Sebastian Hackel – „Tageszeitenkurier“


Künstler Sebastian Hackel

Sebastian Hackel ist ein Wanderer. Auch ohne Schuhe.

Sebastian Hackel ist ein Wanderer. Auch ohne Schuhe.

Album Tageszeitenkurier
Label Welcome Home Music
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

„An der Elbe barfuß gehen / Zigaretten mir gerollt / frag mich bloß nicht nach dem Sinn.“ Wer als Autor solcher Zeilen einen Hippie vermutet, könnte kaum richtiger liegen: Sebastian Hackel trägt Dreadlocks (auch noch blonde), posiert auf seinem Plattencover im Schlafanzug und will gerne „alternativ denken und leben“.

Nicht zuletzt: Er läuft tatsächlich gerne barfuß durch die Gegend, er hat daraus sogar so etwas wie eine Philosophie gemacht. Man habe dann ein schärferes Gespür für Details, sagt der Mittzwanziger: „Manchmal sind es nur Kleinigkeiten wie Temperaturunterschiede auf dem Kopfsteinpflaster. Aber man nimmt seine Umgebung, die Umwelt anders und direkter wahr, wenn man sie mit den nackten Füßen berührt.“

Wer so etwas sagt, macht sich natürlich angreifbar. Warum sie lacht, das Lied, aus dem die obigen Zeilen stammen, handelt später auch noch von Häschen und Seifenblasen. „Gutmensch!“ schreien dann diejenigen, die „Gutmensch“ erstaunlicherweise als negatives Attribut sehen, und sie werden vielleicht auch Lieder wie Regencapes und Klebeband mindestens naiv finden, in denen deutlich wird, dass Sebastian Hackel einer ist, der sich eine andere Welt wünscht, mit weniger Hektik und Konventionen, mit mehr Menschlichkeit und Freiheit.

Dass dieser Blick aufs Leben nicht lächerlich wirkt, liegt vor allem daran, dass Hackels Texte auf höchst geschickte Weise verklausuliert sind. Man erkennt sofort, dass sie mitten aus dem Leben kommen, aber man erkennt beim besten Willen nicht sofort, worum es nun genau darin geht. Zum Gelingen von Tageszeitenkurier, dem zweiten Album von Hackel und seinem ersten mit kompletter Bandbegleitung, trägt auch die große musikalische Vielfalt bei. Das feinherbe Laufband entwickelt eine schöne Balance aus Zufriedenheit und Melancholie, Schlimm ist schön zart, Bis hierhin ist das schön hat ein handwerklich gutes Fundament und eine sehr überzeugende Beiläufigkeit, wie man das bei Gloria schätzt.

Den lyrischen und musikalischen Spieltrieb von Wir sind Helden kann man in Wir sind erkennen, die Jazz-Referenzen in Tageszeitenkurier würden auch zu Prag gut passen. Clueso (die einschmeichelnde Stimme), Fabian von Wegen (die gelegentlich gewollte Putzigkeit) oder Gisbert zu Knyphausen (das Kernige, das aus Liedern wie dem Auftakt Hier spricht) sind ebenfalls passende Referenzen. Dass Sebastian Hackel nicht nur als Label-Kollege mit Gregor McEwan verbandelt ist, zeigt Woanders verändert mit der Botschaft: „Ich bin noch immer der Junge, der ich vor 18 Jahren schon war.“

Dass diese Aussage höchst unglaubwürdig ist, unterstreicht beispielsweise Soll die Welt sich mit seinem treibenden und ausgelassenen Sound. Hackel tritt darin auf als einer, der viel und gerne unterwegs ist; entschlossen, sich nirgends festnageln zu lassen, aber überall eine Erfahrung mitzunehmen. Begegnungen und Gespräche mit Menschen seien für ihn wie einkaufen, erklärt Hackel. „Ich nehme nur das mit, was ich mir leisten kann und mich am meisten beeindruckt. Alles andere ist für andere und bleibt beim Gegenüber.“

Man könnte angesichts solcher Aussagen an der Sozialkompetenz des Wahl-Dresdners zweifeln, wenn er nicht so hübsche Liebeslieder wie Lieber als mich schreiben könnte oder ein zuckersüßes Schlaflied wie Ein Elefant hinbekäme, das hier als Hidden Track im Kontext des Albums viel schlüssiger klingt als vor ein paar Wochen, als er das Stück als Free Track unters Volk gebracht hat. Andererseits: Ein Weltverbesserer wie Sebastian Hackel muss wohl in punkto Großzügigkeit vorangehen. Und gute Musik zu verbreiten, ist auch keine Sünde.

Barfuß im Pyjama bestreitet Sebastian Hackel auch das Video zu Soll die Welt sich.

Sebastian Hackel hängt demnächst an seine Frühjahrstour noch zwei Termine an:
18. Mai: Hamburg – Karoherz#1
19. Mai: Mainz – Kulturcafé

Homepage von Sebastian Hackel.

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