Hingehört: Air – „10000 Hz Legend“ 2


Air verschmelzen Technik und Sehnsucht.

Künstler Air
Album 10000 Hz Legend
Label Source
Erscheinungsjahr 2001
Bewertung ***1/2

Da haben sich zwei gefunden. Beck Hansen hat man früher oft vorgeworfen, er sei nur ein seelenloser Schreibtischtäter, der aus fremden Zutaten geschickt etwas angeblich Neues bastelt. Auch die Franzosen von Air mussten lange mit diesem Vorurteil leben. Aus Retro-Elementen würden sie ihren Sound beziehen und den auch noch als Zukunft verkaufen. So attestierte der Rolling Stone dem Duo „den Perfektionismus, den Hang zum Basteln und zum Frickeln und das Wissen, dass ein großer Popsong die leuchtende Klarheit eines Coca-Cola-Werbespots der 1950er Jahre haben muss.“

Mit derlei Einordnung übesieht man aber, dass sowohl Beck als auch Air zwar großen Wert auf Design legen (man denke nur an die stets brillanten Videos), aber durchaus auch eigenständige Songwriter sind, die nicht bloß selektieren, sondern komponieren. „Wir haben mit DJ’s nichts gemein, wir sind reine Musiker. Uns interessieren Harmonien, Akkorde – und dann erst der Rhythmus“, betonen Air, die in ihren Anfangstagen nicht zufällig eine klassische Rockband namens „Orange“ waren.

Zur Elektronik haben sich Nicolas Godin und Jean Benoit Dunckel dann gewandt, weil sie mit einem ganz klassischen Selbstverständnis etwas Neues, Unkonventionelles schaffen wollten. Der Rolling Stone hat es erkannt: Bei Air „funktioniert die Eskapade als Utopie, aber Utopie ist hier eine Angelegenheit von vorgestern.“ Noch eine Parallele zu Beck.

Der singt zwei der Stücke auf 10000 Hz Legend. Dem feinen The Vagabond, zu dem er noch eine Mundharmonika und Teile des Textes beisteuerte, drückt er seinen Stempel auf. Mit Schrammelgitarre, gedrosseltem Tempo und abgefahrenem Arrangement klingt das Stück wie ein Outtake von Odelay. In Don’t Be Light erkennt man Becks Stimme dank reichlich Effekten zunächst fast nicht. Der Song beginnt mit treibendem Beat, einem Orgel-Riff und Fuzz-Bass, beruhigt sich dann und verfällt in die typische Atmosphäre, die Air-Platten zu „großartigen Lümmel- und Knutschmatratzen“ (Rolling Stone) macht.

Denn dass die beiden Jungs aus Versailles nicht nur Videos und Sounds designen können, sondern vor allem auch Stimmungen, ist ihre große Stärke. „Letztlich dreht sich alles um die Emotion. Die muss da sein, die darf man nicht suchen“, wissen sie.

Der Opener fügt der Selbstdefinition noch einen Aspekt hinzu. „We are electronic performers“ heißt es da neben zahlreichen Metaphern, die Technik und Sehnsucht verschmelzen: machines gave me some freedom, synthesizers gave me some wings. Passend dazu wird im schwelgerischen How Does It Make You Feel? eine wundervolle Liebeserklärung nach der anderen gemacht – von einer Computerstimme. Radio #1 macht dann da weiter, wo Sexy Boy aufgehört hat: satter Rhythmus, catchy Refrain.

Auch The Radian knüpft an Moon Safari an, beginnt fast sakral, wird dann verträumt und entspannt – alles ohne Text. Lucky And Unhappy verbleibt noch eine Weile im Ungewissen, bevor es dann wieder sehr konkret und weltlich wird. Sex Born Poison wird dank Psycho-Orgel und halbasiatischer Lyrics tatsächlich geheimnisvoll und verführerisch. Auch Wonder Milky Bitch setzt auf gespenstische Streicher und lässt den Takt gar durch eine verfremdete Maultrommel vorgeben.

Den Rausschmeißer macht Caramel Prisoner, sphärisch, instrumental und im größten denkbaren Maße ausgestaltet. „Perfekte ästhetische und inhaltliche Ausformung“ hat der Musikexpress ganz richtig bei Air erkannt. Das ist mehr als Oberfläche.

Air könnens auch live, wie diese Performance von Radio #1 beweist:

Air bei MySpace.


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