Temples – „Sun Structures“


Künstler Temples

Mit den Zutaten von früher machen Temples famose Musik von heute.

Mit den Zutaten von früher machen Temples famose Musik von heute.

Album Sun Structures
Label Heavenly
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Es dauert etwa vier Sekunden, dann wähnt man sich mitten im Jahr 1967. Ein paar Takte lang denkt man, die Hollies seien wieder auferstanden, und noch ein paar Takte später weiß man: Es stimmt. Das dazugehörige Lied heißt Shelter Song, es war im Sommer 2012 das erste Lebenszeichen von Temples und es macht nun, mit einer famosen Mischung aus Psychedelik, Punch und Pop-Appeal den Auftakt für ihr großartiges Debütalbum.

Sixties-Referenzen ziehen sich auch durch die folgenden elf Tracks von Sun Structures. Den Retro-Verdacht stützt auch die Tatsache, dass Johnny Marr, Suede und Noel Gallagher sich bereits als Fans von Temples bekannt haben – und die seltsame Angewohnheit der Band, auf Tour immer Räucherstäbchen dabei zu haben.

Doch mit Rückwärtsgewandtheit will das Quartett aus Kettering, Northamptonshire nichts zu tun haben. „Psychedelic music has always been forward thinking,“ sagt Bassist Tom Warmsley, der Temples gemeinsam mit seinem Jugendfreund James Bagshaw (Gesang und Gitarre) gegründet hat. „It’s so easy to fall into that kind of revival band thing, but our aim is to reference these things and bring something completely new to it. A song like Sun Structures talks about something contemporary using old imagery and eastern religion. It isn’t a fictional work that people won’t be able to find anything in. And the fidelity of the sound alone says we’re doing something that couldn’t really be done before.“

Er hat verdammt Recht: Diese Platte ist viel zu schlüssig, um sich einem Retro-Vorwurf aussetzen zu müssen. Temples ahmen die Zutaten der Vergangenheit nach, aber nicht die Rezepte. Was sie verkörpern (und was eben mitunter Assoziationen mit der Flower-Power-Zeit hervorruft), ist nicht Nostalgie, sondern Optimismus, Unschuld und Freiheitsdrang.

Der schon erwähnte Titelsong erreicht das mittels Fuzz-Bass und der Orgel von Adam Smith, sodass man an die Easybeats denken muss. In The Golden Throne, das spürbar Lust aufs Plakative hat, sorgt Schlagzeuger Sam Toms für einen guten Groove. Mesmerise ist ein wahr gewordener Hippie-Traum, tanzbar und mit einem wundervollen Beach-Boys-Break.

Die Abenteuerlust von Temples zeigt sich unter anderem in Keep In The Dark: Ein Glamrock-Beat wird da erstaunlich mühelos mit einem himmlischen Refrain und einer Harfe (!) verknüpft. A Question Isn’t Answered arbeitet mit einem verschleppten Beat, Handclaps und Gesangseffekten und endet irgendwo in der Nähe der Dandy Warhols. Move With The Season hat einen herrlich großen Sound, der von einer 12-saitigen Gitarre und einem Baggy-Beat geprägt wird, bleibt aber trotzdem filigran und gefühlvoll.

„Doing something different with a pop song, breaking the convention of verses and choruses – it’s something we always keep in mind when we’re recording,” betont Tom Warmsley. Das beweist auch der Sand Dance, der um ein exotisches Gitarrenriff herum aufgebaut ist, mellow bleibt, aber mit der nötigen Aggressivität auch von den Queens Of The Stone Age vorstellbar ware.

Wenn Kula Shaker einmal wirklich intime und inspirierte Momente gehabt hätten, wäre vielleicht ein Lied dabei herausgekommen wie The Guesser, das es schafft, zugleich zurückgenommen und funky zu sein. Test Of Time schickt die Last Shadow Puppets an die US-Westküste (wahrscheinlich zum Picknick mit den Byrds), beim akustischen Rausschmeißer Fragment’s Light dürfte Donovan feuchte Augen bekommen.

Nicht zuletzt beeindrucken Temples auch in handwerklicher Hinsicht: Der Harmoniegesang ist exquisit, der Schlagzeugsound großartig, die Arrangements machen die ohnehin schon feinen Songs noch besser. Das ist umso überraschender, wenn man weiß, dass Sun Structures komplett im Haus von Frontmann James Bagshaw aufgenommen wurde, wo die Band einen kleinen Raum als Heimstudio nutzt und sich über einen sehr toleranten Nachbarn freuen darf. „I’m always apologising to him for the noise”, erzählt James. “But he says: ‚It’s not noise, it’s music.'“ Und was für welche!

192 Sekunden Zeitreise: der Shelter Song von Temples.

Homepage von Temples.

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