Hingehört: Muse – „Live At Rome Olympic Stadium“


Ein Spektakel, aus dem Leid geboren - dieses Prinzip macht Muse-Konzerte so einmalig.

Ein Spektakel, aus dem Leid geboren – dieses Prinzip macht Muse-Konzerte so einmalig.

Künstler Muse
DVD Live At Rome Olympic Stadium
Label Warner
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Bevor überhaupt eine einzige Note erklungen ist, gibt es die erste Explosion. Die Effektbatterie für die Gitarre von Matt Bellamy ist so groß wie in manchen Clubs die gesamte Bühne. Später kommen ein Megafon, ein verspiegeltes Klavier, ein Opernchor aus der Konserve (bei Survival), ein Bass mit beleuchtetem Griffbrett (bei Unsustainable, einem von drei Bonus-Aufnahmen aus US-Arenen) und am Beginn von Madness eine Brille zum Einsatz, auf deren Gläsern der Liedtext erscheint.

Man könnte all das für Blendwerk halten und unterstellen: Muse brauchen diese Gimmicks, um ein Stadion voller Menschen zu unterhalten, um 93 Minuten lang interessant zu sein, um letztlich von der Musik abzulenken. Natürlich könnte nichts falscher sein. Dies ist schließlich eine Band, die mit Live At Rome Olympic Stadium schon ihre vierte Live-DVD vorlegt. Muse haben zweimal den Brit Award als „Best Live Act“ gewonnen und waren zwei weitere Male nominiert, unzählige weitere Preise für ihre Konzertdarbietungen kommen hinzu. Sie sind nach Meinung einer nicht ganz unerheblichen Anzahl von Leuten annähernd das Beste, was man in diesen Tagen auf einer Rockbühne zu sehen bekommen kann. Und sie beweisen das auch hier.

Showmanship (Muse sehen hier aus wie die vielleicht am schlechtesten angezogene Band der Welt: Frontmann Matt Bellamy trägt eine rote Hose und ein Hemd, das offensichtlich aus den Restbeständen von Brian May stammt; Bassist Chris Wolstenholme sieht in einem Stretch-Tribal-Shirt so aus wie sein eigener Roadie; das Muskelshirt von Schlagzeuger Dominic Howard hat sicherlich ein früheres Leben als Tischdecke hinter sich), Videoleinwände und Feuerwerk haben damit nur am Rande zu tun. Das beweist am besten Guiding Light nach etwa einer Stunde dieses am 6. Juli 2013 aufgezeichneten Konzerts. Während des Lieds schwebt ein Ballon in Form einer Glühbirne durchs Stadion, aus dem sich dann auch noch eine Artistin abseilt. Das ist natürlich ein Augenschmaus und beweist ein Ausmaß an visueller Kreativität, die für ein Rockkonzert längst nicht selbstverständlich ist. Die Band steht währenddessen auf der kleineren Bühne am Ende des Laufstegs, alle drei Mitglieder ganz eng beieinander, und sie entwickeln auf diesem engen Raum eine Kraft, die sagenhaft ist – nur aus der Musik heraus, als finde das ganze Spektakel um sie herum gar nicht statt.

Muse demonstrieren auf dieser DVD (der auch eine CD mit 13 Liedern beiliegt) das in der Rockmusik ungewöhnlich gewordene Credo, dass Aufwand sich lohnt. Der Aufwand steckt natürlich in der Bühnenshow, aber er steckt auch schon in den Kompositionen, in den Effekten, im technischen Können an den Instrumenten, in der Performance. Pyrotechnik, ein Bühnenhintergrund, der wie die Bedienoberfläche eines Computerspiels aussieht, und anderes Arena-Rock-Brimborium passt dazu, aber Muse brauchen es nicht. Ihre Songs sind auch ohne all das stark genug.

Die Show in Rom zeigt wunderbar die Vielseitigkeit des Trios aus Teignmouth. Die Musik ist heavy und funky, tanzbar und theatralisch. Plug In Baby strahlt eine irre Kraft aus. Resistance beginnt schon in Dimensionen, die man für die maximal denkbare Größe halten könnte, wird dann aber doch immer noch größer. Hysteria macht seinem Namen alle Ehre, das gilt für die vier Musiker auf der Bühne (Muse werden hier Morgan Nicholis unterstützt) und für die 60.963 Menschen im Publikum. Bei Follow Me und Time Is Running Out droht das Stadion zu explodieren vor lauter Identifikation mit dieser Musik.

Die Fans haben natürlich einen großen Anteil am Gelingen dieses Abends. Sie sind schon bei den hohen Schreien von Supremacy, dem ersten Lied, dem Wahnsinn nahe. Beim großartigen Knights Of Cydonia (das mit einer Spiel mir das Lied vom Tod-Einlage beginnt) singen die Fans die Gitarrenmelodie mit, und in diesem Moment wird deutlich: Sie sind diese Ritter, die hier besungen werden. Sie sind eine Armee – und sie sind offensichtlich bereit, für diesen Feldherren mit der Gitarre in den Tod zu gehen.

Es ist dieses Miteinander, das den Reiz von Muse ausmacht. Das gilt schon auf den Platten, aber noch vielmehr im Konzert. Der Pomp ihrer Shows ist kein Selbstzweck, sondern eine Geste des Widerstands. Muse (und ihre Fans) sind im Herzen Außenseiter, die in diesem Konzert ihre Waffen, ihre Trutzburg und ihre Mitstreiter gefunden haben. Natürlich ist das ein Spektakel, aber es ist aus dem Leid geboren. Songzeilen wie „You and I must fight to survive”, “Can you free me from this world?” oder „They will not control us / we will be victorious” belegen das.

Dass diese Musik einen Ausweg, eine Utopie, eine Erlösung sein soll, wird auch dadurch deutlich, dass Muse in diesem Konzert gerne die Grenze zwischen Bühne und Publikum, zwischen Fiktion und Realität vermischen. Aus Projektionen auf der Leinwand werden echte Menschen, die über die Bühne laufen. Während Undisclosed Desires geht Bellamy auf Tuchfühlung mit den Zuschauern und hat am Ende eine italienische Flagge um die Schultern. Eine Kamera begleitet die Bandmitglieder hinter die Bühne und überträgt das auf die Leinwände, was für die Zuschauer eigentlich nicht zu sehen ist. Live At Rome Olympic Stadium bringt damit die Idee vom Rockkonzert als einer anderen Welt auf den Punkt. Diese Show ist ein Planet mit eigenen Gesetzen – und ohne die Defizite unseres irdischen Daseins.

Die Klamotten kann man sich ja wegdenken: Muse spielen Knights Of Cydonia live in Rom:

Homepage von Muse.

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