Hingehört: Zun Zun Egui – „Shackles‘ Gift“


Künstler Zun Zun Egui

Hardrock mit ADHS: So klingt "Shackles' Gift".

Hardrock mit ADHS: So klingt „Shackles‘ Gift“.

Album Shackles‘ Gift
Label Bella Union
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

Mauritius ist nicht nur wunderschön und abwechslungsreich, sondern auch einer dieser seltenen Fälle, in denen nach dem Ende der Kolonialherrschaft tatsächlich ein funktionierender Staat entstanden ist, sogar einer, in dem verschiedene Kulturen und Religionen friedlich miteinander auskommen. Die knapp 1,3 Millionen Einwohner der kleinen Insel im Indischen Ozean sprechen zwölf verschiedene Sprachen. Menschen mit Vorfahren aus Indien, Frankreich, China oder Afrika leben entspannt miteinander, ebenso wie Muslime, Katholiken und Hindus.

Mauritius ist auch die Heimat von Kushal Gaya, Sänger und Gitarrist von Zun Zun Egui. Im März 2013 nahm er seinen Bandkollegen Yoshino Shigihara (er stammt aus Japan) mit auf die Insel, und das Duo, das sich 2008 in Bristol zusammengetan hatte, machte jede Menge inspirierende Erfahrungen. Shackles’ Gift, dem zweiten Album von Zun Zun Egui, hört man diese Geburtsstunde deutlich an.

Nicht nur auf Soul Scratch, das sich dem Genre des Seggae annähert (dieser Mix aus Sega und Reggae ist auf Mauritius entstanden). Sondern vor allem wegen der Überzeugung, dass ein Potpourri gar keine schlechte Sache sein muss und dass sich auch solche Elemente vereinen lassen, die zunächst keinerlei Gemeinsamkeiten zu haben scheinen. Das Ergebnis ist höchst spannend: Das Album, produziert von Andrew Hung (Fuck Buttons), darf immer hart sein, aber niemals dumm. Stets wuchtig, aber keinesfalls plump. Oft klingt Shackles’ Gift wie Black Sabbath mit ADHS.

Rigid Man setzt auf tropische Rhythmen, in der Single African Tree lässt Kushal Gaya zwischendurch den David Byrne in sich raus. Ruby könnte man eine „Bongo-Dystopie” nennen, so wie Late Bloomer würde Funk klingen, nachdem er drei Evolutionsstufen auf einmal übersprungen hat. Wenn irgendwann die Roboter die Herrschaft über die Welt übernommen haben, dann wird es eine Disco geben, in der sich immer nur die von einem mysteriösen Virus befallenen Außenseiter-Roboter treffen. Und I Want You To Know wird das Lied sein, zu dem sie tanzen.

Den besten Song heben sich Zun Zun Egui bis zum Schluss auf. Gesang, Riff, Atmosphäre – alles ist in City Thunder ziemlich unwiderstehlich. Das ist im Vergleich zum Debüt Katang (2011) eine enorme Weiterentwicklung und, zugegebenermaßen, auf Dauer auch anstrengend. Aber es ist im mindestens gleichen Maße auch faszinierend, wenn man nach und nach erkennt, wie viel Können nötig ist, um diese Musik so chaotisch klingen zu lassen. Shackles’ Gift wirkt, als hätte man allen vier Mitgliedern von Led Zeppelin ein Implantat eingesetzt (nennen wir es: Mars Volta), das ihnen verbietet, irgendeine beliebige Tonfolge mehr als zweimal zu wiederholen. Es klingt so innovativ, fantasievoll und unberechenbar wie Gitarrenmusik anno 2015 eigentlich gar nicht mehr sein darf.

Special Effects: Das Video zu African Tree.

Homepage von Zun Zun Egui.

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