Hingehört: Atomic Kitten – „The Greatest Hits“


Atomic Kitten: makelloser Abgang, feiner Pop.

Künstler Atomic Kitten
Album The Greatest Hits
Label Virgin
Erscheinungsjahr 2004
Bewertung ****

Mal ehrlich: Als Girl-Group hat man kaum eine Chance auf einen würdigen Abgang. Entweder man (besser: Frau) zofft sich, gerät sich möglichst spektakulär in die Haare, wirft jemanden raus aus der Band und alles ist aus (Spice Girls, Tic Tac Toe). Oder man zofft sich nicht, jedenfalls nicht öffentlich, aber jemand kommt auf den Ego-Trip, die anderen machen das nicht mit, und alles ist aus (Destiny’s Child, Bangles). Oder man verpasst einfach den richtigen Moment für den Abgang und wundert sich eines Tages darüber, dass sich niemand mehr für das neue Album interessiert (Bananarama, Salt’n’Pepa).

Lil, Jenny und Tash haben in dieser Hinsicht alles richtig gemacht. Am Anfang waren sie die Mädels von nebenan, etwas babyspeckig und mit manchmal sogar unreiner Haut, die immer den Eindruck machten, als seien sie gerade auf dem Weg zum Hennenabend. Am Ende waren sie waschechte Glamour-Girls, stets perfekt frisiert und geschminkt, für die man sich eigentlich gar keinen anderen Lebensraum als den roten Teppich oder das Fotostudio mehr vorstellen konnte. Genau so, wie das sein muss. Sie haben einen Haufen Hits rausgehauen und sich dann einfach zurückgezogen, zum Kinderkriegen und Geldausgeben und SichEndlichMalNichtMehrUmDieFigurKümmernMüssen. Ohne großen Krach, ohne Solo-Ambitionen. Makellos.

Und genau so makellos waren auch die besten Songs von Atomic Kitten. Perlen des Pop, Glanzstücke selbst in der an Diamanten nicht armen Girl-Group-Geschichte. Das unsterbliche Whole Again macht den Auftakt, ebenso verführerisch wie unschuldig, ebenso elegant wie inbrünstig. Auch The Tide Is High setzt auf dieses tiefe Grummeln im Harmoniegesang und schafft es tatsächlich, dem Blondie-Hit noch ein unwiderstehliches Break hinzuzufügen.

It’s OK! ist nicht bloß ein Ohrwurm, sondern eine Anaconda von einem Hit, und macht zudem die Stärke von Atomic Kitten deutlich: Es braucht hier keine Monsterbeats und keine prachtvolle Produktion. Die Power steckt in den Songs, in diesem Fall in einem fein synkopierten Gesang im Refrain und den herrlich absurden Streichern. Das mit im Hintergrund plonkerndem Klavier und dezenten Scratches ganz ähnlich konstruierte If U Come To Me ist ein einziger Rausch, ein Glückstaumel, eine Sonne von einem Song. Die Piano-Ballade Someone Like Me treibt den Minimalismus auf die Spitze, ohne mit all den fehlenden Instrumenten auch nur einen Bruchteil seiner Schönheit einzubüßen.

Eternal Flame macht nicht den Fehler, das Bangles-Pathos noch übertreffen zu wollen, sondern besticht mit Leichtigkeit und Karaoke-Charme. The Last Goodbye ist ein Wunder der Würde: Stolz, Kraft und Anmut im Moment der Niederlage. Das (wie einige andere der Hits) von Ex-OMD-Mann Andy McCluskey geschriebene Right Now 2004 ist ein Wirbelwind, anfeuernder als jeder Drill-Instructor. Die schlicht bezaubernde Liebeserklärung You Are richtet sich mit etwas Fantasie sogar an die Fans, Cradle hat einen ähnlichen Tenor und noch mehr Grazie.

Wo es zu solcher Zeitlosigkeit auf Seiten der Songs nicht reichte, hatten Lil, Jenny und Tash immer noch zwei Trümpfe im Ärmel: ihre Stimmen und ihre ansteckende, glaubhafte und mitreißende Fröhlichkeit. Das plumpe I Want Your Love, das ebenfalls etwas zu vordergründig Disco-stampfende Be With U, das seichte Love Doesn’t Have To Hurt oder das Kool & The Gang-Cover Ladies Night mögen keine Höhepunkte der Komponier- und Arrangierkunst sein, aber ein Lächeln oder ein kurzes Zucken in den Füßen rufen sie allemal hervor. Und was, bitteschön, will man von Popmusik mehr verlangen?

Ein Hingucker, vielleicht auch eine Liebeserklärung an die eigenen Fans: Das Video zu You Are:

Atomic Kitten bei MySpace.

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