Hingehört: Belle And Sebastian – „Dear Catastrophe Waitress“ 2


Trevor Horn holt den Pop in Belle And Sebastian hervor.

Künstler Belle And Sebastian
Album Dear Catastrophe Waitress
Label Rough Trade
Erscheinungsjahr 2003
Bewertung ****1/2

Waren Belle And Sebastian bisher eine Daunenfeder, die vom Frühlingswind über eine Wiese gehaucht wurde, so sind sie nun Schmetterlinge. Will sagen: Sie sind unschuldig und bezaubernd und verspielt wie eh und je, bestimmen jetzt aber selbst die Richtung. Sie sind etwas greifbarer geworden, etwas kraftvoller. Natürlich nur schmetterlingskraftvoll.

Dear Catastrophe Waitress, ist deshalb vielleicht die geeignetste Platte für Belle-And-Sebastian-Einsteiger. Das hat auch mit dem neuen Produzent Trevor Horn zu tun. Er verbirgt das Kauzige etwas – und stellt dafür den großen Pop in den Vordergrund.

Das Schlagzeug, bisher eher ein Randelement im beträchtlichen Instrumentarium der Schotten, scheint schon im Opener Step Into My Office, Baby endgültig aus der zweiten Reihe hervorpreschen zu wollen. Mit kräftigen Toms beginnt das Stück und verblüfft danach mit einer Klangvielfalt und einem Ideenreichtum, wie man es vielleicht seit Sgt. Pepper nicht mehr gehört hat. Allerlei Blech- und Holzbläser erklingen da, Streicher, ein Klavier und wunderhübscher A-Capella-Gesang. Von Überfrachtung kann dabei keine Rede sein: Alles ordnet sich fein dem Song unter und stützt ihn, statt ihn zu verbergen. Dass die Texte famos sind wie eh und je, braucht wohl kaum erwähnt zu werden.

Fast fassungslos macht dann das Titelstück. Eigentlich eine fast typische kleine Hymne. Doch was spielt sich da im Hintergrund ab? Pauken, Streicher, eine ganze Revue. Ein Wirbel voller Schönklang, der an Musicals oder (Achtung!) Operetten denken lässt und die Frage aufwirft, warum sich eigentlich sonst niemand mehr so viel Mühe bei seinen Liedern gibt.

If She Wants Me ist dann eine Alltagstragödie, wie wir sie von Belle And Sebastian kennen und schätzen, natürlich auch mit einem Spruch fürs Poesiealbum: „You are too young to put all of your hopes in just one envelope.“ I’m A Cuckoo bezaubert mit seiner Gitarrenmelodie und kommt so nahe an Mainstream-Pop heran, wie es Belle And Sebastian vielleicht noch nie waren. Eine herrlich wehmütige Orgel und ein selbstverständlich altmodisches Flöten-und-Saxofon-Break zieren das famose Wrapped Up In Books.

Dann wird es vollkommen größenwahnsinnig und betörend. Zunächst Lord Anthony, das Highlight der Platte. Hier noch von einem „Lied“ zu sprechen, wäre eine Frechheit. Es ist ein Werk, ein Diamant, ein Himmel! Von einem kleinen Jungen singt Stuart Murdoch da, von einem Außenseiter. Er weiß, wovon er spricht, daran gibt es keinen Zweifel – bei dieser Stimme, die so zerbrechlich ist und so voller Stolz wie die Geste am Ende des Stücks: „They call you Lord Anthony, but hey – it suits you anyway / you’ll soon be old enough to leave them / and without a notion of a care / you’ll lift two fingers in the air / to linger there.“

Dann If You Find Yourself Caught In Love, ein Gospel und eine Hymne. Schließlich Roy Walker mit reichlich wahnsinnigen Klängen (vom Glockenspiel bis zum Tischtennisball) und einem Refrain, der so platt ist und doch so unwiderstehlich, dass man an die Carpenters denken muss. Diese Musik ist so schön, wie Musik sein kann, und wie sie Heinrich Heine in einem Paganini-Konzert erlebt hat. Er soll hier das Schlusswort haben, weil es so gut passt – und wegen der Schmetterlinge:

„Die Töne treiben ein heiteres Spiel, wie Schmetterlinge, wenn einer dem anderen ausweicht, sich hinter einer Blume verbirgt, endlich erhascht wird und dann mit dem anderen, leichtsinnig beglückt, im goldenen Sonnenlichte hinaufflattert.“

Das Video zum grandiosen Lord Anthony:

Belle And Sebastian bei MySpace.


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