Hingehört: Glasvegas – „Euphoric Heartbreak“ 3


Auf "Euphoric Heartbreak" finden Glasvegas kein Glück, aber immerhin Erlösung.

Auf „Euphoric Heartbreak“ finden Glasvegas kein Glück, aber immerhin Erlösung.

Künstler Glasvegas
Album Euphoric Heartbreak
Label Sony
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung ***1/2

Es ist leider nicht überliefert, wie viele Platzverweise James Allan in seinen 105 Spielen als Fußballprofi bekommen hat. Aber es müssen eine Menge gewesen sein für den Mann, der die Fußballschuhe dann gegen Sonnenbrille, Lederjacke und Gitarre eintauschte und zum Frontmann von Glasvegas wurde. Denn es liegt auf der Hand: James Allan ist ein Sünder.

Daran lässt Euphoric Heartbreak, das zweite Album der Band aus Schottland, keinen Zweifel. Die Erkenntnis kann auch kaum überraschen, schließlich widmeten sich Glasvegas schon mit einigen der besten Songs ihres Debütalbums dem Bösen in uns und seinen Folgen: Daddys’s Gone (Verrat an der Familie), It’s My Own Cheating Heart That Makes Me Cry (Betrug an der Liebsten) und Flowers And Football Tops (Mord) sind nur drei Beispiele dafür.

Auf Euphoric Heartbreak ist diese Thematik noch eindeutiger. Es gibt hier keinen Moment, in dem Glasvegas glücklich, sorgenfrei oder ausgelassen wären (was schon eine Leistung ist, wenn man bedenkt, dass James Allan die Songs in Santa Monica geschrieben hat, bevor sie dann in London unter der Regie von Flood aufgenommen wurden). Stattdessen ist da immer der erzkatholische Gestus dessen, der gerne gut sein möchte, es aber einfach nicht schafft.

Man kennt das vom Debüt, und auch Euphoric Heartbreak hat einige Momente, in denen man froh ist, dass große Teile der britischen Inseln dann doch protestantisch geprägt sind. Nicht auszudenken, wie die Popmusik klingen würde, wenn alle Bands ihr Leben im Sündenpfuhl des Popgeschäfts so moralisieren würden wie Glasvegas! Doch es gibt auch neue Elemente auf Euphoric Heartbreak. Bedenkt man, wie stilsicher und ausgetüftelt Glasvegas war, dann ist es sogar im höchsten Maße erstaunlich, wie weit sich die Band vom Sound ihres Debüts entfernt hat.

Whatever Hurts You Through The Night ist ein gutes Beispiel dafür. Nach ein paar sehr plakativen Schlagzeug-Schlägen gibt es noch plakativere Kirchenglocken – nicht der einzige Synthie-Sound auf dieser Platte, der die Grenze zum Kitsch zumindest touchiert. Dazu singt James Allan in einer hohen Stimmlage, die er ganz neu entdeckt zu haben scheint, was ebenfalls die Eighties-Ästhetik des Songs verstärkt. Aber die Komposition ist stark genug, um all das zu tragen und aus Whatever Hurts You Through The Night eine feine Ballade über Fernweh, Frust und Fantasie zu machen.

The World Is Yours, der erste Song des Albums nach dem Spoken-Word-Intro Pain Pain Never Again, hat in der Strophe die dezent elektronische Wucht von Kasabian, der Refrain ist voller Größe und Majestät. Die Single Euphoria, Take My Hand setzt auf ein catchy Gitarren-Riff. Shine Like Stars ist mutig genug, sich an ein Yesterday-Zitat zu wagen und könnte mit seinen Synthie-Klängen, fiebrigen Gitarren und der satten Dosis Pathos auch gut zu den White Lies oder The Big Pink passen. I Feel Wrong (Homosexuality, Pt. 1) hat eine tolle Dramaturgie und nach zwei Dritteln des Albums bekennt James Allan dann endlich auch, was wir eh schon alle wussten: „Forgive me father, for I have sinned.“

Absoluter Höhepunkt ist Lots Sometimes (im Prinzip der Rausschmeißer vor dem Spoken-Word-Outro Change, in dem die Mutter von James Allan ein paar schlaue Sachen sagen darf). Den scheinbaren Widerspruch des Titels greift James Allan auf, um mehr als sieben Minuten lang die Gefühle zu reflektieren, die er beim Gedanken an ein offensichtlich weit entferntes Gegenüber hat: Sehnsucht, Trauer, Schmerz, Dankbarkeit, Wut, Nostalgie, Misstrauen. All das spürt er, ganz sehr, manchmal – und ganz offensichtlich häufiger und intensiver als ihm lieb ist. Am Ende jeder Zeile stehen die Worte „lots sometimes“, und dass er sie insgesamt 48 Mal nennt, singt und schließlich herausschreit, entwickelt eine grandiose Kraft.

Nicht alle Songs sind so gelungen. You setzt auf die treibenden Drums, die längst ein Markenzeichen von Glasvegas geworden sind, bleibt aber etwas plump. Auch Stronger Than Dirt (Homosexuality, Pt. 2) geht schnell die Luft aus. Dream Dream Dreaming erstickt im Bombast.

Gerade deshalb wird aber die Magie von Glasvegas deutlich: Euphoric Heartbreak ist viel stärker als die Summe seiner Songs. Es ist tröstlich, kathartisch, leidenschaftlich, voller Reue und doch voller Hoffnung. Das Album funktioniert, um im Bild zu bleiben, wie ein Beichtstuhl: Allein dadurch, dass Glasvegas ihre Sünden und Verfehlungen zum Ausdruck bringen, sind sie erlöst. Und wir gleich mit.

Glasvegas spielen Lots Sometimes live in Liverpool:

Glasvegas bei MySpace.


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