Hingehört: Lee Bains III & The Glory Fires – „Dereconstructed“


Kernig und unmittelbar klingt das zweite Album von Lee Bains III & The Glory Fires.

Kernig und unmittelbar klingt das zweite Album von Lee Bains III & The Glory Fires.

Künstler Lee Bains III & The Glory Fires
Album Dereconstructed
Label Sub Pop
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Jonathan Poneman ist ziemlich stolz. Das zweite Album von Lee Bains III & The Glory Fires erscheint auf seinem Label, und es bietet, wie schon das Debüt There Is A Bomb In Gilead vor zwei Jahren, „authentischem Boogie von der Golfküste”, verspricht der Boss von Sub Pop Records. Er hat recht, aber das klingt viel zu unspektakulär. Was die Band aus Alabama mit Dereconstructed in Wirklichkeit abliefert, ist ein mächtiger Tritt in den Arsch für den Südstaatenrock. Das Album ist so mächtig, dass man eigentlich die gesamte Rezension darüber IN GROSSBUCHSTABEN SCHREIBEN MÜSSTE.

Es beginnt mit einem gewaltigen Riff und einem knochentrockenen Schlagzeug in The Company Man. Die Gitarre ist so verzerrt, dass man einen kaputten Verstärker vermuten muss und Frontmann Lee Bains III singt derart selbstsicher, als wende er sich nur an seine Bandkollegen (Eric Wallace an der Gitarre, Adam Williamson am Bass und Blake Williamson am Schlagzeug), nicht an ein Publikum.

Es folgt Dereconstructed, das den Spaß am Krawall auf plakative Weise auslebt wie einst The Who. Burnpiles, Swimming Holes hat jede Menge Schlagzeugwirbel, ein Riff, für das Lenny Kravitz töten würde und (wie die meisten Lieder auf dieser Platte) einen Text, in dem Unabhängigkeit und Selbstbestimmung eingefordert werden, so schwer das in Zeiten voller Bullshit auch sein mag. In What’s Good And Gone scheint sich die Gitarre selbst in Brand stecken zu wollen, in Flags trifft knüppelharter Punkrock auf die Weite-Landschaft-Sehnsucht der Drive-By Truckers.

Wenn Lee Bains III & The Glory Fires in Mississippi Bottomland, dem vorletzten Song auf Dereconstructed, tatsächlich das Tempo etwas drosseln und eine Art Swamp Rock mit Mundharmonika entwickeln, ist man beinahe geschockt ob dieser Verschnaufpause. Freilich hat das von Tim Kerr (Big Boys, Poison 13, The Monkeywrench) produzierte und in Nashville aufgenommene Album auch vorher schon gut getarnte Variationen inmitten seines Vollgas-Modus zu bieten. The Kudzu And The Concrete hat eine reife Coolness wie beispielsweise John Mellencamp, endet aber in der Ekstase. Der Rausschmeißer Dirt Track klingt wie Bruce Springsteen nach einem ausgiebigen Bad im Jungbrunnen. Und We Dare Defend Our Rights! wird sogar ein wenig funky. Es ist wieder eines dieser Lieder, bei denen man meint, alle Beteiligten (man selbst eingeschlossen) müssten danach erst einmal drei Wochen in Kur.

Das ist manchmal ein bisschen arg anti-modern, vor allem in den Texten, aber enorm kernig und nach nicht einmal 36 Minuten (für zehn Lieder) schon vorbei. So eine Unmittelbarkeit und Unbedingtheit hat man zuletzt auf Frank Black & The Catholics gehört. Der vielleicht beste Beweis dafür ist The Weeds Downtown, das wie ein Prototyp der Musik von Lee Bains III & The Glory Fires klingt: Als hätte jemand eine riesige Ladung Dopamin über den Südstaaten ausgeschüttet.

Lee Bains III & The Glory Fires spielen The Company Man live:

Homepage von Lee Bains III & The Glory Fires.

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