Hingehört: Steve Aoki – „Neon Future I“


Künstler Steve Aoki

Steve Aoki lädt ein ins Party-Schlaraffenland.

Steve Aoki lädt ein ins Party-Schlaraffenland.

Album Neon Future I
Label Sony
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Die Idee, dass Techno minderwertige Musik ist, bloß weil man „keine echten Instrumente spielen können muss“, um sie zu produzieren, ist natürlich Blödsinn. Es gibt noch einen zweiten – ebenso alten – Vorwurf, der etwas schwerer von der Hand zu weisen ist: Techno macht immer nur Bumm Bumm und ist damit beschränkt. Dieser ist etwas gewichtiger, denn das Genre verliert damit eine Funktion, der fast alle anderen musikalischen Spielarten gerecht werden können: den Appell an den kritischen Geist.

Diedrich Diederichsen untermauert diesen Aspekt in seinem Opus Magnum Über Pop-Musik theoretisch: „Nimmt man die beiden Versuche, das verloren gegangene Verhältnis von körperlicher (rhythmischer, viszeraler) Gegebenheit und (ideologischer, tribalistischer, subkultureller) zeichenhafter Inhaltlichkeit wiederzubeleben, Punk und Techno, dann sieht man zwei Modelle. (…) Techno schafft eine neue Ganzheit durch Reduktion, insbesondere der Semantik, gewinnt dadurch enorm an Zug und Kraft, entwaffnet aber die Pop-Musik als Organ des Einspruchs. Die Tendenz des Backbeats, der nun in den Vordergrund treten darf, zu einem Beat der Kontrolle, der Einübung, der Synchronisierung zu werden, wird und wurde gegen Techno regelmäßig kulturpessimistisch übertrieben – aber gerade in der alltäglichen, nicht-festlichen, nicht-feiernden Anwendung dieses Beats ist sie nicht zu leugnen.“

Bumm Bumm ist primitiv, gerade darin liegt ein Reiz von Techno. Man kann damit eine Horde aus Hedonisten beschallen, die sich danach sehnt, ihre Sehnsucht nach Individualität und ihr Bekenntnis zur Körperlichkeit im Tanz zu vereinen – dann ist Techno tribalistische Feiermusik. Man kann aber auch eine Kohorte damit beschallen, die einen möglichst wirkungsvollen und einfachen Anstoß sucht, ihr Hirn auszuschalten – dann ist Techno militaristische Marschmusik. Wenn man das Bumm Bumm falsch anwendet, wird es also tatsächlich dumm, vielleicht sogar gefährlich, lautet die Quintessenz dieser Aussage. Und die Musik von Steve Aoki ist das lebende Beispiel für diese falsche Anwendung.

Dass der Amerikaner, geboren in Miami und aufgewachsen in Kalifornien, eine Party in Gang zu bringen versteht, wird niemand bezweifeln: Im Jahr 2012 hat kein anderer Dance-Artist so viel Geld mit Live-Auftritten verdient wie er. Die Shows von Steve Aoki sind vor allem in Universitätsstädten beliebt, legendär sind seine Vorliebe für Crowdsurfen und Sektduschen.

Nun gibt es mit Neon Future I ein neues Album von Steve Aoki. Gleich vier Singles gingen der Platte voraus (der Mann weiß eben, wie man die Stimmung anheizt), für Anfang 2015 ist der zweite Teil von Neon Future angekündigt, der eine dunklere und softere Seite zeigen soll. Davon findet sich hier noch keine Spur: Neon Future I ist die ultimative Gebrauchsmusik, so etwas wie der todsichere Weg in einen testosterongeschwängerten Partyhimmel: Alles, was nicht sofort funktioniert, scheidet aus.

Im Intro Transcendence erklärt Visionär Ray Kurzweil, wie wir uns die Neon Future vorstellen dürfen: Sie ist das Schlaraffenland, ohne Krankheit und Altern, dafür mit schönerer Kunst und besseren Beziehungen. Der unmittelbar darauf folgende Titeltrack klingt wie die Sachen, die David Guetta zum Aufwärmen macht, und genau nach diesem Prinzip geht es weiter.

Rage The Night Away (mit Waka Flocka Flame) ist brachial und wirkungsvoll. Free The Madness ordnet sich irgendwo zwischen Eurodance, House und Techno ein, und bietet von allen genannten Genres die denkbar plakativste Ausprägung. Afroki (mit Afrojack und Bonnie McKee) kombiniert einen aufpeitschenden Beat, eine möglichst simple Keyboard-Melodie und einen krawalligen Refrain.

Das Ausmaß an Variation ist minimal. Back To Earth (mit Fall Out Boy) macht den Bass ein wenig funky, in Born To Get Wild gibt es noch ein bisschen mehr Vocoder als üblich, dazu eine Rap-Einlage von will.I.am. In Get Me Out Of Here erinnert der Bass an Pony von Ginuwine, zudem hat Luke Steele von Empire Of The Sun einen Gastauftritt. Und am Ende des Albums erklärt Aubrey de Grey nocht einmal die Verheißung der Neon Future: „Life will have no boundaries.”

Genau das ist das Problem an der Musik von Steve Aoki. Statt der versprochenen Grenzenlosigkeit gibt es ein äußerst beschränktes Konzept, statt der visionären Möglichkeiten, die elektronische Musik bieten kann, ist sein Sound extrem berechenbar: Alles ist auf Ekstase und Eskalation aus. Um sicher zu gehen, dass eine ohnehin unterkomplexe Botschaft à la „We were born to get wild“ oder „Free your mind“ auch wirklich ankommt, wird sie sicherheitshalber bis zum Erbrechen wiederholt. Das kommt vielleicht gut an bei Verbindungsbrüdern im Red-Bull-Rausch, die sich einmal pro Woche den Gedanken an ihre horrenden Studienkredite aus dem Kopf blasen lassen möchten. Für alle anderen ist es eine Beleidigung.

Steve Aoki plaudert mit Ray Kurzweil über die Zukunft.

Homepage von Steve Aoki,

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