Hingehört: Symphoniacs – „Symphoniacs“


Künstler Symphoniacs

Symphoniacs Kritik Rezension

Die Besetzung der Symphoniacs ist äußerst international.

Album Symphoniacs
Label Universal
Erscheinungsjahr 2016
Bewertung

Große Worte sind das. Einen „futuristischen Classical-Meets-Club-Mix“ versprechen die Symphoniacs. Sie wollen Grenzen zwischen den Genres und Mauern in den Köpfen des Publikums einreißen und, so kündigt es der Infotext zu diesem heute erscheinenden Debütalbum an. Das Ziel ist nichts weniger als „Eine Philosophie. Ein Lifestyle. Die Zukunft.“

Kopf des Ensembles ist der in Berlin lebende Produzent, Komponist und Electronic Artist Andy Leomar. „Ich bin klassisch ausgebildeter Pianist und Tonmeister, habe aber nach dem Studium an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien begonnen, Popmusik zu produzieren und Dancemusic zu remixen. Ich dachte mir, es wäre sehr schön, die beiden eigentlich strikt voneinander getrennten Welten Klassik und Dance zusammenzuführen“, erklärt er die Idee hinter dem Projekt im Interview auf der eigenen Homepage.

Er hat dafür Musiker aus New York, London, Moskau, Kopenhagen, Budapest, Wien und Berlin um sich geschart, um die Schnittmengen von klassischer Musik und aktuellen Sounds aufzuzeigen. Die Musik von Geigern, Cellisten und Pianisten wird bei den Symphoniacs um Synthesizer, Sequencer und Drumcomputer angereichert, das Ergebnis preist Andy Leomar als „Symphonic Electronic Madness“ an.

Natürlich wird man bei diesem Ausmaß an Großspurigekeit stutzig. Denn das Konzept von „Pop meets Klassik“ ist bei weitem nicht neu. Vor mehr als 30 Jahren haben Rondò Veneziano damit ganze Wagenladungen von Platten verkauft, das London Symphony Orchestra gibt sich regelmäßig Ausflügen in Rock und Pop hin, mit Vangelis, Falco, Nightwish oder Emerson, Lake & Palmer sind auch weitere sehr erfolgreiche Beispiele noch gut in Erinnerung. Mit Erased Tapes Records gibt es sogar eine gut etablierte Plattenfirma, die sich auf die Symbiose von Postrock, Elektronik und Modern Classical spezialisiert hat.

Wirklich bahnbrechend ist dann auch bei den Symphoniacs nichts. Das Album klingt oft schön wie Aerodynamic (Daft Punk), das mit Violine, Cello und Klavier dargeboten wird, es gibt viel Pizzicato wie bei Sky Full Of Scars (Coldplay) und gelegentlich tritt dadurch, dass der Gesang fehlt, die Komposition als solche stärker hervor. Manchmal führt das allerdings bloß dazu, dass die Schlichtheit des Originals deutlich wird, wie bei Animals (Martin Garrix). Den umgekehrten Weg, also die Elektronisierung von klassischer Musik, beschreiten die Symphoniacs mit einer Cello-Suite von Johann Sebastian Bach oder Auszügen aus den Vier Jahreszeiten von Antonio Vivaldi, mal mit HipHop-Beats angereichert (Winter), mal mit reichlich Bombast (Sommer).

Fragwürdig ist das Konzept nicht nur im Hinblick auf seine oft bloß behauptete Einzigartigkeit. Auch die Idee, zeitgenössischer Popmusik durch die Interpretation im Orchestersound das Siegel von Eleganz, Grazie und Ernsthaftigkeit zu verleihen, sollte eigentlich überholt sein – Pop hat längst bewiesen, dass er ohne solche Meriten aus Feuilleton und E-Musik stark, relevant und wertvoll genug ist. Und sollten junge Geiger, Cellisten und Pianisten es mit einem Projekt wie diesem nach wie vor für nötig halten, darauf hinzuweisen, dass sie nicht nur Beethoven und Mozart mögen, sondern auch rocken, tanzen und cool sein können, wäre das ebenfalls beschämend.

Viel eher als um die Erfindung eines einzigartigen neuen Sounds geht es bei Symphoniacs deshalb womöglich um Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen: Gut zwei Dutzend Musikhochschulen gibt es derzeit allein in Deutschland, jedes Jahr bringen sie etwa 2000 Absolventen hervor. Das sind junge Menschen, die ihr Instrument virtuos beherrschen, oft von Kindesbeinen an mit größtem Ehrgeiz geübt haben – und dann 50, 60, 80 Mal vorspielen müssen, bis sie vielleicht irgendwo eine Stelle an einem Orchester ergattern. Bei den Geigern und Pianisten ist das Überangebot besonders groß. Dass man bei solchen Perspektiven, vielleicht ergänzt um eine persönliche Vorliebe für Popmusik, womöglich lieber Symphoniac wird, ist nicht verwerflich. Für die Musiker ist der Mehrwert dabei aber deutlich größer als für die Hörer.

Ein Trailer stellt die Idee der Symphoniacs vor.

Symphoniacs bei Facebook.

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