Hingehört: Bee Gees – „Greatest Hits“ 4


Schlimmes Cover, schlimme Stimmen, aber alle Hits.

Künstler Bee Gees
Album Greatest Hits
Label Polygram
Erscheinungsjahr 1988
Bewertung ****

Eine der Bedingungen von Kunst ist die Übereinstimmung von Form und Inhalt. Die Brothers Gibb haben das leider nie verstanden, nie verstehen wollen oder nicht verstehen können – und sind deshalb nicht selten selbst missverstanden worden. Mit den Bee Gees assoziiert man Schnulzen und Eunuchengesang, dabei wollen Robin, Barry und Maurice in ihren Songs eigentlich etwas anderes ausdrücken.

Sie singen zwar Liebeslieder, aber fast stets Lieder von nicht erfüllter oder vergeblich gesuchter Liebe. Leider bemerkt das kaum jemand, weil sie ihr Bedürfnis in „schmeichelnde Melodien, süß wie gegorenes Obst und platt wie die norddeutsche Tiefebene“ (wie es der Musikexpress einmal formuliert hat) verpacken. Wie gesagt: Inhalt und Form stimmen nicht überein.

Das trifft auch auf die Texte zu. Die sind banal bis surreal, von Q nicht ganz unzutreffend als „Unsinnslyrik, die sich für tiefsinnig hält“ bezeichnet, aber ihnen wohnt eine nicht zu heilende Melancholie inne. „You don´t know what it´s like / to love somebody / the way that I love you“, ist da noch ein harmloses Beispiel. Schon deutlicher wird das ganze bei „Now I found / that the world is round / and, of course, it rains every day / if I remember all the things that I´ve done / I remember all the times I´ve done wrong / why do they keep me here?“ Die selbe Tendenz, gar vage Anspielungen auf Selbstmord in I´ve Gotta Get A Message To You.

Man kann diese Liste beliebig fortsetzen. Words, How Deep Is Your Love, I Kiss Your Memory, Don´t Forget To Remember, How Can You Mend A Broken Heart und so weiter. Die düstere Seite der Brothers Gibb. Faith No More haben sie mit ihrer Version von I Started A Joke (noch so ein Fall) schon ein wenig ausgeleuchtet. Ein Bee-Gees-Coveralbum von, sagen wir mal, Leonard Cohen, Tom Waits oder Lou Reed (ohne hier deren lyrische Qualität mit den Bee Gees gleichsetzen zu wollen) würde sicher bizarre Resultate bringen, aber eben diese Seite deutlich machen, und den Bee Gees damit vielleicht helfen, ihren Ruf als „die Band, von der keiner zugibt, dass er sie mag“ (London Evening Standard) loszuwerden.

Womit wir schon bei einem weiteren Bee-Gees-Problem wären. Diesen Stimmen. Es verwundert kaum, dass einige ihrer größten Songs erst in den Interpretationen anderer ihre Vollendung gefunden haben. Ob Janis Joplins To Love Somebody, Take Thats How Deep Is Your Love, Chain Reaction von Diana Ross oder Words von Elvis Presley. Maurice Gibb sieht in solchen Versionen „ein Komplimet für die zeitlose Klasse unserer Songs“ und hat damit wohl nicht ganz unrecht.

Diese Zusammenstellung (nur bei Zweitausendeins erhältlich und unsagbar lieblos gestaltet) bietet nur einen Ausschnitt ihrer fast schon vierzigjährigen Karriere voller Hochs und Tiefs, die Jahre 1969 bis 1981. Doch gerade diese Phase umfasst ihre größten Klassiker. Massachusetts und I´ve Gotta Get A Message To You mit ihrer seltsamen Mischung aus Beat, Soul und Orchesterschlager. Das großartige To Love Somebody, das Noel Gallagher über die Bee Gees urteilen lässt: „Eine phänomenale Gruppe. Ich wünschte, ich hätte diesen Song geschrieben“, wobei man bei ihm wieder einmal nicht weiß, wieviel Leichtfertigkeit und wieviel Lust zur Provokation in dieser Bewertung enthalten sind.

Kaum schlechter: Word, das die bereits erwähnte Verzweiflung in eine absurde Dramaturgie verpackt, mit Rock-Passagen und Glockenspiel. In The Morning bleibt hingegen ganz akustisch – ein Arrangement, das dem Song sehr gut zu Gesicht steht, leider aber nur selten genutzt wurde – und hätte durchaus ins Repertoire von Donovan oder Simon & Garfunkel gepasst.

Words und First Of May bringen dann erneut die Kombination von Hilflosigkeit und Glockenspiel, darüberhinaus perfekten Pop, einmal Sixties-selig im Stile der Hollies, einmal zeitlos, fast in der Nähe von Burt Bacharach. Saved By The Bell und August October sind dann ganz und gar Bee Gees, jeweils im 3/4-Takt und in jeder Hinsicht zu dick aufgetragen. I.O.I.O. gerät mit viel Schwung, karibischen Einlagen und beherrschtem Gesang fast untypisch. Melody Fair erinnert an die verspielteren Kompositionen von Paul McCartney.

Nicht mehr halb so vielseitig erleben die Gibbs ihren zweiten Frühling, die von ihnen mitbegründete Hi-Hat-Hegemonie, das Zeitalter der Schlaghosen. Hier wird teilweise bereits das Problem deutlich, das die Bee Gees dann später immer unerträglicher werden ließ. Zu sehr dem eigenen Rezept folgend, zu wenig Ideen. Living Eyes und Spirits sind nur noch seicht, Children Of The World sogar so schlecht, dass man kaum glauben mag, dass die selben Leute einst To Love Somebody komponiert haben.

Das Ende der Doppel-CD erinnert aber noch einmal an ihre Glanzzeiten. Tragedy, Night Fever, Stayin´ Alive, Jive Talkin´, Nights On Broadway und You Should Be Dancing sind praktisch die Disco-Ära, hinsichtlich Komposition und Produktion durchaus Abba ebenbürtig. Die Schweden lösten die Bee Gees dann ab, als die nichts mehr wagten, sich im eigenen Konzept festfuhren und – laut Welt zu einem Witz wurden, „über den sie selbst nicht mehr lachen können.“

Fast schon tragisch, wie Robin Gibb die Entwicklung der Musikszene sieht, sich selbst dabei aber nicht: „Die 70er waren einflussreicher, als viele damals wahrhaben wollten. Was man von den 80ern nicht behaupten kann – da ging’s ja los mit der Aufsplittung in Stile und Nischen. Was letztlich eine konservative Entwicklung war. Musik musste immer mehr limitierten Image-Vorgaben entsprechen und konnte nicht mehr so frei und verspielt sein wie früher. In den 90ern ist es noch schlimmer.“

Der britische Komiker Kenny Everett macht eine Art Interview mit einer Art Bee Gees:

Die Bee Gees bei MySpace.


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