Hingehört: No Jaws – „Young Blood“ 1


Künstler No Jaws

Post-Grunge funktioniert auch in Zwickau, beweisen No Jaws.

Post-Grunge funktioniert auch in Zwickau, beweisen No Jaws.

Album Young Blood
Label Modern Guilt Records
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Es gibt etliche Dinge, die man schnell mit No Jaws assoziieren kann. Zum Beispiel Vorbilder wie Sonic Youth, Pavement und die Yeah Yeah Yeahs, die im Presse-Info zu Young Blood genannt werden. Zum Beispiel Nirvana, von denen sie gerne mal Video-Fundstücke in ihrem YouTube-Kanal liken. Zum Beispiel ein durchtriebener Humor, der sich unter anderem darin äußert, dass sie ihre Musik bei iTunes als „Pop“ kategorisieren lassen, in den Texten von Beschaulichkeit und Idylle singen und für ihren aktuellen Videoclip sogar einen Strandurlaub als Setting auswählen, obwohl sie in Wirklichkeit nichts anderes abliefern als krachigen Rock, der Attribute wie „Lo-Fi“, „Noise“ oder „Dissonanz“ nicht abschreckend findet.

Was man keineswegs sofort mit No Jaws assoziiert, ist Zwickau. Es ist die Heimatstadt der 2006 gegründeten Band, die aus den Brüdern Marcus und Martin Wellnhofer und ihrem Schulfreund Sami Chahrour besteht und ihr Debütalbum noch unter dem schönen Namen The Buyable Sluts Wanted For Stealing Virginity veröffentlicht hatte. Dass feinster Post-Grunge-Rock auch aus der sächsischen Provinz kommen und in Österreich (von Produzent Wolfgang Möstl) auf Platte gebracht werden kann, ist allerdings bei genauerer Betrachtung wenig spektakulär, also Haken dran.

Viel spannender als geografische Analysen ist ohnehin die Musik auf Young Blood. Gleich der Auftakt Aftermath macht deutlich, dass Musik bei No Jaws nicht nur laut und intelligent und schräg und rasant sein darf, sondern auch unvollkommen, sogar primitiv. Am Ende singen sie „Wayne’s World / party time / excellent“, und schon will man wieder seine Karohemden rauskramen. Real Oh One zeigt, dass die alten Gitarreneffekte von Built To Spill immer noch eine Menge hermachen. Die Single Honey Kid hat so viel Energie und im zweiten Teil so viel ambitionierte Komplexität, als hätte es ein Konzept wie „Slacker“ nie gegeben.

Mit Ra beweisen No Jaws, dass sie auch wissen, was Melancholie bedeutet, Out Of The Wild profitiert vom sehr coolen Effekt der zweiten Stimme, So It Begins lässt beinahe ein wenig gebrochene Heiterkeit im Sinne von Dinosaur Jr erkennen. Im Rausschmeißer Phalanx kann noch so viel Verzerrung nicht darüber hinwegtäuschen, dass dies eine leidenschaftliche, sogar gefühlvolle Ballade ist.

Durchaus hübsche Melodien kämpfen auf Young Blood immer wieder mit Lärmwänden, flirten mit ihnen und setzen sie in Flammen. In der Single Cabin Fever veranstaltet zwischenzeitlich jedes Instrument sein eigenes Inferno. Das Tempo in Loyal To Disillusion ist nicht allzu hoch, auch der Sound ist verwaschen, trotzdem ist hier unverkennbar alles in Ekstase. Auch Fanal ist gespeist von einer beachtlichen Wucht, einem Feuer, das direkt aus der Hölle zu kommen scheint.

Immer wieder lässt Young Blood den Alternative-Sound der Jahre circa 1988-1994 so stilecht und leidenschaftlich auferstehen, dass sich ein zwiespältiger Effekt einstellen kann bei allen, die bereits bewusste Erinnerungen an diese Ära haben: Zum einen freut man sich, dass die (damals oft unbeachteten) Helden von einst mittlerweile wieder (oder endlich) en vogue sind und offensichtlich einen sehr nachhaltigen Appeal haben. Zum anderen muss man sich eingestehen, dass man alt wird, wenn die Rebellion von einst nun schon ihr Revival erlebt. Vor allem aber geht einem das Herz auf, wenn man erkennt (vor allem angesichts der Musik, die Dave Grohl heutzutage macht), wie gut dieser Sound noch funktioniert, wie unmittelbar und subversiv er nach wie vor sein kann, wenn er so gut gespielt wird wie von No Jaws. Grasshopper ist der Song, der das vielleicht am besten auf den Punkt bringt – eine Wohltat für alle, die Rock mit Widerhaken und ohne Pose lieben.

Ein Skoda, ein Müllsack und wahrscheinlich ein Verbrechen: Das Video zu Cabin Fever.

Homepage von No Jaws.


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