Hingehört: Placebo – „A Place For Us To Dream“


Künstler Placebo

Placebo A Place For Us To Dream Kritik Rezension

Auf 20 Jahre Placebo blickt „A Place For Us To Dream“ zurück.

Album A Place For Us To Dream
Label Elevator Lady
Erscheinungsjahr 2016
Bewertung

Das muss als Scherz gemeint sein. Life’s What You Make It heißt die EP, die Placebo gerade parallel zu diesem Best-Of-Album veröffentlicht haben. Der Titel klingt nach Erbauungsliteratur, wie ein Ratgeber im Stile von Sorge dich nicht , lebe. Nichts könnte weniger zur Mentalität von Placebo passen: Brian Molko ist seit dem ersten Album seiner Band vor 20 Jahren ein Leidensmann mit unklarem Geschlecht und großer Bereitschaft, sich zur Identifikationsfigur all jener zu machen, die ebenfalls viel zu viele Neurosen und Komplexe in sich tragen, um sich um so etwas wie den banalen Alltag überhaupt kümmern oder so etwas wie Glück auch nur wahrscheinlich finden zu können. In allen 36 Tracks von A Place For Us To Dream singt er, als habe er das Selbstmitleid höchstpersönlich erfunden.

Im Booklet ist er in einer klassischen Pose der Kunstgeschichte zu sehen: als Madonna mit dem Kinde. Er ist, wohlgemerkt, nicht der unschuldige Heiland, der die Welt erlösen soll, sondern die Mutter, der das Kind durch seinen Tod am Kreuz entrissen werden wird. Sterblich, leidend, verlassen.

Schon eher als Life’s What You Make It passt zum Charakter von Placebo deshalb der Titel der aktuellen Single, die eine von sechs bisher unveröffentlichen Aufnahmen auf der EP sind: Jesus‘ Son. Das Lied erweist sich als großer, romantischer, amerikanischer Song, wie man ihn von John Mellencamp oder Bruce Springsteen kennt und wie er unlängst etwa auch von The National oder den Killers gerne kredenzt wurde. Es gibt im Spätwerk von Brian Molko, Stefan Olsdal und ihren wechselnden Schlagzeugern weitere Songs, die in diese Kategorie fallen und auf diesem Greatest-Hits-Doppelalbum ebenfalls enthalten sind, etwa Bright Lights (2010) und Ashtray Heart (2009), das man sich auch gut von The Gaslight Anthem vorstellen könnte.

Diese Lieder zeigen, dass Placebo in den 20 Jahren ihres Bestehens, bei aller Kontinuität in der emotionalen Perspektive, durchaus eine Weiterentwicklung durchlaufen haben. A Place For Us To Dream macht natürlich auch deutlich, wieso die Band so lange erfolgreich war und bisher rund 12 Millionen Platten verkauft hat. Die Songs aus dem Frühwerk haben noch heute viel Energie (Nancy Boy) oder sogar Punk-Spirit (Come Home). Auch Special K ist beeindruckend kraftvoll, ein wenig legendärer Song wie Slave To The Wage erweist sich ebenfalls als gut gealtert. Infra-Red zeigt alles, was zum Markenkern von Placebo gehört und The Bitter End entpuppt sich vor allem deshalb als starker Song, weil er nicht von der Pose getragen wird, sondern von echter Leidenschaft.

Der Blick auf das gesamte Schaffen von Placebo erinnert auch daran, dass die Band keineswegs ein One-Trick-Pony ist, wobei dieser Trick aus möglichst großer Weinerlichkeit und möglichst pathetischer Musik bestehen würde. Immer wieder schimmert auf A Place For Us To Dream zumindest durch, welche Traditionslinien und Innovationen Placebo für sich in Anspruch nehmen. Pure Morning hat einen Industrial-Beat, den man zum Zeitpunkt des Erscheinens (1998) problemlos überhören konnte. Every You Every Me ist zwar nach wie vor einer ihren größten Hits, hat diesen Status aber mit einem ungewöhnlichen Riff, einem subtilen Gefühl von Beschleunigung im Refrain und dem sehr geschickten Einsatz repetitiver Elemente erreicht. You Don’t Care About Us zeigt eine unverkennbare Geistesverwandtschaft mit The Cure, mit deren Sänger Robert Smith die Band ja auch bereits zusammengearbeitet hat. Auch Without You I’m Nothing hat einen ähnlichen Effekt: Nicht nur das Lied selbst, sondern vor allem die Beteiligung von David Bowie zeigen das Selbstverständnis und die Ambitionen von Placebo.

Freilich sind 36 Songs auch ein Pensum, das schwierig zu bewältigen ist. Er selbst habe es nicht geschafft, alle Stücke von Anfang bis Ende durchzuhören, schreibt Brian Molko in den Liner Notes. Er begründet das mit einer Abneigung gegenüber Nostalgie („This album is for you, not for me“, betont er), aber ein anderer, von ihm sicher nicht gemeinter Grund lässt sich ebenfalls nicht leugnen: Mehr als zwei Stunden lang seinen Gesang zu hören, ist eine veritable Herausforderung.

So schwer das Leben an sich für Brian Molko zu ertragen zu sein scheint, so schwer ist es, über eine so lange Dauer sein Leiden anzuhören, was auch daran liegt, dass fast alle Lieder auf dieser Best-Of-Sammlung besser wären, wenn man sie um 30 Sekunden kürzte. Wie sehr sein markanter Gesang für Placebo als Segen und Fluch gelten kann, macht A Place For Us To Dream ebenfalls deutlich. Diese Stimme ist wie nicht von dieser Welt, als sei sie in einem Labor entstanden, in dem man besonders traumatisierte Menschen züchtet, oder als stamme sie von etwas, das Hufe und Fell und nie genug zu essen hat.

Bei einem Song wie Too Many Friends kann das dafür sorgen, dass man gar nicht merkt, wie ungewöhnlich hier vom Text bis hin zum Arrangement alles ist, weil der Gesang all das in den Hintergrund drängt. Ähnlich ist es in Breathe Underwater: Das Lied versucht, auffällig reduziert zu sein, aber die Stimme lässt kaum zu, dass der Song Tiefe entwickelt oder man mit dem Sänger fühlen kann. Das ist ein Problem, das zuletzt auch schon auf dem fragwürdigen Unplugged-Album von Placebo zu erkennen war.

Wenn ein Lied dann auch noch schwach und langweilig ist wie beispielsweise 36 Degrees, dann kann Brian Molko mit seinem Gesang den Song nicht retten, sondern nur dafür sorgen, dass er vollends nervtötend wird. Das lächerlich Protège Moi demonstriert vielleicht am deutlichsten die unerträgliche Selbstüberschätzung dieser Band.

A Place For Us To Dream zeigt, wie es Placebo geschafft haben, aus dem Prätentiösen und Ungefähren einen unnachahmlichen Stil zu entwickeln, der Elemente aus härterem Rock ebenso integrieren kann wie Elektronik. Es zeigt aber auch, wie limitiert die Band durch diesen Ansatz ist: Am Anfang steht stets die Marter und die Suche nach Erlösung, von der man doch genau weiß, dass sie nicht eintreten wird – und die Musik zielt auf die maximale Umsetzung dieses Gestus. Deshalb ist bei jedem Ton auf A Place For Us To Dream klar, was er bewirken soll. Es sind Lieder ohne Geheimnis.

Im Video zu Jesus‘ Son zeigen Placebo ihre (hoffentlich) neuen Bühnenoutfits.

Website von Placebo.

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