Hingehört: Coldplay – „X & Y“ 8


Coldplay: nicht cool. Coldplay: sehr gut.

Künstler Coldplay
Album X & Y
Label Parlophone
Erscheinungsjahr 2005
Bewertung ****1/2

Warum Coldplay plötzlich nicht mehr cool sind, weiß der Himmel (und die britische Musikpresse). Die Band ist sich stets treu geblieben, ihre Musik höchstens besser, der Look schreit noch immer so laut „INDIE!“, dass die Cribs daneben aussehen, als hätten sie gerade eine Prada-Boutique ausgeraubt. Und trotzdem würden Hipster X & Y wohl nicht einmal mit der Kneifzange anfassen.

Natürlich gibt es Gründe dafür, und sie sind nicht schwer zu verstehen: die Stadion-Tournee, die Hollywood-Ehefrau, der Bono-Effekt. Chris Martin wirft sich auf der Bühne tatsächlich in Erlöser-Posen, samt mahnender Botschaft auf dem T-Shirt und anprangerndem Slogan auf den Handrücken. Und natürlich ist das lächerlich, vor allem von einem Mann, dessen Lyrik noch nie über das Niveau von pubertierenden Weltverbesserern hinausgekommen ist, die Afrika, das Klima und das Gesundheitssystem retten wollen. Oder auch bloß ihr Meerschweinchen.

Und doch muss man zu seiner Verteidigung sagen: Dieses Element der Hoffnung, das Versprechen auf das Licht am Ende des Tunnels, das stille Kopfschütteln über das unausrottbar Böse in der Welt – all dies waren von Anfang an zentrale Elemente der Coldplay-Philosophie. Keinen Deut ist die Gruppe von ihrem Weg abgewichen.

Natürlich bekritteln viele insgeheim schlicht, dass diese Lieder inzwischen von viel zu vielen Menschen geliebt werden, und so etwas hat ja immer zur Folge, dass Kunst an Homogenität einbüßt und viel zu viele verschiedene Dinge bedeutet, um noch einzigartig zu sein. Aber dass so viele Fans Coldplay gefolgt sind, kann man der Band wohl kaum ankreiden.

Zumal das Quartett auch auf dem dritten Album X & Y wieder eifrig versucht, das ihm huldigende Publikum vor den Kopf zu stoßen. Inzwischen fällt das kaum mehr auf, weil man die Hits nun aus dem Radio kennt und weiß, dass die exorbitanten Verkäufe dieser Platte wohl die Existenz der Plattenfirma Emi gerettet haben.

Doch wer diese Musik als Kuschelrock abtut, der muss ein reichlich irres Verständnis von Kuschelrock haben. Die erste Minute ist Walgesang mit einem Schreibmaschinen-Beat, im Refrain lärmen Gitarren und Schlagzeug, und nur Chris Martins Gesang, der sich in himmlische Höhen aufschwingt, bringt überhaupt so etwas wie Harmonie in Square One. Zerlegt man White Shadows in seine Bestandteile aus schräger Gitarre und rustikalem Schlagzeug, dann könnten diese Bausteine auch in Stücken von Sonic Youth, Nirvana oder Radiohead verkommen – auch wenn niemand der Genannten dem Stück dann einen derart packenden Refrain oder ein auch nur annähernd so göttliches Ende verpassen könnte. Talk sampelt tatsächlich Kraftwerk, mit deren Segen (und was könnte cooler sein?).

Der Titelsong vereint arabische Elemente mit der spinnerten Weltraum-Lyrik von Muse und einem Streicher-Outro, das den Beatles Ehre gemacht hätte. Im Hintergrund von Low flattern Gitarrentöne wie Schmetterlinge, der Refrain hat einen unerbittlichen Drive, der an – jawohl – Hardrock denken lässt, danach werden Gläser geprügelt und Streicher gefoltert.

Daneben gibt es das, was es bisher auf allen Coldplay-Platten gab, und nirgends in solch perfekter Form wie von diesen vier Briten: Momente purer Schönheit, zum Dahinschmelzen naiv, pur und echt. What If ist so einer, die Strophe ganz und gar herzzerreißend, der Refrain vertonte Leidenschaft, ein Höllenritt gen Himmel, auf Streichern und durch Festungswände von Gitarren. Auch Kingdom Come, der akustische hidden track: ein offenes Gitarren-Tuning, wie es Led Zeppelin geliebt haben, eine nostalgische Orgel, und diese Stimme, an der sich alle verlorenen Seelen dieser Welt wärmen können.

Die Unbedingtheit und Schlichtheit von A Message ist entwaffnend, hübschere und elegantere Liebesgeschichten als The Hardest Part oder Swallowed In The Sea wird man kaum finden. Das schlicht perfekte Fix You wird eine Verheißung, so groß und glaubwürdig, dass es eine Religion begründen könnte: „Lights will guide you home / and ignite your bones / and I will try to fix you“, singt Chris Martin, und dann sprengen ein monströses Schlagzeug und eine schreieinde Gitarre förmlich Raum und Zeit, die Erdanziehung und die Erbsünde. Am Ende des Taumels steht erneut das Versprechen, dass alles gut wird. Das ist vielleicht blauäugig. Vielleicht ist es aber auch alles, was man in dieser Welt bekommen kann.

Das unerreichte Fix You live beim Glastonbury:

Coldplay bei MySpace.