Hingehört: Library Voices – „Lovish“


Künstler Library Voices

Library Voices Lovish Albumcover Rezension Kritik

Unter einem schlechten Stern stand das dritte Album der Library Voices.

Album Lovish
Label Nevado Records
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

Hört man (so wie ich) diese Platte, ohne irgend etwas über Library Voices zu wissen, stellt sich schnell der Verdacht ein, die Band käme aus einer Gegend, die ganz weit weg ist von den Epizentren der Popkultur. Aus einer Stadt, in der man (so wie ich) eine Band gründen und gewiss sein kann, dass sie niemals global durchstarten wird, so gerne man das auch möchte. Meinetwegen Bordeaux oder Asuncíon oder Fulda.

Das liegt keineswegs daran, dass Lovish provinziell klänge oder hier ein Sänger mit seltsamem Akzent am Werk wäre. Auch nicht an Zeilen wie „Lost in London / Bored In Berlin / New York City never felt like home“, in denen die Band im vorletzten Song der Platte erst recht ihre Herkunft verschleiert.

Vielmehr wirkt Lovish wie das Werk von jemandem, für den Rock’N’Roll in erster Linie eine Traumwelt ist, ein Utopia, von dem er gerade deshalb so viel wissen möchte, weil es so weit weg erscheint und weil klar ist, dass man selbst in dieses Reich nicht mal als Tourist Einlass finden, sondern immer bloß ein Fremder bleiben wird. Lovish ist das Werk von Pop-Enthusiasten, von Connaisseuren – und von Außenseitern.

Ganz falsch ist es nicht, aus dieser Wahrnehmung auf die geografische Herkunft zu schließen. Library Voices (auf den aktuellen Fotos sind fünf Leute zu sehen, manchmal wächst die 2008 gegründete Band auf bis zu zehn Mitglieder an) kommen aus Regina, Saskatchewan in Kanada. Kein Pop-Metropolis, aber auch nicht der Arsch der Musikwelt. Und immerhin urban genug, um mächtig gefährlich zu sein: Sänger und Gitarrist Carl Johnson wurde kurz nach Beginn der Aufnahmen für diese Platte auf der Straße bewusstlos geschlagen und -getreten. Zu den Folgen gehörten Hirnblutungen, ein Schädel-Hirn-Trauma, ein teilweiser Verlust des Geruchssinns und die Frage, ob er jemals überhaupt wieder würde Musik machen können.

Glücklicherweise hat er sich wieder berappelt und leiht sieben der elf Tracks seine Stimme, die anderen singt Bandkollege Brennan Ross. Dazu gehören die famosen beiden ersten Tracks. Die Single Oh Donna (The Funeral Of Youth) verbreitet reichlich Sixties-Feeling, inklusive des Gitarrenriffs von Crimson And Clover am Beginn und des Schlagzeug-Fill-Ins von D’yer maker am Ende des Refrains. Auch Sunburnt In L.A. spielt mit Referenzen, die keine Angst vor dem Attribut „cheesy“ haben: Am Anfang steht der Computerbeat von Terence Trent D’Arbys Sign Your Name, und Brennan Ross singt danach wie ein von der Liebe Bekehrter. Er feiert diesen Sinneswandel allerdings nicht mit purer Euphorie, sondern mit einem Rest von Reue und Demut.

Die Songs der Library Voices und die Texte von Michael Dawson sind stark genug, um nicht auf solche Gimmicks angewiesen zu sein, und doch sind es solche Zitate und Spielchen, die ihr drittes Album besonders machen. ZZYZX macht es sich irgendwo zwischen Tom Petty und Elvis Costello gemütlich – zwei geschichtsbewussten Pop-Fanatikern, die ja ihrerseits schon vor 40 Jahren angefangen haben, einem längst vergangenen Rock’N’Roll-Paradies nachzujagen.

Death By Small Talk lässt eine dezente Düsternis à la Charlatans oder Black Rebel Motorcycle Club aufziehen, was nicht allzu sehr verwundert bei einem Album, das in einem ehemaligen Bestattungsunternehmen aufgenommen wurde. Dazu passt auch, dass ein Song namens The Wild Roar Of Love keineswegs ein Endorphin-Aufschrei wird, sondern mit inniger John-Lennon-Schläfrigkeit glänzt.

Dass Library Voices aber auch in einem solchen Umfeld zu Lebensfreude in der Lage sind, zeigt das sehr beschwingte Fangs Of Love, auch wenn man dem Song (ebenso wie dem ebenfalls irreführend benannten, weil erfreulich feurigen Slacker) ein besseres Mastering gewünscht hätte, um seine Kraft ganz entfalten zu können. Trotzdem ist das wunderbar optimistisch – erst recht für eine Band, über die Noisey gerade angemerkt hat: „Library Voices may be the unluckiest band in the world.“

Das Video zu Escape Artist gewährt Einblicke in die Mädchenumkleide.

Library Voices bei Facebook.

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