Hingehört: Blur – „Modern Life Is Rubbish“ 5


„Modern Life Is Rubbish“: der erste Quantensprung für Blur.

Künstler Blur
Album Modern Life Is Rubbish
Label Food
Erscheinungsjahr 1993
Bewertung ****1/2

Es gibt Bands, für die jedes neue Album ein Quantensprung ist. Blur zählen dazu. Nicht, dass das Debüt Leisure schlecht gewesen wäre. Bei weitem nicht. Doch was die Jungs auf dieser Platte veranstalten, ist eine ganz andere Liga.

Alles ist eine Nummer größer: die Affektiertheit, das Artwork, das Studio-Budget, die Produktion. Doch Gott sei Dank auch die Texte und die Songs. Es gab wohl 1993 kaum bessere Bands in Britannien, und Blur wussten das. Es ist ein Zeichen von Stärke, wenn eine Band die Gitarrenakkorde mit ins Booklet druckt und die Kompositionen auf diese Weise vollkommen transparent macht.

So können im Opener For Tomorrow gleich Kinks-Text, Phil-Spector-Streicher und Led-Zeppelin-Chöre aufeinanderprallen. Und irgendwo dazwischen (wahrscheinlich im „lalala“) stecken auch noch Blur.

Kleine Brötchen können ab jetzt die anderen backen, Advert ist gleich eine ganze Konditorei – inklusive Spielzeug-Klavier-Intro, Punk-Gitarre, Radio-Refrain und Sirenen. Wie für Colin Zeal gilt: Trotz aller Ambitionen funktionieren die Stücke in erster Linie emotional. Man kann wahlweise mitsingen oder Pogo dazu tanzen. Zudem ist Colin Zeal praktisch der Stammvater einer ganze Familie von namentlich bekannten Blur-Geschöpfen. Gleich im nächsten Song wird er den unter Druck stehenden Julian kennenlernen. Später sollten noch Peeping Thomas, Miss America, Rosie (mit der Villa), Tracy Jacks, Bill Barret, Yuko & Hiro, Ernold Sane und weitere dazukommen. Die Dominanz der dritten Person. Bis irgendwann jemand den neuen Slogan ausgab: Irony is over.

Doch Blur nutzten diese Phase der textlichen Distanz zu ihren Persönlichkeiten, um musikalisch zu sich selbst zu finden. Damon sucht nicht mehr (wie noch auf einigen Leisure-Stücken) nach seiner Stimme und bereichert den Band-Sound zudem mit allerlei Tasteninstrumenten. Alex James kann plötzlich richtig Bass spielen (und trotzdem noch dabei rauchen), Dave Rowntree schlägt so effektiv und unauffällig wie möglich seine Drums und Graham Coxon beginnt hier, die ungeahnten Möglichkeiten der elektrischen Gitarre auszuloten. Man höre sich nur Blue Jeans an: unverwechselbar Blur.

Ein Markenzeichen sollten auch die seltsamen Kirmesorgel-Lieder werden, die hier erstmals als Intermission und Commercial Break zu hören sind. Blur wussten wohl bereits um ihre erreichte Unverwechselbarkeit und Klasse, bei der sie sich so etwas erlauben dürfen. Sunday Sunday erinnert musikalisch und textlich an die Beatles und verliert das Duell gegen die Fab Four keineswegs. Was ja schon etwas heißen will.

Natürlich ist hier dennoch nur manches ganz gerade heraus. Oily Water beschwört Sonic Youth herauf, Miss America leiert vorzüglich. Coping ist nichts weiter als ein verkleideter Punk-Song, Turn It Up könnte beinahe von The Clash stammen.

Zum Schluss darf es in Resigned dann sogar noch einmal richtig melancholisch werden. „I think too much / on things I want too much / it makes me feel hateful / and I say stupid things / only you can fill my blank heart / an I´m resigned to that.“

Auf dem Cover ist übrigens eine Lokomotive zu sehen, und im letzten Satz heißt es im Booklet „Full steam ahead“. Wie treffend.

Der Clip zu For Tomorrow hätte auch gut zu London Loves gepasst:

Blur bei MySpace.


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