klar sein darf, ob eine Rolle oder eine reale Person spricht. Dies ist eine entscheidende Spielregel.“

Es gibt derzeit wohl keinen anderen Künstler, der mit diesem Zwiespalt zwischen Authentizität und Inszenierung so meisterhaft spielt wie Lana Del Rey. Genau deshalb ist sie ein so faszinierender Popstar.

Dazu gehört das Spiel mit der Figur der gefallenen Schönheit, die gerettet werden will, das ebenso wenig in unsere Zeit passt wie ihr mondäner Sound. Dazu gehört auch das Kokettieren mit dem Leiden am Erfolg: Ihr Anfang 2012 veröffentlichtes Debüt hat sich mittlerweile 6,5 Millionen Mal verkauft. Auch der Nachfolger Ultraviolence ist schon ein Millionenseller und erreichte in den USA die Spitze der Charts. Dabei wollte Lana Del Rey eigentlich gar kein weiteres Album machen, weil sie das Gefühl hatte, mit Born To Die (nomen est omen) schon alles gesagt zu haben.

Ob man das glauben soll/darf/muss? Es ist, folgt man der Pop-Theorie von Diederichsen, vollkommen egal. In jedem Fall zeigt auch Ultraviolence: Das Leiden ist echt, falls das wichtig sein sollte, und es ist auf jeden Fall schön, tröstlich.

Der Titelsong fährt reichlich Streicher auf, eine schüchterne Wah-Wah-Gitarre und im Refrain ein Zitat von He Hit Me (And It Felt Like A Kiss) von den Crystals. Das Lied ist – wie fast alle Songs von Lana Del Rey – ein Disneyland der großen Gefühle, es erzählt vom Erwachsenwerden unter Las-Vegas-Bedingungen und behandelt den Tod wie etwas, mit dem man kokettieren kann. Pretty When You Cry ist später erstaunlich reduziert, wird getragen von dieser unnachahmlichen Atmosphäre und Aura und Stimme: Die 29-Jährige singt, als sei sie am absoluten Ende ihrer Kräfte angekommen. Auch in Shades Of Cool zeigt ihre Stimme, was sie kann, und doch hat man das Gefühl, sie halte etwas zurück.

Auch Ultraviolence zieht fast schamlos offensichtlich mit den zwei wichtigsten Waffen von Lana Del Rey ins Gefecht. Waffe 1: das Geheimnisvolle, das sie nicht nur durch ihre Rolle als aus der Zeit Gefallene rüberbringt (Old Money, mit viel Klavier und Streichern, klingt vom ersten Ton an wie ein jahrzehntealter Klassiker), sondern auch durch einen cleveren Umgang mit ihrem Ruhm und ihrer Rolle als einer der größten lebenden Popstars. Fucked My Way Up To The Top ist nur das offensichtlichste Beispiel dafür. Der Song ist unsagbar frech in der Botschaft und im Ansatz, wenn auch eher konventionell in der Musik. „You know, I have slept with a lot of guys in the industry, but none of them helped me get my record deals. Which is annoying“, hat sie in einem Interview erklärt, warum sie diesen Song geschrieben hat.

Auch das von Greg Kurstin produzierte Money Power Glory ist eine veritable Provokation. Nicht so sehr, weil sie so offen sagt, dass die drei Begriffe für sie erstrebenswerte Ziele sind, sondern eher, weil sie damit vor Augen führt, dass wir alle ebenfalls damit einverstanden sind, sie für erstrebenswerte Ziele in unserem Leben zu halten. Sie singt über Gier und Ehrgeiz genauso aufrichtig oder unaufrichtig wie über die existenzielle Bedrücktheit zuvor, wahrscheinlich schlicht, weil bei ihr beides zusammen gehört. “I was in more of a sardonic mood. Like, if all that I was actually going to be allowed to have by the media was money, loads of money, then fuck it… What I actually wanted was something quiet and simple: a writer’s community and respect”, sagt Lana Del Rey dazu.

Waffe 2: Die (wie schon auf Born To Die) grandiose Reflexion über Amerika, seine Verheißung und seine Gnadenlosigkeit. Wenn man dieses Land wirklich als eines der unbegrenzten Möglichkeiten versteht, dann fällt es natürlich auch viel schwerer, in diesem Land seinen Platz und sein Glück zu finden – das ist der rote Faden in den Liedern von Lana Del Rey. Denn unbegrenzt sind auch die Möglichkeiten, zu verzweifeln.

Cruel World heißt bezeichnenderweise der erste Song auf Ultraviolence, die Stimme dominiert sofort, auch weil der Sound für einen Opener erstaunlich bruchstückhaft ist. Dafür (oder passend dazu?) zerhackt der Text ungefähr vier Mythen des American Dream, und zwar pro Strophe. Es ist eine dieser alten Geschichten vom Mädchen und dem Jungen und dem Weltschmerz, der die Stelle erobert hat, an der früher das Glück stand. Sad Girl heißt ein weiterer programmatischer Track, und man fragt sich: Wann macht endlich jemand den Bond-Film, für den Lana Del Rey so bereitwillig solche Lieder als Titelmelodie anbietet? Und zwar mit einem ganz schwermütigen Bond im Stile von Bill Murray?

Die Single West Coast, produziert von Dan Auerbach (Black Keys) seziert den kalifornischen Lifestyle, Brooklyn Baby findet sich am anderen Ende der Staaten wieder und zeigt: Sie kann nicht nur Femme Fatale, sondern auch mädchenhaft. Selten hat ein Lied so deutlich gezeigt: Lana Del Rey singt eigentlich die ganze Zeit aus der Perspektive einer 17-Jährigen (oder einer alten Witwe, die sich an ihre Zeit als 17-Jährige erinnert). Eine Extra-Dosis Tragik bekommt das Lied durch die Tatsache, dass Lana Del Rey eigentlich Lou Reed als Gast darauf begrüßen wollte, aber er starb genau an dem Tag, als die gemeinsame Session angesetzt war.

The Other Woman, als Coverversion von Jessie Mae Robinson ganz am Ende des Albums platziert, passt ebenfalls zu diesem Thema: Der Song ist im Prinzip Jazz, mit einschläferndem Saxofon und exaltierter Stimmakrobatik – und all das drückt aus, wie fremd sie sich in ihrem eigenen Lied (und in ihrem eigenen Land) fühlt, wie wenig sie daran glaubt, dass all diese Dekadenz glücklich machen kann

Auch das trägt dazu bei, Lana Del Rey als Popstar so sehr strahlen zu lassen: Die Musik rückt auf Ultraviolence in den Hintergrund, ihre Stimme und ihre Person stehen im Zentrum. Oder es wirkt mittlerweile so, weil sie diesen Sound, der beim Debüt noch besonders, sogar exotisch war, zum Mainstream gemacht hat.

Altertümlich, zerbrechlich, amerikanisch: So ist auch das Video zu West Coast.

Homepage von Lana Del Rey.

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