Hingehört: Reuben Hollebon – „Terminal Nostalgia“


Künstler Reuben Hollebon

Reuben Hollebon Terminal Nostalgia Rezension Kritik

Der Selfiewahn inspirierte Reuben Hollebon zu seinem ersten Album.

Album Terminal Nostalgia
Label Bright Antenna
Erscheinungsjahr 2016
Bewertung

Es war eine Initialzündung. Reuben Hollebon hatte reichlich musikalische Erfahrung hinter den Kulissen, beispielsweise als Produzent, und er himmelte immer schon Größen wie David Bowie, Tom Waits oder Marc Bolan an. Als er dann 2012 seine erste EP machte und dafür den Track Seven aufnahm, hatte er plötzlich seine musikalische Persönlichkeit gefunden, sein Wesen als Interpret. Genauer gesagt: seine ganz eigene Stimme. “I actually sounded like where I wanted to be. Fragile and a little off-putting at the same time“, erinnert er sich.

Zweifelsohne ist sein Gesang damit gut umschrieben und auch auf seinem heute erscheinenden Debütalbum Terminal Nostalgia (der Titel stammt aus einem Buch von Kurt Vonnegut) äußerst charakteristisch. Allerdings im negativen Sinne. Es ist nicht schlimm, wenn er flüstert und Schwäche zeigt. Das mit Picking und Streichern an William Fitzsimmons erinnernde Augustus oder das recht hübsche Common Table zeigen, wie reizvoll das werden kann. Allerdings überstrapaziert der Engländer manchmal selbst beim Versuch der maximalen Zurückhaltung seine Kräfte. Oft klingt der Gesang wie Winseln, in vielen Passagen wirkt die Stimme von Reuben Hollebon wie kurz vor dem Nervenzusammenbruch, manchmal auch wie mittendrin. In Fields, For Fields klingt er wie ein völlig entkräfteter Adam Duritz. In We’re Gonna Miss Us (When We’re Gone) manchmal wie Billy Corgan, nachdem er acht Portionen Selbstmitleid gefrühstückt hat, manchmal auch so, als sei Tierquälerei im Spiel.

Das ist äußerst schade, denn vieles auf diesem Album beweist sein Talent. Terminal Nostalgia ist für eine Platte, die im Kern ein Singer-Songwriter-Werk ist, sehr modern im Sound und Ansatz. Der Auftakt Haystacks bietet spannende Percussions und interessante Gitarrenarbeit, Faces entwickelt ein bisschen der Dramatik von Arcade Fire, beim tanzbaren A Hand bräuchte es gar nicht viel, um das clubtauglich zu machen. Das abstrakte Come Back Early und das elektronisch geprägte On & On sind die mutigsten Tracks, unterstreichen den Abwechslungsreichtum dieses Albums und zeigen den enormen Horizont von Reuben Hollebon.

Auch thematisch hat Terminal Nostalgia einiges zu bieten. Ausgangspunkt für das Album war der Selfiewahn, den Reuben Hollebon während der Tour mit seiner Clutch-EP erlebte. “Every place I went was people were taking photographs rather than experiencing anything. They’d go up a mountain and first thing they did was take a photograph. That was like a warning to myself: don’t fall into this category where you’re doing something just so you can have a good memory of it”, sagt er. Diese Entschlossenheit, den Moment eher auszukosten statt zu archivieren, speist sich auch aus der Überzeugung, dass die Welt reichlich Magie zu bieten hat. „Arvo Pärt, one of my favourite composers, said everything he makes is sacred, but he does that to a Christian god. Whereas for me, I just do it to the world, because the world is a phenomenal thing”, erklärt er.

Freilich hilft all das wenig, weil die Stimme nun einmal sein zentrales Instrument ist, um all diese lohnenden Gedanken in die Welt zu bringen und all diese interessanten Sounds zu garnieren. Und diese Stimme klingt leider oft wie in The Burr, dem achten und schwächsten Track dieses Albums: schwer zu ertragen.

Ein „boy in trouble“ steht im Mittelpunkt des Videos zu Haystacks.

Website von Reuben Hollebon.

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