Hingehört: Animal Kingdom – „The Looking Away“ 1


Künstler Animal Kingdom

Schön, aber hintergründig - so ist "The Looking Away".

Schön, aber hintergründig – so ist „The Looking Away“.

Album The Looking Away
Label Universal
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung

Man muss vorsichtig sein bei Animal Kingdom. Man könnte sie für oberflächlich halten, für Hipster, für Luftikusse, die ein wenig auf der Eighties-Welle mitsurfen wollen. Auf ihren Bandfotos sehen sie aus wie eine Mischung aus den Drums und MGMT. Jemand bei MTV hat unlängst festgestellt, ihre Musik beziehe ihre Inspiration in erster Linie aus den Teenie-Filmen von John Hughes (Ferris macht blau, The Breakfast Club).

Wer das Trio aus London so betrachtet, ist schon in die Falle getappt. Ihr zweites Album The Looking Away, aufgenommen in einer zum Tonstudio umgebauten Kirche in London mit Produzent David Kosten (Bat For Lashes, Everything Everything), klingt zwar tatsächlich nach MGMT, Empire Of The Sun, Bombay Bicycle Club oder The Temper Trap, also genau der Indie-Speerspitze, die weder mit Eighties-Referenzen noch mit Melodrama ein Problem hat. Aber die Platte hat es faustdick hinter den Ohren und zeugt zudem von einer Detailliebe, Identifikation und Besessenheit, wie man das kaum für möglich halten sollte bei einem Trio, das sich auf der Kunsthochschule kennen gelernt hat. Die Band ist niemals bloß auf einen wirkungsvollen Effekt aus. Man darf sicher sein: Animal Kingdom fühlen sich im Studio deutlich wohler als auf einer Preisverleihung und sind lieber von Synthesizern umgeben als von Groupies.

„Wir wollten nicht nur traditionell mit Gitarre, Drums und Gesang daherkommen, sondern mit den Sounds spielen und eine Atmosphäre aufbauen. Das war auch der Grund, warum wir unbedingt mit David arbeiten wollten – um ein vielseitiges Album aufzunehmen, dessen Kern aber trotzdem aus richtig guten Songs besteht“, sagt Gitarrist und Sänger Richard Sauberlich über The Looking Away. Die Mission ist voll und ganz gelungen.

Erstaunlich ist dabei zunächst, wie introvertiert und beinahe schüchtern diese Musik daherkommt. In Strange Attractor, dem dritten Song des Albums, gibt es einen bezeichnenden Moment, der das unterstreicht: Der Track ist zumindest ansatzweise ein Hit, das mit Abstand plakativste Stück auf The Looking Away. Mit viel Pop-Wohlklang à la Roman Fischer legt es los und schwingt sich dann immer weiter auf. Aber kurz vor Schluss bricht diese Steigerung plötzlich ab, als seien Animal Kingdom geschockt von ihrer eigenen Unerschrockenheit. Es ist ein Moment wie im Zeichentrickfilm, wenn die Figur über eine Klippe hinaus rennt, über dem Abgrund schwebt – und erst dann abstürzt, wenn sie sich dieser Situation bewusst geworden ist.

Straw Man ist eine sehr subtile, filigrane Ballade. White Sparks, das in der Strophe an The XX und im Refrain an OMD erinnert (in der Summe also an Zoot Woman) wird ein wunderbar feinfühliges Liebeslied. Der Rausschmeißer Alone Together beginnt akustisch, pflegt dann eine sehr stilsichere Get-Well-Soon-Melancholie und wird am Schluss so glockenhell und hymnisch, dass man beinahe an die Münchner Freiheit denken muss. Selbst das Rauschhafte von Everything At Once, das klingt, als sei es nicht Herr seiner selbst und überwältigt von Sinneseindrücken, wird keine Explosion, sondern eher ein sanfter Taumel.

Noch weitaus faszinierender ist aber der Kontrast, den Richard Sauberlich (Gitarre), Hamish Crombie (Bass) und Geoff Lea (Schlagzeug) auf The Looking Away zwischen Form und Inhalt entwerfen. Denn bloß hübsch, glitzernd oder eingängig ist hier nichts. Selbst die schönste Melodie und der kuscheligste Klangteppich stecken bei Animal Kingdom voller Widerhaken. Mitunter lauert auch die eine oder andere Tretmine.

The Wave beispielsweise setzt gleich zum Beginn des Albums auf luftige Drums, einen Chor wie auf Drogen und eine Stimme, die mächtig nach Brett Anderson klingt. Statt eines harmlos-spacigen Popsongs wird hier aber die Geschichte erzählt, wie ganz England vom Meer verschlungen wird, während ein Liebespaar die Apokalypse betrachtet (das Ende von Fight Club lässt grüßen).

Das elegante Get Away With It hat einen attraktiven Mix aus Punch und Verträumtheit, entpuppt sich aber als Protestsong gegen die ungerechte Verteilung des Reichtums in der Welt. Skipping Disc klingt ebenfalls sehr hübsch, entspannt und derart zurückgenommen, als sei hier gar kein Publikum anwesend, als sei das Lied nie dafür gedacht gewesen, veröffentlicht zu werden. Aber der Text handelt vom Gefangensein in einem seltsamen Zwischenzustand, einem Hamsterrad, das von der eigenen Unentschlossenheit und Genügsamkeit angetrieben wird.

Die Zeilen „And I’m looking through you / and I’m looking into you“ im Refrain des komplexen Glass House wirken zunächst harmlos, zumal sie denkbar defensiv gesungen werden. Dieser Eindruck ändert sich aber schnell, wenn man den Kontext betrachtet: Glass House wird erzählt aus der Perspektive einer Schaufensterpuppe, die zugleich hohl ist und Projektionsfläche für die Wünsche des Betrachters. „Won’t you let me out“, heißt schließlich die verzweifelte Bitte.

Die Texte werden noch ein bisschen beeindruckender, wenn man den roten Faden entdeckt hat, der sie verbindet. „Es geht auf The Looking Away um eine Art selektive Aufmerksamkeit, oder vielmehr Unaufmerksamkeit. Eine Art Abspaltung. Wenn man den Blick abwendet. Wenn man etwas weiß und doch ignoriert. Wenn man sich entscheidet, wegzuhören, weil es unangenehm sein könnte“, sagt Richard Sauberlich. „Es geht auch um Mitschuld, wenn man selbst zulässt, dass die eigene Aufmerksamkeit abgelenkt wird.“ In The Art Of Tuning Out fassen Animal Kingdom diese Thematik am besten zusammen und beweisen wie auf dem gesamten Album: Pop muss noch lange nicht bedeuten, dass man sein Gehirn abschaltet.

Lieber nicht hingucken – das gilt natürlich nicht für das Video von Strange Attractor:

Homepage von Animal Kingdom.

 


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