Hingehört: Pinegrove – „Cardinal“


Künstler Pinegrove

Pinegrove Cardinal Kritik Rezension

Mit fünf Bonustracks gibt es „Cardinal“ nun auch in Deutschland.

Album Cardinal (Bonus Edition)
Label Run For Cover Records
Erscheinungsjahr 2016
Bewertung

Schon im Februar ist Cardinal, das zweite Album von Pinegrove aus New Jersey, in den USA erschienen. Jetzt gibt es die Platte auch in Deutschland. Und sie ist so gut, dass man einfach „Danke“ sagen möchte.

Noisey hat ein „crazy good album” erkannt, “full of all the sentiments you don’t know how much you need to hear until they sink in.” Pitchfork ist fast noch ein bisschen begeisterter und formuliert eine ebenso treffende Zusammenfassung: „Cardinal recalls some of the most consistently likeable rock bands of the past 20 years in their most easygoing phases: There’s the rootsy shamble of early Wilco, the wiggly guitar solos and general guilelessness of pre-prog Built to Spill. But beneath the amiable surface is an intense work about one of the most important things imaginable: how to make our friendships really matter.“

Man kann sich diesen Lobeshymnen nur anschließen: Cardinal bietet so einfach und naheliegend scheinende, aber umwerfend wirkende Zutaten wie Coolness, Groove, Wehmut und Romantik, vor allem aber ehrliche Erkenntnisse über das echte Leben.

Das wichtigste Thema für Sänger und Gitarrist Evan Stephens Hall ist dabei die Reue. Das gilt schon im Auftakt Old Friends. Er ermahnt sich, auszubrechen aus seinem Solipsismus, er ahnt, dass er schon viel zu viel wertvolle Zeit verloren hat, und daraus speist sich eine erstaunlich reizvolle unterdrückte Wut: Er nuschelt jede Zeile, als könne er sie genauso gut herausschreien.

Das Thema taucht später in Size Of The Moon wieder auf („If I did what I wanted / then why do I feel so bad?“), angereichert um noch etwas intimere Gedanken über Angst und Hemmungen. Auch in New Friends, nicht nur im Tracklisting das Gegenstück zum Opener, lässt sich wieder der Versuch erkennen, sich zur Zuversicht zu zwingen und daran zu glauben, dass das Glück auch mal von Dauer sein kann.

Americana ist kein irreführender Begriff dafür, neben den eingangs genannten Koordinaten könnte auch Tom Petty als Bezugspunkt für den Sound von Pinegrove herhalten. Das etwas schnellere Then Again beweist das ebenso wie Cadmium: Der Song beginnt reduziert, dann leitet ein kurzer Moment der Hysterie à la Adam Duritz über zu einem erst satten, dann gloriosen Rocksound. In Aphasia ist es egal, ob Pinegrove im Arrangement gerade Instrumente hinzufügen oder weglassen – der Song wird mit jeder Sekunde intensiver, schöner und packender.

Zeitgefühl, Orientierung, Selbstbewusstsein: All das ist in Visiting verloren. „And the truth is / I am no one“, lautet die Erkenntnis, die jedenfalls dann gültig ist, wenn die Liebste gerade fehlt. Noch ein bisschen besser wird Waveform: Man weiß nicht, ob man Evan Stephens Hall trösten will oder sich mit ihm in dieses so herrlich klingende Unglück stürzen.

Für die nun in Deutschland erscheinende Bonus Edition wurde Cardinal um fünf Tracks ergänzt, darunter drei Demos. Sie zeigen vor allem, wie gut diese Songs auch schon in reduzierter Form funktionieren und wie einfühlsam sie von dieser Band gespielt werden. Die fertigen Versionen sind durchweg besser, trotzdem ist hier schon alles da, was diese Lieder ausmacht. Für derlei Großzügigkeit kann man gleich noch mal Danke sagen. Ebenso wie für die Nachricht, dass Pinegrove im September erstmals live in Deutschland zu sehen sein werden. Man darf stark vermuten, dass sie dort alte Freunde treffen und viele neue Freunde gewinnen werden.

Pinegrove spielen New Friends live.

Die deutschen Tourneedaten von Pinegrove:

23.09. – Berlin – Maze Club

29.09. – Köln – Underground

24.09. – München – Strom

Pinegrove bei Bandcamp.

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