Hingehört: Fotos – „Porzellan“ 2


Auf "Porzellan" werden Fotos zu Shoegazern.

Auf „Porzellan“ werden Fotos zu Shoegazern.

Künstler Fotos
Album Porzellan
Label Snowhite
Erscheinungsjahr 2010
Bewertung ***1/2

„Kein Glitter und kein Glanz scheint mir erstrebenswert“, heißt die erste Zeile auf Porzellan, dem gerade erschienenen dritten Album von Fotos. Derlei Abneigung gegen Effekthascherei ist natürlich zu begrüßen. Gegen einen hübschen Effekt scheinen die Jungs aus Hamburg aber nichts zu haben.

Denn das ist der Erste, was an Porzellan auffällt: Die Platte klingt verdammt gut. In puncto Produktion (Olaf Opal) und Mastering wurde hier Meisterhaftes geleistet.

Das Zweite, was auffällt: die Texte. Es wimmelt in den elf Liedern von starken, lyrischen Begriffen wie Ewigkit, Gift, Fieber, Wunde, Sturm. Große, bedeutende Worte. Doch sie bedeuten wenig – und das ist auch nicht schlimm. Denn Sänger Tom Hessler hat es ganz offensichtlich nicht auf Inhalt angelegt, sondern eher auf Lautmalerei. Songs wie das geheimnisvolle Nacht, das es irgendwie schafft, Depeche Mode mit der Münchner Freiheit zu vereinen, zeigen: Er benutzt seine Stimme wie ein Instrument, und geht mit Wörtern fast so um wie jemand, für den Deutsch eine Fremdsprache ist: er forscht dem Klang der Worte nach, lässt sich von putzigen Konsonanten und überraschenden Verwandtschaften beeindrucken.

Das zeigt nicht nur, dass er Pop verstanden hat. Die Texte führen damit zudem vor Augen, was auf Porzellan auch für die Musik gilt: Hier geht es nicht so sehr um Songs, sondern um Sound. Brian Eno lässt bei den elektronischen Passagen grüßen. Wenn Fotos die große Geste üben, dann ist das nicht allzu weit weg von Glasvegas.

So schält sich der Opener Alles schreit nach rund 100 Sekunden aus seltsamen Frequenzen, und dann gibt es so etwas wie eine Wuchtwalze, samt Fuzz-Bass und BRMC-Gitarren. Es folgen viele ähnlich hymnische Momente. Angst und Raben haben das deutlich größte Hitpotenzial des Albums. Der Titelsong und der Rausschmeißer Wellen (mit einer ganz sanften Gitarre, die den Sun King der Beatles belehnt) sind riesengroß – und wollen das auch sein. Auf Feuer klingt Sänger Tom Hessler am Beginn wie Andreas Dorau und am Ende wie Steve Harley.

Dazu kommen ein paar Ausflüge in Richtung New Wave (On The Run) und NDW (Mauer). Mit dem reduzierten Wasted ein famoser, ganz klassischer Rocksong. Und mit Ritt eine bezaubernde Balladen-Skizze mit feinem Picking à la Nick Drake.

Immer sind die Stücke eher ein Versinken als ein Ausbrechen. Der Blick wird niemals gehoben, und auch das Tempo nur selten angezogen. Zum einen müssen alle Beteiligten wohl ständig ihre Effektpedale im Auge haben, zum anderen wollen Fotos sicherlich nicht durch so etwas Profanes wie Blickkontakt von ihrem Sound ablenken. Keine Frage: Fotos sind Shoegazer geworden.

Ein kleiner Ritt durchs Fotos-Studio:

Fotos bei MySpace.


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