Paul McCartney – „New“


Künstler Paul McCartney

"New" entstand in Sessions mit vier Produzenten - und viel Inspiration.

„New“ entstand in Sessions mit vier Produzenten – und viel Inspiration.

Album New
Label MPL
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Es gibt einen Moment auf New, dem neuen Album von Paul McCartney, da wirkt er wie ein 71-jähriger Multimillionär mit glorreicher, aber lang zurückliegender Vergangenheit, der einigermaßen verzweifelt versucht, noch einmal aktuell zu klingen. Dieser Moment heißt Appreciate, mit Computerbeat, vielen Gitarreneffekten und einem mega-tiefen Bass. Das Lied ist nicht schlecht. Aber – und das ist die gute Nachricht – es ist mit Abstand der schwächste Moment auf dieser Platte.

Denn erfreulicherweise schafft es Paul McCartney in den restlichen elf Titeln, zeitgemäß zu klingen, ohne die gängigen Soundzutaten des Jahres 2013 nutzen zu müssen. “More than a sentimental journey, it’s an album that wants to be part of the 21st-century pop dialogue”, hat der Rolling Stone über New geschrieben, und dem ist uneingeschränkt zuzustimmen. McCartney hat mit Paul Epworth und Mark Ronson zwei der angesagtesten britischen Produzenten angeheuert, aber New erreicht seine Frische nicht durch deren Studiotricks, sondern durch eine einzige Zutat: Qualität.

Schon der Auftakt Save Us, das erste Lied, das für diese Platte aufgenommen wurde und die erste von drei Kollaborationen mit Paul Epworth (der bei allen drei Stücken nicht nur produziert hat, sondern auch einen Songwriting-Credit bekommt), hat sagenhaft viel Schwung, einen tollen Refrain und eine noch tollere Bridge. Zeilen wie „Got a feeling there’s a jungle rhythm beating in me / when I’m close to you” zeigen wieder den ewig jungen, ewig verliebten Paule, und wie zu seinen besten Zeiten schafft es Macca, eine sehr kompakte Form für ein Übermaß an Ideen zu finden. Noch besser wird Queenie Eye, noch eine Epworth-Produktion und „based on the refrain from a traditional street game that I played as a kid in Liverpool”, wie McCartney sagt. Man hört dem Lied mit viel Schmackes, Drive und einem witzig assoziativen Text an, wie viel Spaß der Ex-Beatle beim Musizieren hat.

„Es ist lustig: Wenn ich Leuten das Album vorspiele, sind sie überrascht, dass ich es bin. Viele der Songs sind sehr verschieden und ähneln nicht unbedingt dem Stil, den man von mir gewohnt ist. Ich wollte nicht, dass alles gleich klingt. Und ich habe es sehr genossen, dieses Album aufzunehmen. Es ist immer toll, die Möglichkeit zu haben mit einer Hand voll neuen Songs ins Studio zu gehen“, sagt er passend dazu.

Giles Martin, der Sohn von George Martin, hat mit fünf Liedern (und ein bisschen Unterstützung bei einigen anderen Tracks) den Löwenanteil der Produktion bestritten. Mit ihm entstand unter anderem das sehr feine On My Way To Work. Das Lied hat einen erstaunlichen Effekt, denn es lässt zunächst an Noel Gallagher denken, kehrt also die Quellen der Inspiration um. Wie beim Ex-Oasis-Boss klingt auch dieses Lied zugleich bodenständig und nach ganz großer Geste, es erfasst das Ewige im Alltäglichen. McCartney gibt dabei, begleitet von Streichern und Akkordeon, den Schwärmer, Träumer und Romantiker: „How could I have so many dreams / and one of them not come true.“

Dass New insgesamt gleich vier Produzenten hat, war einfach der Produktivität der Sessions zu verdanken, erklärt Paul McCartney: „Die Grundidee war es, zu einigen meiner Lieblingsproduzenten zu gehen, um dann zu schauen, mit wem es am besten laufen würde. Aber wie sich herausstellte, lief es mit allen hervorragend! Mit jedem von ihnen machten wir etwas total Eigenständiges. Ich konnte mich nicht entscheiden und so arbeitete ich letztendlich mit allen vier zusammen. Mit allen hatte ich auf verschiedene Weise eine sehr gute Zeit.“ Wie er verrät, ist noch jede Menge Material übrig, das es nicht aufs Album geschafft hat, aber in anderer Weise das Licht der Welt erblicken soll.

Mark Ronson, der übrigens auch auf der Hochzeit von Paul und Nancy Shevell im Jahr 2011 aufgelegt hat, ist für zwei weitere Volltreffer verantwortlich: Alligator behandelt im Text den Wunsch nach Zufriedenheit, Heimkehr und Harmonie und verpackt das in einen großen, souveränen Song mit einer klassischen Macca-Leadgitarre. Der Titelsong (mit New ist auch hier in erster Linie das Frischverliebtsein gemeint) kommt zunächst mit einem famosen Beatles-Beat daher, entwickelt dann aber eine erstaunliche Komplexität mit Takt- und Tonartwechseln und am Ende sogar einem kleinen Barbershop-Teil.

Das ist durchaus typisch für New: Es gibt wunderschöne Arrangements, viel Dynamik und immer wieder unerwartete Wendungen innerhalb der Lieder. Ein iPad kommt ebenso zum Einsatz (im zärtlichen Hosanna, das die Freuden einer gemeinsamen Nacht besingt) wie der “McCartney familiy chorus” (bei Everybody Out There, das geradezu verliebt ist in seinen eigenen Gitarrensound).

Gegen Ende sinkt das Niveau ein wenig: Looking At Her (das von der Qual berichtet, in eine Frau verknallt zu sein, die der Rest der Welt ebenfalls vergöttert) ist kein großer Wurf, aber sehr hübsch und mit gelungenen Modernismen. Road wird man in zehn Jahren vergessen haben, mit spannender Atmosphäre und tollem Bass zeigt auch dieses Stück aber, das McCartney noch immer Lust auf Neues hat. I Can Bet ist dezent funky und inspiriert, der Bonustrack Scared ist kein Klassiker, aber eine Klavierballade mit rührender Melancholie und Verletzlichkeit.

Und dann ist da noch Early Days, der sicherlich erstaunlichste Track auf diesem Album, produziert von Ethan Jones. Das Lied ist “based on my reminiscences of formative times with John before The Beatles, when we were first starting out”, sagt McCartney, und er singt mit einer grandiosen Mischung aus Stolz und Nostalgie von diesen Tagen. Vor allem aber singt er, fast nur von einer akustischen Gitarre begleitet, mit einer Stimme, die man noch nie so von ihm gehört hat: alt, verwittert, mit einer Schwere und Ernsthaftigkeit, die man in der Nähe von Johnny Cash ansiedeln kann – und die ihm ausgezeichnet steht.

New mit Livebildern, Spielfreude und Text:

Homepage von Paul McCartney.

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