Larry Gus – „I Need New Eyes“


Künstler Larry Gus

Cover des Albums I Need New Eyes von Larry Gus bei DFA

Ein Zitat von Proust hat „I Need New Eyes“ den Titel verliehen.

Album I Need New Eyes
Label DFA
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

Nichts bereitet einen auf diesen Moment vor. Larry Gus, der eigentlich Panagiotis Melidis heißt, aus Griechenland kommt und lange in Barcelona und Mailand gelebt hat, klingt zu Beginn seines Albums – und zwar genau 44 Sekunden lang – wie ein weiterer verklemmter Kinderzimmer-Laptop-Frickler mit den typischen Indie-Electro-Scheuklappen. In der Tat hat Larry Gus auf seinen bisherigen Werken exzessiv mit Samples herumgespielt und sein neues Album im Haus seiner Eltern im Norden Griechenlands aufgenommen. Die brüchige Falsett-Stimme im Opener Black Veil Or Fail passt ebenso zum Nerd-Klischee wie das Cover und die Tatsache, dass der Albumtitel auf ein Zitat von Marcel Proust anspielt: “Die besten Entdeckungsreisen macht man nicht in fremden Ländern, sondern indem man die Welt mit neuen Augen betrachtet.”

Später offenbart I Need New Eyes noch ein paar weitere Elemente, die dieses Image zu bestätigen scheinen: Larry Gus hat sich 2006 nach einer gescheiterten Band-Karriere darauf beschränkt, alleine zu musizieren. Er hat Remixes für angesagte Acts wie Cut Copy, Yacht oder Little Boots gemacht. Seine Texte durchzieht das Gefühl, minderwertig zu sein und nicht zurechtzukommen in der Welt. Und er macht keinen Hehl daraus, dass er sich wundert, warum andere Leute mit deutlich weniger Talent viel mehr Erfolg haben können. “I need new, less jealous eyes because envy and jealousy and bitterness are also things that recur a lot in my lyrics, always related to other musicians and things that they achieve”, erklärt er eine weitere Bedeutung des Albumtitels.

Doch dann, nach den erwähnten 44 Sekunden, passiert etwas Spektakuläres – zumindest für alle, die keines der fünf vorangegangenen Alben von Larry Gus kennen. Es gibt plötzlich indische Percussions, einen Reggae-Bass und Gesang in irgendeiner seltsamen Sprache, womöglich Rückwärts-Griechisch. So bleibt I Need New Eyes dann auch: ein abenteuerliches Puzzle aus Sounds und Kulturen, bei dem Percussions und Bass für die nötige Erdung sorgen.

NP-Complete ist ein typisches Beispiel: Ein ungewöhnlicher Bass amüsiert sich in einer Multikulti-Klangwelt, während sich die Orgel noch nicht so richtig heranwagt. Talking The Personal Away bekommt fast Hörspielcharakter, so spannend ist die Atmosphäre mit wilden Bongos, entschlossenem Bass und einem Nebel aus Blechblas-Irgendwas. All Graphs Explored hat ausnahmsweise einen vergleichsweise robusten Beat, aber der Gesang bleibt auch hier nervenschwach. Der energische Schlusspunkt Nazgonya (Paper Spike) macht deutlich, dass “Pop” das Label ist, das man einigen dieser Lieder aus Mangel an treffenderen Genre-Bezeichnung verleihen könnte. Bei diesem Stück erscheint es allerdings passend, bis der Song völlig durchgeknallt wird.

Die Texte sind, neben dem Lamento über die Unzulänglichkeit der Welt und der eigenen Person, auf I Need New Eyes unter anderem von der Neuigkeit geprägt, dass Larry Gus Vater geworden ist. “When you have kids, you realise that all of the infinite branches that you were wishing to explore are starting to being cut violently with a axe (held by the baby), and all infinite choices in your life (and lifestyle) start to shrink and diminish slowly”, hat er erkannt.

Allerdings hat das keineswegs Pessimismus zur Folge. A Set Of Replies klingt wie Hot Chip im Sommerfrische-Modus (und hat mit “No more polite comments / at least not from my friends” die vielleicht schönste Selbstkasteiungs-Zeile des Albums). Belong To Love, das an The Notwist erinnert, wird vom Background-Gesang von NV verdelt, mit der Larry Gus zuletzt die Red Bull Music Academy in Tokio besucht hat. The Sun Describes nistet sich sehr schön, zwischen der Beta Band und Ethno-Electro à la Deep Forest ein.

Auch wenn Larry Gus noch so oft betont, wie schmerzhaft für ihn der Vergleich mit anderen Künstlern ist, lautet die beste Zusammenfassung von I Need New Eyes wahrscheinlich: Wenn Beck mehr von dem im Plattenschrank gehabt hätte, was man „Weltmusik“ nennt, wäre vielleicht so eine Platte dabei herausgekommen.

Larry Gus im Interview und live in Aktion.

Larry Gus bei Facebook.

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