Hingehört: Cold War Kids – „Mine Is Yours“ 2


Schrullig, aber größer: "Mine Is Yours" von den Cold War Kids.

Schrullig, aber größer: „Mine Is Yours“ von den Cold War Kids.

Künstler Cold War Kids
Album Mine Is Yours
Label Downtown
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung ***

Wer hat wohl das einflussreichste Album der vergangenen drei Jahre gemacht? Lady Gaga? MGMT? Animal Collective? The XX? Alles gute Kandidaten. Die Antwort ist aber eine andere: Das einflussreichste Album der jüngeren Vergangenheit haben die Mainstream-Radiohörer gemacht.

Denn sie waren es, die King Of Leon in die Superstar-Liga katapultiert haben. Sie haben dafür gesorgt, dass Only By The Night zigfach Platin bekommen hat und plötzlich so etwas wie Stadionhits enthielt – obwohl sich der Sound der Followill-Bande eigentlich kaum geändert hatte. Aber wegen Only By The Night, und vor allem wegen des radiobedingten Mega-Erfolgs, wollten danach plötzlich alle wie die Kings Of Leon klingen – und dieser Effekt ist schließlich die Definition von „einflussreich“. Die Sportfreunde Stiller wandelten unlängst nicht nur optisch deutlich auf den Spuren der Kings Of Leon, die Shout Out Louds, leider auch Madsen und nun noch die Cold War Kids.

Für ihr am Freitag erscheinendes drittes Album haben sie Produzent Jacquire King engagiert. Genau: Der hat 2008 auch bei Only By The Night hinter den Reglern gesessen. Das war sicher nicht ganz billig, aber für die Cold War Kids steht schließlich auch eine Menge auf dem Spiel. Nach dem gelungenen Debüt Robbers & Cowards (2006 auf einem achtbaren Platz 35 im UK), dem patenten Nachfolger Loyalty To Loyalty vor fast zweieinhalb Jahren (in den USA nur knapp an den Top20 vorbeigeschrammt) und auch nach dem Ritterschlag, dass Kate Nash ihren Quasi-Hit Hang Me Up To Dry gecovert hat, warten sie weiter auf den ganz großen Wurf. Keine Frage: Mit Mine Is Yours wird sich entscheiden, ob sich die Cold War Kids als feste Größe etablieren oder womöglich schon in zwei Jahren vergessen sind.

Die gute Nachricht: Es sieht gut aus für die Cold War Kids. Nicht nur, weil Jacquire King der Band seinen patentierten Sound verliehen hat: wuchtig und doch leicht, ohne Scheu vor Pathos, aber mit einer nicht zu leugnenden Authentizität. Sondern auch, weil das Quartett seine eigenen Stärken hier noch besser zur Geltung bringt: einen Hang zum Schrägen, eine erfreuliche rhythmische Komplexität und den Mut zur großen Geste von Sänger Nathan Willett.

Schon der Titelsong gleich zu Beginn könnte nicht ambitionierte klingen, wenn er Wir werden die schwabbeligen Ärsche von U2 vom Rock-Thron kicken hieße. „Mine is yours“ – diese Quintessenz wird am Ende wie ein Mantra wiederholt, und auch anderswo wundert sich Willett in den Texten immer wieder über die Tatsache, dass er verheiratet ist. „Where did things get so serious?“ war die Frage, die er sich während der Aufnahmen immer wieder stellte, erklärt er: „For this record, I wrote about the joys and failures of committment all around me.“

Die Vorab-Single Louder Than Ever hat viel Schwung, einiges Hitpotenzial und teilt sich mit dem von einem Voodoo-Bass getragenen Royal Blue eine Verspieltheit, die an Vampire Weekend denken lässt. Bulldozer entwickelt, wen wundert’s, einen wunderbaren Drive. Ganz klar in der Tradition von Bruce Springsteen stehen das kraftvolle Finally Begin und der Rausschmeißer Upside Down, jeweils mit viel Romantik und einem dramatischen Ende.

Nicht alles funktioniert: Sensitive Kid will mit Computerbeats, Funk-Gitarre und Chören womöglich auf den Spuren von OK Computer wandeln, misslingt aber. Cold Toes vergisst beim Experimentieren, dass man auch im Blues zunächst einmal einen Ausgangspunkt braucht, von dem aus man sich dann in neue Dimensionen vorwagen kann.

Fast allen Stücken ist eins gemein: Sie beginnen vergleichsweise kompakt, oft wie ganz klassische Rocksongs, um dann am Ende auszufasern. Bestes Beispiel ist Out Of The Wilderness, das zunächst fast nur aus Schlagzeug und schrägem Hintergrundgesang besteht (und damit an die ruhigeren Momente von Clap Your Hands Say Yeah erinnert), dann plötzlich zu einem Joy-Division-Stück zu mutieren scheint und am Ende all den Pomp von Tim Buckley aufbietet. In der letzten Minute der Lieder wird oft besonders deutlich, warum die Cold War Kids gelegentlich das Attribut „schrullig“ verpasst bekommen haben. Das Gute für sie: Im Radio haben die Macher da schon längst ausgeblendet.

Cold War Kids spielen Louder Than Ever live. Manowar wären wohl nicht sonderlich beeindruckt:

Cold War Kids bei MySpace.

Eine kürzere Version dieser Rezension zu Mine Is Yours gibt es auch bei news.de.


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